https://www.faz.net/-gqz-8ozun

Kulturforum Berlin : Ein Abziehbild, kein Archetyp

  • -Aktualisiert am

Auf dem Platz vor der Gemäldegalerie soll das neue „Museum des 20. Jahrhunderts“ von Herzog & de Meuron gebaut werden. Bild: BILAN/EPA/REX/Shutterstock

Der Siegerentwurf für das neue Museum am Kulturforum in Berlin führt das Problem einer Gegenwartsarchitektur vor, der es nur noch um Bildverwertung geht. Eine Polemik

          4 Min.

          Verneigungen sind keine einfache Sache. Man muss es können. In der Neuzeit wurde die Verneigung zum Ritual – der zur Audienz geladene Günstling zog, das linke Bein in leichter Ausdrehung vorgestellt, verneigend den prächtigen Hut in hohem Bogen, so dass zwar durch sein entblößtes Haupt und den gesenkten Blick die Demutsgeste vollzogen, doch in der Eleganz der Bewegung die Höflichkeit unter Beweis gestellt wurde, worauf der Audienzgebende nach kurzem Nicken mit leicht erhobenem Kinn anerkennend die Hand in Erwartung des Kusses ausstreckte.

          Etwas brachialer hat dann das Ritual der Verneigung auch die Schifffahrt im zwanzigsten Jahrhundert erreicht: So führte im Jahr 2012 der Kapitän das beinahe fünftausend Personen fassende Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ mit einer Verneigungsschlaufe, genannt inchino zu Ehren eines auf der Insel Giglio vermutlich weilenden angesehenen Kapitäns in untiefe Gewässer, worauf die nautische Demutsgeste zu einer Havarie mit vielen Toten führte und nebenbei die Schiffsführung zum Gelächter aller Kapitäne dieser Welt machte.

          Klare Tendenz zur Unterwürfigkeit

          Mit dem Problem einer Verneigung vor den großen Meistern hat auch die zukünftige Erweiterung des Museums des 20. Jahrhunderts auf dem Berliner Kulturforum von Anbeginn an zu kämpfen. So war bereits im vorgeschalteten Ideenwettbewerb zum eigentlichen Wettbewerb unter den Preisträgern eine klare Tendenz zur Unterwürfigkeit erkennbar. Mehr noch: Alle durch die Jury prämierten zehn Arbeiten der 460 Einreichungen hatten die Eigenheit, dass mindestens die Hälfte, bei einigen sogar die komplette Raumprogrammfläche in der Größe des Reichstagsgebäudes, in der Erde versenkt wurde. Man wollte nicht zu den Ikonen der Nachkriegsmoderne, der Neuen Nationalgalerie, dem „Tempel der Moderne“ von Mies van der Rohe und den zelt- und walfischartigen Bauten Hans Scharouns in Konkurrenz treten.

          Das siegreiche Modell von Herzog & de Meuron für das neue „Museum des 20. Jahrhunderts“ in Berlin.
          Das siegreiche Modell von Herzog & de Meuron für das neue „Museum des 20. Jahrhunderts“ in Berlin. : Bild: Herzog de Meuron

          Entsprechend enttäuschend war die öffentliche Reaktion auf die Entwürfe des Ideenwettbewerbs, an dem auch der Verfasser dieser Zeilen ohne Erfolg teilnahm. Eine architektonische Demutsgeste bei dieser programmtechnischen Leibesfülle fiel schwer und wirkte unbeholfen. Doch anstatt das Raumprogramm zu reduzieren und die Höhenbegrenzung zu überdenken, wurden die Vorgaben für den Realisierungswettbewerb nicht geändert.

          Ein Ort wie eine Lagerhalle

          Der nun vorliegende erste Preis, ein festzeltähnliches Gebäude der Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron, soll die Sache richten, und zwar ganz ohne Verneigung. Der „Archetypus“ eines flachen Baukörpers mit geneigtem symmetrischen Dach, der von seiner Dimension die gesamte Grundfläche des Planungsbereichs bis auf den letzten Rest belegt, entbindet qua seiner starken Form und baugeschichtlich aufgeladenen Bedeutung vor einer notwendigen behutsamen städtebaulichen Einpassung in das Umfeld. Er wird textlich mit allerlei Assoziationen versehen, so dass auch jeder Preisrichter die Möglichkeit hat, ein Wort ihm angemessen erscheinenden Inhaltes zu finden. „Ist es eine Lagerhalle? Oder eine Scheune? Oder vielleicht eine Bahnhofshalle? Ist es nicht vielmehr ein Tempel mit den exakt gleichen Giebelformen wie die Alte Nationalgalerie von August Stüler? Tatsächlich ist es ein Ort des Lagerns wie eine Lagerhalle,... ein Ort der Begegnung und der Verbindung wie eine Bahnhofshalle“, heißt es im Erläuterungstext. Da kann sich jeder etwas herauspflücken.

          Weitere Themen

          Was dieses Jahr anders sein wird Video-Seite öffnen

          71. Berlinale : Was dieses Jahr anders sein wird

          Die Pandemie hat die Filmbranche hart getroffen. Und auch die Berlinale musste sich anpassen. Am 1. März startet der erste Teil des Festivals als Online-Event.

          Triumphwagen mit erotischen Abbildungen ausgegraben

          Pompeji : Triumphwagen mit erotischen Abbildungen ausgegraben

          Pompeji überrascht aufs Neue: In der verschütteten Stadt wurde ein weiterer „einzigartiger“ Fund gemacht. Der Erhaltungszustand des Gefährts aus Eisen ist bemerkenswert – ebenso wie seine Verzierung.

          Topmeldungen

          Einpersonenstamm: "Hon" bedeutet im Koreanischen allein, "jok" ist der Stamm.

          Koreanische Single-Bewegung : Sich selbst am nächsten

          Glückliches Alleinsein: Aus Südkorea kommt die Honjok-Bewegung, deren Anhänger einen Stamm für eine Person bilden. Aus dem Single-Trend ist auch bei uns eine Lebenshaltung geworden.
          Im Unterschied zu Aktien lässt sich die Anlageklasse Wein wenigstens trinken, wenn man die Lust am Investieren verliert.

          Geldanlage Wein : Mehr als ein gutes Tröpfchen

          Wer den richtigen Riecher hat, kann durchaus mit teuren Weinen Geld verdienen. Aber Vorsicht: Ohne Fachwissen geht in dieser Anlageklasse nichts.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.