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Kultur und Coronavirus : Wer braucht denn jetzt die Künste?

Wie naiv es ist, zu glauben, die Künstler könnten in einer Zwangspause mal zu sich kommen und weniger hektisch produzieren, und das komme dann auch der Qualität zugute, das zeigt sich schon beim Blick in Berliner Künstlerateliers. Jorinde Voigt, Alicja Kwade und Gregor Hildebrandt, die zu den wichtigsten Künstlern ihrer Generation zählen, beschäftigen bis zu vierzig Mitarbeiter, die Ateliers kosten Tausende pro Monat. Hildebrandt hat drei festangestellte Mitarbeiter und um die zwanzig Freie, die von diesen Jobs leben. Er hat sie alle nach Hause geschickt und schaut, dass sie von dort arbeiten können. Er müsse nun Produktionen verschieben, gerade hatte er neue Räume angemietet. Ohne Ausstellungen und Messen werde es hart. „Das kann ich eine Zeitlang durchhalten, aber nicht bis Oktober.“

Ein Drittel der amerikanischen Museen könnte für immer schließen

Nicht nur in Deutschland, auch in den Vereinigten Staaten fällt das Wort „Panik“, wenn man mit Galeristen und Kuratoren spricht. „Das wird für jedes Museum, jede Galerie schwierig, so wie es für jedes Restaurant schwierig wird“, sagt Klaus Biesenbach, Direktor des Museum of Contemporary Art in Los Angeles. Experten gehen davon aus, dass ein Drittel der Museen die Corona-Krise nicht überleben wird. Biesenbach verweist auf einen Artikel in der „New York Times“, der ein düsteres Bild zeichnet: Selbst das Metropolitan Museum wird Mitarbeiter entlassen müssen. Man rechne mit einer Schließung mindestens bis Ende Juli – und mit 100 Millionen Dollar Verlust. Wenn das Metropolitan schon so reagiere, schließt die „New York Times“, werden viele die kommenden Monate nicht überleben.

Die Berliner Künstlerin Alijca Kwade vor ihrer Installation „Parapivot“ auf dem Dach des New Yorker Metropolitan Museum im April 2019

In Deutschland ist die Lage anders, aber für die Mitarbeiter des Kunstbetriebs oft nicht besser. Die Corona-Krise bedroht eine prekäre Welt von Kunst-Freelancern, die die vielgefeierte Kunstmetropole Berlin erst möglich machen. Sie macht aber auch einen Skandal sichtbar, der wenig mit ihr zu tun hat: eine Kunstpolitik, die für Museumsneubauten gern mal eine halbe Milliarde lockermacht, die aber für diejenigen, die sie betreiben und die Kunst herstellen, die dort gezeigt wird, kaum das Existenzminimum garantieren mag.

Wenn in einer derartigen Krise eine Chance liegt, dann die, dass man endlich sieht, was fehlt, wenn in einer Stadt keine Kunst mehr zu erleben ist. Der Künstler Thomas Demand fordert politisches Handeln. „Der weitaus größte Teil der Künstler verteidigt seinen Traum durch Arbeit in anderen Sparten, in Restaurants, durch Unterrichten oder andere Aushilfen“ – wobei das Kellnern als Zweitjob auch entfällt, wenn alle Bars geschlossen sind. „Gleichzeitig“, sagt Demand, „wird uns nur ein kulturelles Angebot in der sozialkontaktlosen Zeit, wo alle anderen Formen der Zerstreuung verboten sind, bei Trost und Verstand halten. Statt hinterher der Kunst zu danken, sollte man jetzt die Künstler stützen, auch die, die nicht in dieser Zeitung stehen.“ Berlin hat angekündigt, 600 Millionen Euro Soforthilfe an Kleinunternehmen und Selbständige zu verteilen; maximal können alle drei Monate 5000 Euro pro Person bezahlt werden.

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