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Kulturhauptstadt : Zwei Sieger und keine Verlierer

  • Aktualisiert am

Jubel in Essen nach der Entscheidung Bild: dpa/dpaweb

Görlitz und Essen dürfen sich Hoffnungen auf den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“ machen. Die acht gescheiterten Bewerberstädte geben sich trotzig: Als Verlierer sieht sich keiner, die Kandidatur habe sich gelohnt.

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          Es ist wie nach einer politischen Wahl, sei es im Bundestag oder im Landtag: Selbst wenn es einen oder zwei klare Sieger gibt und folglich alle anderen im Grunde Verlierer sind, sehen sich sämtliche Teilnehmer als Gewinner. Oder stellen sich jedenfalls so dar.

          Am Donnerstag abend hat eine Berliner Expertenkommission vorgeschlagen, die Städte Görlitz und Essen ins Rennen um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“ zu schicken (siehe auch: Essen und Görlitz vorgeschlagen). Acht weitere Kandidaten bleiben auf der Strecke, sofern sich der Bundesrat dem Urteil der Experten anschließt. In Görlitz und Essen ist die Freude naturgemäß groß. Und bei ihren unterlegenen Konkurrenten? Ihre Reaktionen pendeln zwischen Enttäuschung, Trotz und der Beteuerung, sich selbst auf der Siegerseite zu wähnen - als wäre nicht die Nominierung, sondern die Bewerbung schon das Ziel gewesen.

          „Großer Imagegewinn“

          Für Braunschweig etwa, so Niedersachsens Ministerpräsident Wulff (CDU), habe die Sache einen „großen Imagegewinn“ gebracht: „Die Region Braunschweig hat ihre eigene Identität gestärkt.“ Und die Fernsehmoderatorin Nina Ruge, die Braunschweig als „Botschafterin“ unterstützte, behauptet gar: „Man ist endlich wer.“ Bremens Bürgermeister Scherf (SPD) gibt sich „überzeugt, daß die Stadt von Geist und Aufbruchstimmung der Bewerbung auch weiter zehren und profitieren wird“. Kultursenator Peter Gloystein sagt: „Bremen bleibt und wird immer mehr Kulturstadt.“ Martin Heller, künstlerischer Leiter der Bremer Bewerbung, mutmaßt, „daß die schwierige Haushaltslage des Landes bei der Entscheidung der Jury eine Rolle gespielt haben könnte“.

          In Potsdam, glaubt Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka, habe das Nachdenken über Stärken und Schwächen sowie mögliche Ziele „doch einiges ausgelöst“ und die Stadt vorangebracht. „Wir haben auch die Brüche und die Vielschichtigkeit Potsdams dargestellt. 'Zu schön' war Potsdam für die Jury sicher nicht“, verteidigte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Bewerbung.

          „Politisch voraussehbar“

          „Es ist viel bewegt worden, es sind neue Netzwerke entstanden und Karlsruhe ist auf der Kulturlandkarte Deutschlands deutlich präsenter geworden“, lobte Oberbürgermeister Fendrich (CDU) seine Stadt. Wissenschaftsminister Frankenberg (CDU) nannte Karlsruhes Ausscheiden „ehrenvoll“. „Es war politisch voraussehbar, daß sich strukturschwache Regionen durchsetzen werden“, sagte der Chef des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Peter Weibel.

          Halles Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) regierte „natürlich enttäuscht, aber keineswegs entmutigt“ auf die Nachricht. Die Bewerbung habe sich dennoch gelohnt. Halle habe Sympathien gewonnen und sei im Kulturleben bundesweit und darüber hinaus bekannter geworden. „Die Projektarbeit hat unserer Stadt Gewinn gebracht. Wir haben Ideen produziert und unseren Blick geschärft“, sagte Regensburgs Oberbürgermeister Schaidinger (CSU).

          Benimmregeln von Grass

          Kassels Oberbürgermeister Lewandowski nannte die Entscheidung für Essen und Görlitz und gegen seine Stadt „unerwartet“. Dennoch werde „die Dynamik des begonnenen kulturellen Stadtentwicklungsprozesses in Kassel weitergehen. Kassel hat bereits gewonnen, auch wenn die Jury offenbar andere Schwerpunkte in ihrer Beurteilung für wichtig gehalten hat, als die Stadt sie mit ihrer Bewerbung hat vermitteln können.“

          Für Lübecks Bürgermeister Saxe (SPD) hat sich „die Bewerbung hat sich auf jeden Fall gelohnt. Viele Projekte, die wir im Rahmen der Bewerbung genannt haben, werden wir weiter mit Nachdruck vorantreiben.“ Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Simonis (SPD) teilte mit: „Lübeck hat trotzdem gewonnen, weil die Bewerbung ganz Deutschland gezeigt hat, mit welch großer Begeisterung eine ganze Stadt hinter der Kultur steht.“ Der in Lübeck geborene Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass forderte die Stadt auf, sich trotz des Scheiterns „als Kulturhauptstadt zu benehmen und betragen. Die Substanz ist da.“

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