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Kulturgut Alkohol : Rettet das Rauschtrinken!

  • -Aktualisiert am

Bacchus-Umzug in New Orleans Bild: REUTERS

Nach den Exzessen des Karnevals wird der Ärger mit den Suchtexperten wieder groß sein. Dabei ist der Alkoholrausch eines der wertvollsten Kulturgüter, die wir haben. Ein Einwurf gegen das Genuss- und für das Wirkungstrinken.

          6 Min.

          Klingt wie ein Märchen, ist aber keins: Es war einmal ein König, der mit seinem Nachbarkönig ein paar ernsthafte Streitigkeiten hatte. Beide waren ehrgeizig und etwa gleich stark. Vielleicht war der andere sogar noch ein bißchen stärker, das war schwer zu sagen. Wenn es aber schwer zu sagen ist, ob man im Zweifel gegen den anderen gewinnen kann - was tut man dann? Man geht gemeinsam einen trinken.

          Die Erkenntnis, daß nach ein paar Gläsern Wein die Welt schon ganz anders aussieht, daß nach ein paar Flaschen davon die Differenzen plötzlich gar nicht mehr so groß erscheinen - und daß man über alles reden kann, wenn das Reden für Außenstehende erst einmal angefangen hat, wie Lallen zu klingen: Diese Erkenntnis hat zur Gründung der einzigen Geheimgesellschaft geführt, die jemals einen sinnvollen Zweck hatte, oder wenigstens gute Laune.

          Ihr Name war: Die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit.

          Arbeiten hieß für die Gesellschaft: Trinken

          Es war August der Starke, König in Polen und Kurfürst von Sachsen, der diese Gesellschaft gründete. Und sie erfüllte tatsächlich alle Kriterien, die man von Geheimbünden aus Abenteuerromanen kennt: verschwiegene Treffpunkte, Tarnnamen und ein striktes Geheimhaltungsgelübde. Das Gremium tagte bei Graf Wackerbarth, der verdonnert worden war, die Kellerräume seines Kurländer Palais in Dresden dazu zur Verfügung zu stellen. Als rituelles Zentrum ließ August seinen Hofarchitekten einen runden Tisch anfertigen, der die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit automatisch in eine Traditionslinie stellte, die von der mythischen Tafelrunde des König Artus bis zu den „Runden Tischen“ während der sogenannten friedlichen Revolution in Ostdeutschland reicht. Die Idee dahinter ist simpel genug: Wo eine Runde wirklich kreisförmig tafelt, kennt die Sitzordnung keine Hierarchien mehr; wenigstens formal sind hier alle gleich.

          August persönlich hatte die Satzung und die Mitgliederliste verfaßt. Hoher sächsischer und preußischer Adel, auch Damen waren dabei. Geredet werden sollte über alles, und zwar zwanglos und ohne einander ins Wort zu fallen. Am 13. März 1728 wurde Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, offizielles Mitglied. Und es heißt, daß die Beziehungen zwischen den beiden hart konkurrierenden Mächten Preußen und Sachsen tatsächlich spürbar friedlicher geworden seien, solange die Gesellschaft ihren Statuten gemäß arbeitete, also: trank.

          Die Lächerlichkeit der Besoffenen

          Das, dachte ich im ersten Moment, ist das Einleuchtendste, Klügste und Anrührendste, was ich jemals über irgend etwas gehört habe. Es war auf dem Staatsweingut Schloß Wackerbarth in Radebeul, wo sie auch einen Nachbau des Runden Tisches im Keller haben.

          Eine Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit! Alkohol als Mittel der Diplomatie!! Trinken für den Frieden!!!

          Ich war wie berauscht von dem Gedanken.

          Und dann kam, noch mit der gleichen Post gewissermaßen, auch schon die Ernüchterung.

          Denn selten ist ein Konzept dermaßen nicht aufgegangen. Schon wenige Jahre später, im Siebenjährigen Krieg, haben die Preußen ihre sächsischen Saufbrüder trotzdem brutal über den Haufen gerannt. Und davon mal ganz abgesehen: Was ist mit all den zerstörten Lebern, was mit den zerstörten Leben? Was ist das Gelächter der Trunkenen gegen die Lächerlichkeit der Besoffenen? Und woher kommt, wenn das Trinken den Frieden stiften soll, dann die ganze Gewalttätigkeit? Die Typen, die im Suff Menschen totschlagen. Und die sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr daran erinnern können . . .

          Wer nur mal nippt, trinkt nicht

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