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Kulturgeschichte des Nerds : Der Held, der aus der Garage kam

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Ein bisschen Selbstmythologisierung gehört dazu: Die Belegschaft von Microsoft im Jahr 1978. Bild: picture-alliance

Von der Witzfigur zur Machtfigur: Annekathrin Kohout hat eine Kulturgeschichte des Nerds geschrieben. Und kommt zu einem überraschenden Ergebnis, welche soziale Funktion er im digitalen Wandel hat.

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          In der 2020 erstmals auf Netflix ausgestrahlten animierten Kinderserie „Glitch Techs“ jagen die Jugendlichen Hector und Miko gemeinsam nach Energiemonstern, die aus Computerspielen in die Realität ausbrechen. Auf der Jagd nach diesen sogenannten „Glitches“ müssen die beiden ihre durch stundenlanges Spielen mühevoll erworbenen Fähigkeiten einsetzen. Als Fassade für ihre Geheimoperation dient ein gewöhnliches Geschäft, das wie eine Amalgamierung aus Apple-Store und Nintendo-Ästhetik wirkt. Nerds und Gamer sind in dieser Kinderserie coole Weltretter und Identifikationsfiguren, ihre Begeisterung für Technik ist Voraussetzung für ihren Erfolg. Weder optisch noch mit Blick auf ihr Sozialverhalten aber erfüllen Miko und Hector jedoch die Klischees, die mit dem Stereotyp des Nerds verknüpft sind.

          Diese coolen Nerds aus den populären Medien der Gegenwart sind klar abgegrenzt von ihren früheren, uncoolen medialen Versionen, denen die Medienwissenschaftlerin Annekathrin Kohout in ihrem neuen Buch auf den Grund geht: „Nerds. Eine Kulturgeschichte“. Mit forensischer Energie verfolgt Kohout darin anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Medien die Sozialfigur des Nerds: vom ersten Auftauchen in den Fünfzigerjahren als an den Spießer angelehnten Gegenspieler der Beatniks, über seine Rolle in Teen-Filmen und Serien der Siebziger- und Achtzigerjahre bis hin zu seiner Omnipräsenz in den Sitcoms von heute. Dabei ist Kohout ein faszinierender Rundumblick gelungen, der nicht nur die Entwicklung der Sozialfigur über mehrere Jahrzehnte detailliert nachvollzieht: Auch ihre Verwerfungen und Probleme in der Gegenwart zeigt das Buch auf.

          Der Blick auf Sozialfiguren ist in der Soziologie schon länger beliebt, weil sich in ihnen Diskursphänomene einer Gesellschaft abbilden. Von „(Ideal-)Typen, die in ihrer Gesamtheit das Soziale ordnen“, haben Stephan Moebius und Markus Schroer in ihrem Sammelband zu Sozialfiguren gesprochen, der 2010 bei Suhrkamp erschienen ist. Kohout greift dieses Konzept auf. Und zeigt am Beispiel des Nerds ausführlich, wie in den Erzählungen einer Gesellschaft eine solche Figur entwickelt wird und wie diese dann Möglichkeiten der individuellen Identitätsbildung prägt. Dass wir von den in Fiktionen abgebildeten Typen einer Gesellschaft etwas über deren spezifische Prägung lernen können, lässt sich anhand vieler Beispiele zeigen: von der Analyse historischer Typenkomödien wie der Commedia dell’arte bis zum Figurenrepertoire bei Shakespeare.

          Die Popkulturgeschichte der Nerds beginnt, wie Kohout zeigt, in den Fünfzigerjahren, als der Nerd als ängstliche Streber-Figur im Gegensatz zum Rebellen auftaucht. In Jugendfilmen, die sehr stark mit eher grober Typenzeichnung arbeiten, wird der Nerd zu einer Standardfigur, oftmals als Gegenspieler des „Jocks“, der sozial erfolgreichen, durchtrainierten, aber intellektuell unterlegenen Sportlerfigur.

          Dicke Brille, schlecht sitzende Kleidung, schlaffe Haltung

          Der Nerd erwirbt in diesen Jahren seine prägnanten Kennzeichen: dickrandige Brille, schlecht sitzende Kleidung, eher schlaffe Körperhaltung. Er ist das intellektuelle Gegenstück zur Vitalität des Sportlers, beide illustrieren den Gegensatz von Gehirn und Körper. Die erzählte Sozialfigur kommt nicht nur mit einem eigenen Set optischer Merkmale, sie wird auch über ihre Leidenschaft für Bereiche definiert, die nicht dem jugendkulturellen Mainstream entsprechen. Seine wissenschaftlichen Interessen verfolgt der Nerd mit Hingabe. Er zeigt dabei Merkmale des verrückten Professors, einer anderen antiintellektuellen Sozialfigur, die für komische Effekte sorgen kann.

          Mehr Nerd geht nicht: Jerry Lewis und Stella Stevens in „Der verrückte Professor“ (1962)
          Mehr Nerd geht nicht: Jerry Lewis und Stella Stevens in „Der verrückte Professor“ (1962) : Bild: ddp images

          Popkulturversatzstücke wie Computerspiele oder Fernsehserien werden vom Nerd hyperaffirmativ konsumiert. Er identifiziert sich mit der Romanreihe „Herr der Ringe“, mit frühen Ar­cade-Spielen, Sammelkarten oder der Fernsehserie „Star Trek“. Wie es typisch für Typenkomödien ist, wird auch der Nerd mit den immer gleichen Witzformen ausgestattet: Er läuft gegen Türen, stolpert, ist körperlich ungeschickt, während er von den anderen Figuren verlacht wird.

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