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Kulturhauptstadt Graz : Aus, aus, das Spiel ist aus

  • -Aktualisiert am

Abschied im Licht: das Grazer Rathaus Bild: dpa/dpaweb

Katerstimmung: Für Graz war das Jahr als Kulturhauptstadt Europas mit seinen vielen Flitterwochen ein so berauschendes Erlebnis, daß die Rückkehr in den Alltag von Kopfweh und Klagen begleitet wird.

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          Katerstimmung in Graz. Aber ist das nicht normal? Die neuen Stars auf der europäischen Kulturhauptstadtbühne, Genua und Lille, warten schon auf ihren Auftritt - und für Graz ist ein Jahr, wie keines mehr kommen wird, schon wieder Vergangenheit. Freilich kommt da Wehmut auf. Und auch der Erfolg will verkraftet werden. Das Kulturhauptstadtjahr mit seinen vielen Flitterwochen war ein so berauschendes Erlebnis, daß die Rückkehr in den Alltag von Kopfweh und Klagen begleitet wird. Zumal dieser durch den plötzlich sichtbaren Schuldenberg der Stadtgemeinde finanziell äußerst beengt ist. Aber auch dieses dicke Ende eines Kulturfestes ist so ungewöhnlich nicht.

          Graz darf alles, hieß der ausgegebene Slogan, und ein Jahr lang durfte und tat Graz auch alles. Der brave Uhrturm auf dem Schloßberg bekam einen coolen Schatten, keiner regte sich lang darüber auf; in der Mur schimmerte nachts eine Muschelinsel, jeder wollte darauf einmal flanieren und einen Kaffee trinken. Die große Stadtunterhaltung lief mit so spielerischer Leichtigkeit, daß sich ihr auf Dauer nicht einmal Event-Muffel entziehen konnten. Tausend Dinge aller Art mußten im "Graz 2003" erlebt werden. Eine von den Kulturstadtmachern mit allen Mitteln angestrebte Aufbruchsstimmung riß die nach goldenen Literatur- und Musikprotokolljahren wieder einmal in die Jahre gekommene Landeshauptstadt der Steiermark tatsächlich aus ihrer Lethargie.

          Die Next Generation

          Die durch Kunstinstallationen aufgepeppte Altstadt, seit 1999 mit dem Unesco-Titel "Weltkulturerbe" ausgezeichnet, hatte einen frischen Pfiff, dem vor allem auch die jungen Leute folgten. Der "next generation", darunter fünfzigtausend Studenten, Sauerstoff zuzuführen war ein erklärtes Ziel des Jahres. Und wirklich, Graz lag nun nicht mehr in einem abgeschiedenen, in sich versponnenen Jammertal, wo kulturelle Honoratioren wie auch die dazugehörigen Wadenbeißer ihre Süppchen kochten, sondern eigens nach Graz kamen nun Leute aus aller Welt, um - unglaublich - Graz zu sehen. Sogar in Wien, der naturgemäß arroganten Hauptstadt, wurden leicht erstaunte bis neidische Ratschläge gegeben, doch einmal über den Semmering zu fahren: "Lachen Sie nicht, Graz hat sich gemausert!" Wenn dann auch noch in der "New York Times" Berichte über die Kulturhauptstadt erscheinen, dann muß an unserer Stadt ja doch etwas dran sein - Seite für Seite wich das skeptische Lebensgefühl einem neuen Selbstbewußtsein. Diese neue Stadtidentität kann "Graz 2003" als wohl wichtigsten Gewinn verbuchen.

          Die Bilanz läßt sich auch in Zahlen sehen. Zweieinhalb Millionen Menschen besuchten Tausende Veranstaltungen von hundertsieben Projekten, die von Bezirksausstellungen bis zur "Lost Highway"-Oper der Grazer Komponistin Olga Neuwirth reichten. Die Hoteldirektoren der zweitgrößten Stadt Österreichs - sie zählt zweihundertfünfzigtausend Einwohner - jubelten über ein Übernachtungsplus von durchschnittlich fünfundzwanzig Prozent. Prompt wurde der Kulturhauptstadt "Graz 2003" in London auch noch der "Globe Award" für das weltweit beste Tourismusprojekt überreicht.

          Gafferhafter Konsum

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