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Kulturfestival auf dem Monte Verità : Denken gegen die Mächte der Kälte

Blick auf Ascona am Lago Maggiore mit dem Monte Verità ganz links im Bild Bild: Ticino Turismo/dpa

Die Tradition wird fortgesetzt: Ein neues Kulturfestival auf dem Monte Verità in Ascona fragt nach der Aktualität von Utopien und konnte zum Einstand große Namen aufbieten.

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          Der Mann war von so weit hergekommen, und dann wollte er nicht reden. Eine Stunde lang ließ Wladimir Sorokin die Zuhörer und die Moderatorin Verena Auffermann schmoren, gab schlecht gelaunt ausweichende Auskünfte, erklärte, es sei nicht Aufgabe eines Romanciers, seine Romane zu erklären, und gab den genialen Gulliver, den die Liliputaner beim Dichten stören. Dabei wäre schon der Kontrast zwischen der Härte des Moskauer Winters, dem Sorokin gerade entkommen war, und der Frühlingssonne am Seeufer in Ascona Anlass gewesen, über Utopien zu reden, und seien es auch nur jene des Klimas.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sorokin, der in Putins Reich einer der Führer der geistigen Opposition, am Lago Maggiore dagegen offenbar lieber als Buddha unterwegs ist, wollte über die politischen Enden seiner jüngst erschienenen Parabel „Der Schneesturm“ partout nicht diskutieren. So ging man aus dem Tagungshotel mit dem Gefühl ins Freie, um eine literarische Erfahrung nicht reicher, sondern ärmer geworden zu sein.

          Der andere Mann, den die Veranstalter des Festivals „Utopien und herrliche Obsessionen“ an diesem Nachmittag auf den Monte Verità hoch über Ascona eingeladen hatten, brauchte nur zwei Autostunden aus Pavia anzureisen, brachte aber einen beinahe ebenso langen Vortrag mit. Salvatore Veca, einer der wesentlichen italienischen Gegenwartsphilosophen, sprach über Nietzsches Übermenschen, Musils Ulrich und Hesses Demian, über Wünsche und Sachzwänge und den Möglichkeitssinn, der zwischen ihnen vermittelt, und als sein Gedankenkarussell wieder stillstand, war man immer noch am selben Ort, hatte aber das Ermüdungsgefühl eines Tagesausflugs im Gesäß. Auch das gehört zur Wirkung von Literaturfestivals: Man kommt weit herum, ohne die Füße bewegen zu müssen.

          Die Großen hatten wenig mitzuteilen

          Sorokin und Veca waren zwei von zwei Dutzend Gästen, die das neu gegründete Festival auf dem Monte Verità in seinem ersten Jahr präsentierte. Der „Wahrheitsberg“, auf dem sich einst Anarchisten, Dadaisten, Veganer, Sonnenanbeter, Ausdruckstänzer, Sexualrevolutionäre und andere Freigeister tummelten, soll auf diese Weise wieder zum Leuchtturm der Kultur, zum Sprech- und Denkzentrum Westeuropas werden. Die Kuratoren Irene Bignardi und Joachim Sartorius hatten keine Mühe gescheut, ihren Einstand mit großen Namen zu schmücken: Claudio Magris eröffnete, Hans Magnus Enzensberger las aus „Meine Lieblingsflops“, Peter Sloterdijk hielt den Abschlussvortrag über Utopie und Wunscherfüllung.

          Aber die Wirklichkeit blieb hinter der Papierform zurück. Magris’ Einführung schlitterte nach wunderbar anekdotischem Beginn in Allgemeinweisheiten hinein, die man sich auch leicht hätte zusammengoogeln können. Der Europa-Dichter Enzensberger wollte nicht über die Finanzkrise und das drohende Scheitern der europäischen Idee debattieren. Und Sloterdijk entledigte sich zwar aufs virtuoseste der selbstgestellten Aufgabe, sein Interesse am historischen Fatalismus einer Marquise de Pompadour („Nach uns die Sintflut“) mit dem Tagungsthema zu verbinden, hatte aber von seinem philosophischen Hochsitz aus wenig zum aktuellen Stand des utopischen Denkens mitzuteilen.

          So blieb es den „normalen“ Literaten überlassen, das Motto der Veranstaltung mit Anschauung zu füllen: dem sympathischen Mathias Énard, der aus „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ vorlas, oder den Autorinnen Elke Schmitter, Ursula März, Gunhild Kübler und Verena Auffermann, die aus ihrem gemeinsam verfassten Band „Leidenschaften“ Porträts berühmter Dichterinnen vortrugen. Bis Francis Kéré kam.

          Nach Schlingensief kamen die Chinesen

          Kéré, der Baumeister von Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso, sollte mit seinem berühmten italienischen Kollegen Mario Botta über „Utopien in der Architektur“ reden. Stattdessen hatte er einen halbstündigen Diavortrag über seine tägliche Arbeit vorbereitet. Man sah, wie Kéré in den Dörfern Schulen baut, in denen Kinder bei erträglichen Temperaturen lernen können, wie er den Dorfbewohnern hilft, vom Betonkult zu traditionellen Bauweisen zurückzufinden, wie er Lehmmauern in Fertigbauweise errichtet und sich immer als Erster auf die Ziegelgewölbe der Dächer stellt, um das Misstrauen der Arbeiter und Dörfler gegen die ungewohnte, billige und umweltschonende Konstruktion zu zerstreuen.

          Und plötzlich verstand man wieder, worum es bei Utopien eigentlich geht: um eine menschenwürdige Welt für alle Menschen. Und man begriff auch, warum der verstorbene Schlingensief ausgerechnet ein Operndorf in Westafrika bauen wollte. Er habe diesen Deutschen für einen Spinner gehalten, sagte Kéré, und seine Medien-Entourage gehasst. Aber dann habe er gesehen, dass plötzlich die ganze Welt auf Burkino Faso blickte. Und etwas Besseres habe seinem Land gar nicht passieren können.

          Inzwischen, sagte Kéré, machten sich Chinesen in Afrika breit, sie bauten ganze Städte auf schlechte amerikanische Art. Er wisse nicht, wie man sie aufhalten könne. Vielleicht hilft dieses Festival ja beim Denken gegen die Mächte der Kälte, auch wenn draußen der Frühling gegangen war. Man wird sich wiedersehen, wenn nicht auf dem Wahrheitsberg, dann bei den Wahrheiten der Ebene.

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