https://www.faz.net/-gqz-9yek6
 

Kultur in Zeiten von Corona : So viele Besucher

  • -Aktualisiert am

Tänzerin Zaratiana Randrianantenaina in einem Youtube-Video des „Sasha Waltz & Guests’ Tanztagebuch“ Bild: SashaWaltzGuests, Youtube

Was passiert mit Theater, Tanz und Bildender Kunst, wenn man sie nur noch am Bildschirm sehen kann? Ein Streifzug durch die jüngsten Corona-Krisen-Angebote.

          3 Min.

          Etwas vor der Zeit betreten wir das Zoom-Meeting, der Sänger wartet schon. Die Webcam in starker Untersicht, hebt er aus der Tiefe seiner Lungen Franz Schuberts Litanei auf das Fest Allerseelen: „Ruh’n in Frieden alle Seelen / Die vollbracht ein banges Quälen / Die vollendet süßen Traum / Lebenssatt, geboren kaum / Aus der Welt hinüberschieden: / Alle Seelen ruh’n in Frieden!“

          In der Frühlingssonne des Homeoffice persönlich ein Totenlied gesungen zu bekommen, während ein tödliches Virus die Welt stilllegt, gehört zu den wertvolleren Erfahrungen, die man in diesen Tagen machen kann, in denen alles, was Kultur heißt, versucht, via Bildschirm am Leben zu bleiben.

          Auch die Ausstellung von Lee Mingwei im Berliner Gropiusbau konnte Ende März nicht eröffnen. Die Kunst des Taiwaners zielt auf intime Begegnungen zwischen seiner Lebensgeschichte und der seiner Gäste. Weil Schubert-Lieder ihn und seine Mutter nach einer schweren Operation trösteten, verschenkt er seit einigen Jahren Schubert-Ständchen professioneller Sänger – aktuell über Zoom (Reservierung über gropiusbau.de).

          Performance „Sonic Blossom“ von Lee Mingwei im Live-Video des Berliner Gropius Baus auf Instagram
          Performance „Sonic Blossom“ von Lee Mingwei im Live-Video des Berliner Gropius Baus auf Instagram : Bild: Gropius Bau / Instagram

          Von allen Seiten stürzen die Empfehlungen für Online-Konzerte, virtuelle Museumsrundgänge und Lesekreise ins Vakuum, das Museen, Theater, Clubs und Konzerthäuser hinterlassen haben. Mitunter fühlt man sich da als Kulturempfänger leicht unterschätzt in den Fähigkeiten, sich mit den bereits gedruckten und aufgezeichneten Werken der Kultur oder auch einfach Blicken aus dem Fenster selbst eine gute Zeit zu machen. Schien es nicht einer der Vorzüge der Krise zu sein, dass sie die berühmte Fear of Missing out außer Kraft gesetzt hat, die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen?

          Seit Wochen verlegen die Verwalter der Kultur rastlos ihre Leitungen, als handelte es sich bei Kultur um so etwas wie die Stromversorgung, deren Zusammenbruch eine Gesellschaft in Dunkelheit stürzen würde. Im gewohnten Takt landen die Einladungen im Postfach. Montag: Modenschau der Basler Mode-Studenten, präsentiert vom „Gruppe Magazine“. Dienstag: Lesung von Nora Bossong. Mittwoch: Live-Programm der Berliner Philharmoniker. Donnerstag: Abu Dhabi Global Art Summit. Abends Konzert des Ensemble Modern. Freitag: Liszt und Beethoven im Berliner Schinkelpavillon. Und am gestrigen Samstag eröffnete unter dem Namen „not cancelled“ eine “Online Art Week“ – mit derselben Benutzeroberfläche wie eine Woche zuvor die „not cancelled Vienna“. Während die Verschiebung der Offline-Kunstmessen in den Herbst horrende Kosten und düsterste Geschäftsaussichten verursacht hat, muss man online nur ein paar Künstlervideos verlinken und E-Mails verschicken, schon hat man wieder eine Messe.

          Auf Betrachterseite hat es ebenfalls Vorzüge, wenn man zwischen Kirill Petrenkos Münchner „Parsifal“ und seiner Berliner Neunten nach Belieben hin und her wechseln kann, oder während des Finales von Mahlers Sechster den Anruf eines alten Freundes entgegennehmen. Und schon gehen SMS ein und aus wie: „Sehen gerade Les Indes Galantes in Paris“. „Ah, wir Peter Steins Orestie in der Schaubühne“. „Da waren wir gestern. Knapp verpasst.“

          Weitere Themen

          Augen zu und durch?

          Ausstellung in Beirut : Augen zu und durch?

          In der libanesischen Hauptstadt zeigt eine Ausstellung die schmerzhaften Folgen der Explosion. Zerstörte Kunst wird nicht repariert – und wirft so ein Schlaglicht auf die legendäre Unverwüstlichkeit der Beiruter.

          Topmeldungen

          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.
          Ein Teil eines Kreuzfahrtschiffs wird am Warnemünder Standort der MV Werften ausgedockt. (Archivfoto)

          MV Werften in der Krise : Schiffbruch an der Ostsee

          Die MV Werften sind durch Corona und hausgemachte Fehler in eine Schieflage geraten. Trotz hoher Staatshilfen fehlen die Perspektiven. Es wächst die Angst vor einem Kollaps.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.