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Künstliche Intelligenz : Voll psycho

Alfred Hitchcock drehte den Kinoklassiker „Psycho“. Nach dessen Protagonist Norman Bates wurde jetzt eine Künstliche Intelligenz benannt. Bild: dpa

Norman ist eine Künstliche Intelligenz. Seinen Namen hat das Computerprogramm vom Protagonisten des Kinofilms „Psycho“. Norman sieht überall nur Tote. Warum wurde er so programmiert?

          Tote, überall Tote, wohin Norman auch blickt: Wenn andere in Rorschach-Tintenklecksbildern einträchtig verweilende Menschen sehen oder Vögelchen, sieht er das pure Grauen. Einen Mann, der vor seiner schreienden Frau erschossen wird; eine Schwangere, die von einer Baustelle stürzt; einen Passanten, den ein Stromschlag trifft; einen Menschen, den es in eine Teigmaschine reißt. Ganz klar: Norman hat ein Problem. Norman ist Psychopath.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Da ist nur halb beruhigend, dass er kein Mensch ist, sondern eine Künstliche Intelligenz (KI). Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben ihn geschaffen und nicht zufällig nach der Romanfigur benannt, die durch Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ weltberühmt wurde. Der MIT-Norman soll auf potentielle Gefahren Künstlicher Intelligenz aufmerksam machen. Er zeigt, wie leicht es ist, sie durchdrehen zu lassen – und beweist, dass selbstlernende Programme nur so menschenfreundlich sind wie die Informationen, mit denen man sie füttert.

          KI-Norman wurde ausschließlich mit Bildern von der Internet-Plattform Reddit trainiert, auf denen Sterbende zu sehen sind. So abgerichtet, bewahrheitet sich bei dem Programm, was auch für Menschen gilt: Man sieht nur, was man kennt. Norman kennt bloß Mord, Totschlag, Suizid und tödliche Unfälle – folglich produziert er selbst immer neue Horrorszenarien.

          Dass seine Maschinenkreativität psychopathisch ist, liegt nicht am Algorithmus. Ein mit allen möglichen Bildern trainiertes Vergleichsprogramm erkennt im Tintenklecks, in dem Norman einen Erschossenen sieht, eine Blumenvase. Dass der Klecks eigentlich eher an einen Hüftknochen erinnert, ist eine andere Geschichte – und dann doch Teil derselben. Denn in Sachen KI geht es ganz wesentlich darum, was wir den selbstlernenden Maschinen über unsere Wahrnehmung erzählen.

          Das stellt Lance Weiler von der Columbia University in New York in den Mittelpunkt seiner Forschung. Auch er ist literarisch und kinematographisch inspiriert, und zwar von Mary Shelley. Weilers KI-basiertes Storytelling-Projekt „Frankenstein A.I.“ will demonstrieren, wie wir KI im positiven Sinne menschlicher machen können. Nachdem Frankenstein A.I. ein Jahr auf der Suche nach Informationen über den Menschen Facebook, Twitter und Reddit durchsucht hat, die größten Spiegelkabinette des Hasses, aber auch der Liebe, Zuneigung und Freundschaft, trat die KI beim diesjährigen Sundance-Filmfestival in Kontakt mit physisch anwesenden Personen. Diese sollten einander in Zweiergesprächen Erinnerungen, Ängste und Hoffnungen mitteilen, über Erfahrungen von Isolation und von Verbundenheit reden. Die KI hörte zu und nahm Daten über einen interaktiven Touchscreen auf. Alles Lernmaterial, das zu Frankenstein A.I.s Frage führte: Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein? Der Untertitel des Projekts lautet: „A Monster Made By Many“.

          Ein aus den Daten vieler zusammengesetztes, sich selbständig machendes Monster sind auch schon die Sprachassistenten, die in unsere Wohnungen Einzug halten. Digitale Kunstwerke wie die KI-Zwillinge von Norman Bates und Frankensteins Monster erinnern uns daran, dass diejenigen die Macht über Künstliche Intelligenzen haben, die die Bilder und Geschichten auswählen, aus denen sich ihr virtuelles Weltbild zusammensetzt. Manipulation ist da ein leichtes Spiel, und die großen Netzkonzerne lassen sich sowieso nicht gerne in die Karten schauen. Aber wenigstens den irren KI-Norman können wir vielleicht heilen. Auf http://norman-ai.mit.edu sind alle eingeladen, ihm zu sagen, was sie auf den Rorschach-Klecksen sehen. Auf dass Norman gesunde.

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