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Künstlerischer Ausdruck : Ich tanz dir was

  • -Aktualisiert am

Welches Thema könnte das sein: Der Aktienmarkt, die Fußball-Bundesliga oder doch die moderne Agrarpolitik? Bild: Laszlo Szito

Das deutsche Tanztheater hat die Krise verschlafen, in der es steckt. Mit aufgerissenen Augen sucht es nach Themen – im festen Glauben, Kunst müsse zeitkritisch sein.

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          Als das Tanztheater groß war, galt: Märchen und Adel, dem Stoffe und Personal der meisten klassischen Ballette entstammten, waren so was von altmodisch. Wenn die Tänzer bei Pina Bausch auf der Bühne kleine Beispiele dessen gaben, was sie im klassischen Training gelernt hatten, dann meist in undankbarer Absicht. Klassisch zu tanzen war lächerlich oder quälend oder beides. Das mag im Einzelfall auch so gewesen sein, was diese Einstellung aber anrichtete, war verheerend.

          Denn nicht der klassische Tanz war neben Dornröschen eingeschlafen, sondern die barfüßigen Ballettverächter hatten seine Weiterentwicklung verpennt. Fokine, Balanchine, Ashton, MacMillan, Cunningham? In Deutschland selten oder nie getanzt. Anstatt aufzuholen, was durch den Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit verpasst, versäumt und verschlafen worden war, galt außerhalb von Stuttgart, München und Düsseldorf das Tanztheater als die einzige Bewegungskunst, mit der man sich sehen lassen konnte.

          Jetzt sprachen, sangen, stürzten und entkleideten sich die Tänzer endlich wie der Rest des Theaters auch, und so fand der Tanz Anschluss ans Zeitgeschehen. Damit begann das Problem der Themenfindung. Als Erstes zog eine lange Reihe vom Leben Entrechteter am Publikum vorbei: von Ulrike Meinhof und Sylvia Plath bis Kafkas Milena. Tänzer tanzten ihre schlimme Kindheit, ihre miesen Beziehungen oder die Kälte der Gesellschaft und natürlich auch die Emanzipation. Die Programmhefte waren nun voll mit Richard Sennett, Jacques Derrida und Judith Butler, der Tänzer war der nomadische Weltkünstler des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

          William Forsythe brachte noch die virtuelle postmoderne Ballett-ist-doch-irgendwie-sexy-Kurve rein, und Deutschland dachte, es stehe super da. Das war die Tanzblase. 2014: der Crash. Tanzsprache, Ästhetik, Themen? Fehlanzeige. Man vertanzt Kinderbücher oder Weltliteratur, die nur gegoogelt, aber nicht gelesen wurde. Sich ausziehen und darüber reden, wie das Stück zustande kam, geht immer. Gerade wurde vertanzt, dass die Lage des Tänzers mit der von Textilarbeiterinnen in Bangladesch vergleichbar sei, und soeben auch das Bombardement von Dresden. Wir schlagen vor, in weiteren Werken die Nato-Ost-Erweiterung und die Pisa-Studie zu tanzen und zu untersuchen, inwieweit der Tänzer sterbenden Bienenvölkern gleicht, leergefischten Weltmeeren oder überteuerten Betriebskostenabrechnungen. Hilfe, ich bin eine Märchenprinzessin, holt mich hier raus.

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