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Kultur vor dem Shutdown : Der letzte Abend im Parkett

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Adeligenschließfach: Die coronasicheren Spielzellen im Bühnenbild von Judith Oswald für die Berliner „Maria Stuart“-Inszenierung von Anne Lenk bleiben in den nächsten Wochen traurigerweise leer und verleihen damit dem Grundgefühl der gesamten Kulturszene Ausdruck. Bild: Marcus Lieberenz

Noch einmal schnell ins Theater und Museum oder in die Oper: Welche Premieren waren am Wochenende vor den abermaligen Bühnenschließungen in Berlin, Bochum, Lemgo, München und Wien zu sehen?

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          „Maria Stuart“ in Berlin: Noch einmal Theater. Noch einmal dabei zuschauen, wie echte Menschen zu falschen Königinnen werden. In Berlin, am Deutschen Theater, dem Haus des Bühnenvereinsvorsitzenden. Des Mannes also, der nicht verhindern konnte, dass die Politik Theaterhäuser in einem Atemzug mit Spielbanken nennt. Die Charakterisierung des Theaters als Freizeitveranstaltung erinnere ihn an den Pietismus des neunzehnten Jahrhunderts, hat Ulrich Khuon in einer ersten Reaktion gesagt, dem das Theater ebenfalls als teuflische Zerstreuung galt, die Bürger davon abhalte, saubere, arbeitende Menschen zu sein.

          Die letzte Premiere vor der Schließung hier ist Schillers spätes Trauerspiel „Maria Stuart“, jenes Charakterdrama zweier königlicher Schwestern, die sich im feingesponnenen Geflecht der „Buhlernetze“ verfangen haben. Die eine, Elisabeth, hat zwar scheinbar die Macht, und die andere, Maria, wird grausam beherrscht, aber im Grunde sind beide gleichermaßen den Mechanismen der Politik ausgeliefert. Die Begegnung der beiden im dritten Aufzug, die traditionell als Gegenüberstellung von lustvoll gefährdeter Weiblichkeit auf der einen und freudlos machtvollem Streben auf der anderen Seite arrangiert wird, gerät in der Inszenierung von Anne Lenk zur gezwungenen Szene zweier zur Distanz verpflichteten Schwestern, die eigentlich nichts lieber tȁten, als sich zu umarmen. Neuzugang Julia Windischbauer gibt die angeblich so eisige Elisabeth als schüchterne Gefangene ihrer eigenen Machtposition, die fast schon bewundernd auf die sie mutig beleidigende Schwester schaut. Mit einer Stimme, deren Klang von Ferne an Libgart Schwarz erinnert, spricht die junge Oberösterreicherin ihre Sätze so, als wären sie ständig auf der Suche nach Bestätigung. Nicht von den sie umgebenden Männern, sondern von ihr, der todgeweihten Schwester Maria, die Franziska Machens als bodenständige Freiheitsverliererin spielt. Diese zwei Frauen treten hier nicht als Machtmenschen im falschen Geschlecht, sondern als selbstbewusste Zweiflerinnen mit starken Seelen auf.

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