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Kulturabbau in Nordrhein-Westfalen : Der Papiertiger ist gesprungen

Ob es auch in Zukunft in NRW noch so glänzt und blinkt wie im Ruhr Museum, bleibt unklar Bild: dpa

Keine Perpektive in der Krise für das Notstandsgebiet: Nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen geht der Kulturabbau erst richtig los. Jürgen Rüttgers verspricht und verteilt viel, aber es bleibt bei stachligen Hiobsbotschaften.

          Vorgestern hat er sogar Annette von Droste-Hülshoff vor seinen Wahlkampfkarren gespannt, deren Geburtsort, Burg Hülshoff bei Havixbeck, das Land Nordrhein-Westfalen in eine Stiftung überführen und der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte (Ort der Droste). Auf der Zielgeraden mobilisiert Jürgen Rüttgers alle Reserven. In den Fernsehdebatten mit seiner Herausforderin und den Spitzenkandidaten der vier anderen wohl künftig im Düsseldorfer Landtag vertretenen Parteien kamen Kunst und Kultur, was auch eine Auskunft ist, nicht vor. Doch der Ministerpräsident weiß um ihre Bedeutung. Gerade in Westfalen gilt es damit zu punkten, fühlt sich die hintere Landeshälfte doch gern - Hauptstadt und Hegemonie liegen ja am Rhein - zurückgesetzt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Droste steht da in einer illustren Reihe. Erst am Dienstag hatte Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, der, ganz Diener seines Herrn, diesen gern loyal als den eigentlichen Kulturminister anspricht, bekanntgegeben, dass das Programm „Jedem Kind ein Instrument“ im Ruhrgebiet fortgesetzt und in den nächsten zehn Jahren auf das ganze Land ausgedehnt werden soll. Und vor gut zwei Wochen hatte sich der Landesvater in die Abtei Brauweiler begeben, um hier, in der Nähe seines Wohnorts, das „Archiv für Künstlernachlässe“ zu eröffnen (Einsame Insel im Zeitstrom). Wenige Tage davor verkündete Rüttgers, die Internationale Bauausstellung Emscherpark (IBA) neu auflegen und in zwei Etappen bis 2020 „links und rechts der Emscher die unverwechselbare Mischung aus Industriedenkmälern, Wohnlandschaft und moderner Architektur weiterentwickeln“ zu wollen.

          Als „Idee mit Charme“ wurde das im Ruhrgebiet begrüßt und umgehend abgehakt. Denn an die Fortsetzung eines Strukturprogramms, in das mehr als eine Milliarde Euro an öffentlichen Mitteln geflossen sind, glaubt derzeit niemand.

          Für das Kölner Stadtarchiv gab es nur eine Million Euro, wo die Schadenssumme jedoch auf 350 Millionen veranschlagt wird

          Ankündigungsrhetorik, Fensterreden, Wahlkampfversprechen

          Wenn Rüttgers einen solchen Vorschlag aus dem Ärmel schütteln zu können meint und so mal eben den Eindruck erweckt, das erfolgreichste Vorhaben der strukturreformresistenten Ära seines Vorbilds Johannes Rau gleichsam aus dem Stand kopieren oder gar fortführen zu können, riskiert er, nicht ernst genommen werden - kann er doch weder das auf eine Dekade angelegte Erneuerungsprogramm für das nördliche Ruhrgebiet in dessen Tragweite und Potential erfasst noch die Voraussetzung für eine Wiederaufnahme geklärt und eine auch nur vorläufige Strategie dafür entworfen haben. Ankündigungsrhetorik, Fensterreden, Wahlkampfversprechen: Als könnte ein Strauß von positiven Nachrichten den stachligen Hiobsbotschaften, die bis nach dem Wahltag warten müssen, vorbeugen. Eine verlässliche, problemorientierte und einsehbare Politik hört sich anders an.

          Dabei war die schwarz-gelbe Landesregierung 2005 gerade in der Kulturpolitik mit anerkennenswerten Vorsätzen angetreten. „Für einen kulturellen Aufbruch in NRW“ hatte Rüttgers damals geworben, sich dezidiert gegen eine Kulturpolitik „nach ökonomischer Plausibilität“ gewandt und etwa eine „Intensivierung des Dialogs über Architektur“ angekündigt. Und Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff deutete ein viel strapaziertes Bild beherzt um, als er gegen den Trend die Devise ausgab, statt neue Leuchttürme errichten die vorhandenen pflegen zu wollen. „Substanzerhaltung und Sanierung unserer kulturellen Infrastruktur“ sollten „Schwerpunkt“ einer nachhaltigen Kulturpolitik werden.

          Papiertiger mit Trostpflaster

          An Gelegenheiten, die Ansprüche auch einzulösen, hat es nicht gemangelt. Die größte und schrecklichste von ihnen übertraf jedes Maß und jede Vorstellungskraft: „Die Archivbestände von Köln sind europäische, sind internationale Kulturgüter“, die nie mehr gefährdet werden dürften, erklärte Rüttgers unter dem Eindruck der Katastrophe und sorgte zum 24. Juni 2009 für eine „Expertenanhörung“, die er mit einer Rede eröffnete. Mehr als eine Dokumentation und ein Forderungskatalog aber kamen dabei nicht herum, und die Stiftung „Stadtgedächtnis“, mit deren Hilfe das Historische Archiv flexibel und erst einmal unabhängig auch von jahrelang hinausprozessierten Regressansprüchen arbeiten kann, ist bis heute nicht zustande gekommen. Mit zwei Millionen Euro wollte sich das Land daran beteiligen; schließlich hat es, in letzter Minute, um die Eröffnung der Ausstellung im Berliner Gropius-Bau am 5. März zu „retten“, eine Million Euro bewilligt, doch gegründet wurde die Stiftung damals nicht. Seit Wochen schon, so gut unterrichtete Kreise, feilschen der Kulturstaatssekretär und der Kölner Kulturdezernent um die Satzung; mehrmals schon sollen Formulierungen, auf denen das Land bestanden hat, vom eigenen Innenministerium zurückgewiesen worden sein.

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