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Kulturhaupstadt : Brügge: Lehrer, Schüler und andere Leute lernen von der Kunst

  • -Aktualisiert am

Bilder einer Ausstellung: „Inside Out” - Brügge privat, in Tiefgaragen plakatiert Bild: David Desreumaux

Drei Projekte mit zeitgenössischen Künstlern nehmen in der Kulturhauptstadt Brügge ungewöhnliche Dialoge auf.

          Wer in diesen Wochen mit dem Auto ins flämische Brügge einläuft, stößt früher auf Kunst, als ihm vielleicht lieb sein mag. "Inside Out" gibt in den Tiefgaragen der diesjährigen Kulturhauptstadt Einblick hinter private Fassaden der Stadt.

          Schwarz-weiß und in Farbe prangen plakatgroße Fotos von den Auspuffgas verschmutzten Wänden. Hier ein Po im Schaum, dort ein Kind beim Spiel auf dem Sofa oder ein Hund, der sich am offenen Fenster sonnt. Wie auf Gemälden Vermeers sind Mensch und Tier gelassen mit sich selbst beschäftigt. Schmeichelnd fällt Sonnenschein herein, stehen Sofas im richtigen Winkel zum Licht, geben Zimmer in historischen Häusern viel Raum zum Denken. FAZ.NET gibt in seiner Bild für Bild Strecke eine Auswahl dieser Aufnahmen wieder.

          Autofahrer als Ausstellungsbesucher

          Eine Gruppe zeitgenössischer Fotokünstler war anlässlich von Brügge2002 dazu eingeladen, intime Aufnahmen vom Leben Brügger Bürger zu machen. Nun transportieren die vergrößerten Fotos Leben nach außen und machen öffentlich, was sonst verborgen bleibt. Und dies an Orten, Parkgaragen, die selbst verborgen sind und zu allem anderen als zum Verweilen einladen. Mobilität und Flüchtigkeit begleiten die entwaffnend offenen Bilder, aus Schutzräumen in Schutzräumen, wie ineinandergeschachtelt, lapidar, selbstverständlich ohne lauthals "Kunst" zu präsentieren.

          Pausen, die zeitlos unter den Augen eines mittelalterlichen Mönches im Fenster in Brügge wach verlesen werden. Bilder, die aus dem Projekt „Inside Out” der Kulturhauptstadt Brügge stammen und in Parkgaragen plakatiert Realitäten aufeinander prallen lassen

          Manager als Kunststudenten, Schüler als Künstler, Künstler als Lehrer

          Dieses Einschleusen von zeitgenössischer Kunst in Abläufe des Alltags ist ein Grundkonzept, das in diesem Jahr in Brügge aktiv aufgegriffen wird. So arbeiten sechs Künstler als "Künstler in Residence" mit sechs Schulklassen und sechs Firmen. In Diskussionen kommen Fragen über Produktionsprozesse, gesellschaftliche Verantwortung und Zukunftsperspektiven zum Tragen, die als Performance, Video oder Installation künstlerisch umgesetzt werden sollen und über ein halbes Jahr ein spannendes Experiment darstellen.

          Pädagogik-Studenten als Ausstellungsbesucher

          Ein drittes Projekt begann ebenfalls zum Auftakt von Brügge 2002: "Attachment+" zeigt zeitgenössische Kunst aus solchen Privatsammlungen, die sich auf Konzepte spezialisiert haben und statt handhabbarer Kunst Ensembles, Projektionen oder Videoinstallationen zeigen. So wird man bereits im Eingangsbereich einer neogotisch gebauten Lehrerbildungsanstalt - mit Betonung auf "Anstalt" - von dem Künstler Honoré d'O auf aufblasbare Sessel gebeten, um auf kleinen Folien Diaprojektionen aufzufangen und sich auf diese Weise wie eine Biene nach eigener Lust von Bildern zu nähren, die im Raum schweben.

          Einige Wochen lang werden Besucher und Bürger mit ungewöhnlichen Strategien - beim Parken, in der Schule oder Hochschule - mit Kunst gespeist. Neue Dialoge entstehen. Touristen geraten an Orte, die ihnen sonst verborgen blieben. Schüler und Manager lernen, wie zeitgenössische Kunst entsteht und Fragen aufwirft. Angehende Lehrer integrieren Kunst und Besucher in ihren Lehralltag. Das Konzept von Brügge2002 ist mehr an Prozessen interessiert als an Repräsentation. Für den Betrachter bedeutet das viel eigenen Einsatz und befriedigt den Hunger nach "Event" auf intelligente Weise. Wie immer, Gewinn für den, der es wagt, sich darauf einzulassen.

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