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Kultur der Maori : Wir wollen das Beste beider Welten

  • -Aktualisiert am

„Officer Taumaha“ - Bronzestatue von Michael Parekowhai Bild: © Marco Secchi/Corbis

Nicht Ethno-Kitsch, sondern Tradition und Postmoderne machen die Kultur der Maori heute aus - und die Wiederbelebung ihrer Sprache. Ein Besuch im urbanen Neuseeland.

          8 Min.

          Rote Leuchtschrift flackert am Hauptbahnhof von Auckland über dem Fahrkartenschalter. „Kia Ora, nau mai, haere mai“ lautet die digitale Begrüßung. Es ist „Maori Language Week“, wie jedes Jahr Ende Juli: Alle Schulen, Medien und öffentlichen Einrichtungen Neuseelands fördern gezielt die offizielle zweite Landessprache. Eine Zugstation weiter stehen die polynesischen Laute nicht nur für eine Woche im Mittelpunkt: Im Geschäftsviertel Newmarket, zwischen Sushi-Restaurants und Edelboutiquen, ist der Sitz von Maori TV, mitten im Herzen der Metropole Auckland.

          Lampenschirme aus silberfarbenen Flachskörben, Stahlkunst und Holzschnitzerei gestalten den Eingang. Grundwerte der Maori-Philosophie wie „Liebe“ und „Ehrlichkeit“ hängen in postmodernen Lettern an der Wand. Das Design ist so einladend, clever und frisch wie das Programm, das seit acht Jahren aus den Studios in Newmarket gesendet wird. Neben internationalen Dokumentarfilmen laufen eigenproduzierte Sport-Talkrunden, Gameshows, Soaps als Sprachunterricht und ein „Superstar“-Wettbewerb, für den das junge Studiopublikum an manchen Freitagen bis auf die Straße hinaus ansteht. In der Schlange sind auch stets etliche pakeha, wie die Hellhäutigen europäischer Abstammung in Aotearoa, dem „Land der langen weißen Wolke“, also Neuseeland, heißen.

          In der Pakeha-Welt verankert

          Beide Wörter haben sich längst ins Alltagsenglisch des Vier-Millionen-Staates eingebürgert - symbolisch für die Verschmelzung beider Volksgruppen, die sich gemeinsam als „Kiwis“ fühlen und sich dennoch immer wieder aneinander reiben. In keinem anderen westlichen Land mit Urbevölkerung sind sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens so ethnisch durchdrungen wie in Neuseeland. Es gibt keine Gettos oder Reservate, keine „Randgruppe“. Die Maori machen mehr als ein Achtel der Bevölkerung aus. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft, sichtbar und lautstark.

          “Wie wir heute leben, ist wohl am ehesten mit den Lappen in Skandinavien vergleichbar“, sagt Carol Hirschfeld, die elegant in kurzem schwarzem Mantel und Stiefel gekleidet empfängt. Sie ist Programmdirektorin von Maori TV, hat deutsche Vorfahren urgroßväterlicherseits, ein gewinnendes Lächeln und ein winziges Büro. Bis vor drei Jahren war die hochgewachsene Maori-Schönheit eines der Vorzeigegesichter des kommerziellen Senders TV 3 und eher in glamouröser Abendmode in Frauenzeitschriften zu sehen als bei einem Protestmarsch der Ureinwohner. Ihre Mutter war vom Stamm Ngati Porou und starb, als Carol zehn Jahre alt war. „Ich war fest in der Pakeha-Welt verankert, so wuchs ich auf.“ Dann wechselte sie die Seiten, was anfangs „ziemlich beängstigend“ war: „Ich musste neu anfangen und zu meiner Unwissenheit stehen. Aber für diese Lektion bin ich dankbar.“ Sie meint die Gepflogenheiten und Umgangsformen, mit denen sie nicht vertraut war, in erster Linie die Sprache.

          Wanderin zwischen den Welten

          Die Neunundvierzigjährige ist nicht die Einzige im Sender, die täglich Vokabeln lernt: Nur ein Viertel der 673 000 Maori in Neuseeland beherrscht te reo, aber es werden stetig mehr. Auch Maori TV verdankt seine Existenz den seit einem Vierteljahrhundert laufenden staatlichen Bemühungen, die indigene Sprache wiederzubeleben. „Je mehr ich verstehe“, sagt Hirschfeld, „desto mehr sehe ich die Welt um mich herum mit anderen Augen.“ Sie macht sogar in der sendereigenen „Kapa Haka“-Gruppe mit, wo die kraftvollen Maori-Tänze mit Zungerausstrecken, Schenkelklopfen und Augenrollen geübt werden. „Aus moderner Sicht ist ein Kriegstanz natürlich überholt, aber nicht die Bedeutung, die wir daraus beziehen. Es geht um die Verbundenheit zur Vergangenheit. Es vermittelt mir eine Zugehörigkeit, ein Zuhause.“

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