https://www.faz.net/-gqz-yjnb

Kulturgut Alkohol : Rettet das Rauschtrinken!

  • -Aktualisiert am

Bacchus-Umzug in New Orleans Bild: REUTERS

Nach den Exzessen des Karnevals wird der Ärger mit den Suchtexperten wieder groß sein. Dabei ist der Alkoholrausch eines der wertvollsten Kulturgüter, die wir haben. Ein Einwurf gegen das Genuss- und für das Wirkungstrinken.

          Klingt wie ein Märchen, ist aber keins: Es war einmal ein König, der mit seinem Nachbarkönig ein paar ernsthafte Streitigkeiten hatte. Beide waren ehrgeizig und etwa gleich stark. Vielleicht war der andere sogar noch ein bißchen stärker, das war schwer zu sagen. Wenn es aber schwer zu sagen ist, ob man im Zweifel gegen den anderen gewinnen kann - was tut man dann? Man geht gemeinsam einen trinken.

          Die Erkenntnis, daß nach ein paar Gläsern Wein die Welt schon ganz anders aussieht, daß nach ein paar Flaschen davon die Differenzen plötzlich gar nicht mehr so groß erscheinen - und daß man über alles reden kann, wenn das Reden für Außenstehende erst einmal angefangen hat, wie Lallen zu klingen: Diese Erkenntnis hat zur Gründung der einzigen Geheimgesellschaft geführt, die jemals einen sinnvollen Zweck hatte, oder wenigstens gute Laune.

          Ihr Name war: Die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit.

          Arbeiten hieß für die Gesellschaft: Trinken

          Es war August der Starke, König in Polen und Kurfürst von Sachsen, der diese Gesellschaft gründete. Und sie erfüllte tatsächlich alle Kriterien, die man von Geheimbünden aus Abenteuerromanen kennt: verschwiegene Treffpunkte, Tarnnamen und ein striktes Geheimhaltungsgelübde. Das Gremium tagte bei Graf Wackerbarth, der verdonnert worden war, die Kellerräume seines Kurländer Palais in Dresden dazu zur Verfügung zu stellen. Als rituelles Zentrum ließ August seinen Hofarchitekten einen runden Tisch anfertigen, der die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit automatisch in eine Traditionslinie stellte, die von der mythischen Tafelrunde des König Artus bis zu den „Runden Tischen“ während der sogenannten friedlichen Revolution in Ostdeutschland reicht. Die Idee dahinter ist simpel genug: Wo eine Runde wirklich kreisförmig tafelt, kennt die Sitzordnung keine Hierarchien mehr; wenigstens formal sind hier alle gleich.

          August persönlich hatte die Satzung und die Mitgliederliste verfaßt. Hoher sächsischer und preußischer Adel, auch Damen waren dabei. Geredet werden sollte über alles, und zwar zwanglos und ohne einander ins Wort zu fallen. Am 13. März 1728 wurde Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, offizielles Mitglied. Und es heißt, daß die Beziehungen zwischen den beiden hart konkurrierenden Mächten Preußen und Sachsen tatsächlich spürbar friedlicher geworden seien, solange die Gesellschaft ihren Statuten gemäß arbeitete, also: trank.

          Die Lächerlichkeit der Besoffenen

          Das, dachte ich im ersten Moment, ist das Einleuchtendste, Klügste und Anrührendste, was ich jemals über irgend etwas gehört habe. Es war auf dem Staatsweingut Schloß Wackerbarth in Radebeul, wo sie auch einen Nachbau des Runden Tisches im Keller haben.

          Eine Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit! Alkohol als Mittel der Diplomatie!! Trinken für den Frieden!!!

          Ich war wie berauscht von dem Gedanken.

          Und dann kam, noch mit der gleichen Post gewissermaßen, auch schon die Ernüchterung.

          Denn selten ist ein Konzept dermaßen nicht aufgegangen. Schon wenige Jahre später, im Siebenjährigen Krieg, haben die Preußen ihre sächsischen Saufbrüder trotzdem brutal über den Haufen gerannt. Und davon mal ganz abgesehen: Was ist mit all den zerstörten Lebern, was mit den zerstörten Leben? Was ist das Gelächter der Trunkenen gegen die Lächerlichkeit der Besoffenen? Und woher kommt, wenn das Trinken den Frieden stiften soll, dann die ganze Gewalttätigkeit? Die Typen, die im Suff Menschen totschlagen. Und die sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr daran erinnern können . . .

          Wer nur mal nippt, trinkt nicht

          Weitere Themen

          „Ich bin so schön, ich bin so toll ...

          Après-Ski-Hitparade : „Ich bin so schön, ich bin so toll ...

          ..., ich bin der Anton aus Tirol.“ Selbst jene, die den Song scheußlich finden, können ihn vermutlich mitsingen. Vor 20 Jahren ging der Stern von DJ Ötzi auf – und mit ihm der Sound des Après-Ski. Eine Hitparade der besten und furchtbarsten Hütten-Songs.

          „Berlin ist nicht Paris“ Video-Seite öffnen

          Videokommentar zur Modewoche : „Berlin ist nicht Paris“

          Große deutsche Marken haben sich leider zurückgehalten. Dennoch müsse niemand enttäuscht sein, denn im Sommer wird die Fashionweek wieder ein größeres Aushängeschild, bewertet F.A.Z.-Redakteur Alfons Kaiser.

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Der technische Fortschritt löst auch Ängste aus

          Weltwirtschaftsforum : Die breiten Massen bleiben zurück

          Gesellschaften driften auseinander: Während in informierteren Schichten Optimismus herrscht, sind andere systemkritischer und skeptischer denn je, zeigt eine neue Studie. Auch in Deutschland.
          Starker Rückhalt: Andreas Wolff im Tor der Deutschen.

          Handball-WM : Deutschlands hart erarbeitetes Halbfinal-Glück

          Das Duell mit Kroatien ist Handball hardcore. Mit Leidenschaft und Teamwork gewinnen die Deutschen ein Drama und stehen im WM-Halbfinale. Doch eine schwere Verletzung trübt die Freude.

          Brexit-Kommentar : Mays Plan B ist Plan A

          Bei keiner wichtigen Frage änderte Premierministerin May ihre Haltung. Sie will nun wieder reden – mit den Abgeordneten und der EU. Dass es jetzt schnell gehen muss, kann sogar ein Vorteil sein.

          Personalie Patzelt : Zwischen den Fronten

          Werner Patzelt soll der sächsischen CDU helfen, ihr Wahlprogramm auszuarbeiten. Seit das feststeht, ist um ihn eine Kontroverse entbrannt – die auch alte Konflikte mit der TU Dresden wieder befeuert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.