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Kulturhauptstadt Breslau : Nach dem Versöhnungskitsch kommen die Künstler

Bild: F.A.Z.

Viele Identitäten, deutsche Spuren und ein Hauch Gelassenheit in Zeiten des Rechtsrucks in Polen: Ein Besuch in Breslau, der Europäischen Kulturhauptstadt 2016.

          Was heißt und zu welchem Ende braucht man eine europäische Kulturhauptstadt? Nun ja, zuerst soll sie wohl das Image verbessern und langfristig Geld einspielen. „Es ist wichtig, Touristen anzulocken“, sagt Steffen Möller, der bekannteste Deutsche in Polen. Der 47 Jahre alte Kabarettist, Entertainer und Buchautor, zeitweilig sogar Filmstar in einer polnischen Fernsehserie, in der er mit Erfolg den leicht vertrottelten Deutschen gab, widmet sich einer großen Portion Leber. Wir sitzen an einem sonnigen Tag in Breslau in einem Restaurant, einen Steinwurf entfernt spielt ein Mann mit Sonnenbrille weiche Melodien auf einem verstärkten Flügel, zum spätgotischen Rathaus sind es nur ein paar Schritte. Postkartenwetter, Postkartenstimmung. Aber Tourismus sei nicht alles, sagt Möller. „Polen braucht jede Verbindung zum Westen, die es kriegen kann, und es ist gut, dass das Kulturhauptstadtjahr ein Gegengewicht zum ersten Jahr der Kaczynski-Regierung bildet.“ Wir fragen, wie bedrohlich der neue Rechtskurs denn wirklich sei. „Polen fühlt sich in Europa zurückgewiesen, doch es gibt eine Gegenbewegung zum Nationalismus“, erklärt Möller. „Vielleicht haut die neue Rechte, gestützt von der Kirche und Radio Marya, nur noch ein letztes Mal auf die Pauke, bevor sie ihren Einfluss verliert.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Breslau - polnisch Wrocław - bietet in diesen Tagen ein ausgesprochen entspanntes Bild. Dafür sorgen schon die mehr als hunderttausend Studenten, aber ein materieller Ausdruck dafür sind auch die Zwerge, die zu Hunderten über Breslau verteilt sind - ein unschuldiges Wahrzeichen, das eine Stadt mit einem Übermaß an Geschichte und komplizierter Erinnerungskultur sich erst im neuen Jahrtausend angeschafft hat. Vor einem Hotel liegt ein Zwerg, der schläft. An der berühmten alten Universität steht ein Zwerg mit Brille, der in einem dicken Buch liest. Anderswo sitzen, klettern, hängen sie an Verstrebungen und Gerüsten. Für Besucher gibt es sogar eine Zwergenführung.

          Die Wunden verheilen nur langsam

          Hinter den kleinen bronzenen Kerlen steckt politischer Sinn. Die „Alternative in Orange“, eine anarchisch-kulturelle Protestbewegung gegen Polens kommunistisches Regime, benutzte in den siebziger Jahren immer wieder Zwerge als Symbol des Widerstands: ins Auge stechend, doch politisch unverdächtig, so allgegenwärtig wie ungreifbar. Mit den Wichteln wurden auch Parteiplakate übermalt - staatsfeindliche Parolen konnten den Aktivisten nicht zur Last gelegt werden. Als Breslau 2005 nach einem aussagekräftigen Symbol für die Stadt suchte, wurde das Zeichen wiederaufgenommen. Inzwischen, nach dem Marsch durch die Institutionen, werden die Zwerge von der Kommune registriert, sind anmelde- und steuerpflichtig: als städtische Zwerge (an öffentlichen Gebäuden), als gewerbliche (Hotels, Restaurants) und private Zwerge (an Wohnhäusern). Wenn es heute erst 350 Zwerge sind, könnten es schon bald viel mehr sein, denn der Niedlichkeitsbedarf ist noch längst nicht gestillt.

          Anmeldepflichtig: Zwerge in Breslau

          Das liegt auch daran, dass die Wunden, die Krieg und Vertreibung geschlagen haben, nur langsam verheilen. Vom zehnten Jahrhundert an sind die polnischen Piasten-Herzöge als Herrscher belegt, danach wurde Breslau von einer Krone an die nächste weitergereicht: an die Böhmen, die Ungarn, im 16. Jahrhundert an die Habsburger. Die Schlesischen Kriege Friedrichs des Großen brachten Breslau unter preußische Herrschaft, bevor sich im Deutschen Reich mit dem Aufstieg zur drittgrößten Stadt des Landes auch schon der Untergang vorbereitete. Die Nationalsozialisten klammerten sich an die hohe Symbolik der „Festung Breslau“, bis sie in Schutt und Asche lag; das westlich von der Stadt gelegene Konzentrationslager Groß-Rosen wurde im Januar 1945, während die Rote Armee die deutsche Wehrmacht vor sich her trieb, zum Ort des Grauens. Und mit Flucht und Vertreibung begann die Nachkriegsgeschichte, die für Breslau einen weiteren Identitätswandel, ein neues politisches System und eine neue Bevölkerung bedeutete. Polen und Ukrainer zogen ein, wo vorher Deutsche gewohnt hatten.

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