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Minsk vor den Wahlen : „Wir trotzen der Tristesse der Zeit“

  • -Aktualisiert am

Demonstrierende auf den Straßen von Minsk Bild: EPA

Jenseits der Psychose: Ein Gruppe freier und selbstbewusster Künstler in Belarus lässt sich von der Krise nicht beirren.

          3 Min.

          Dass der neue Präsident von Belarus nach den Wahlen am 9. August wieder der alte, nämlich Aleksandr Lukaschenka sein wird, bezweifelt dieser Tage niemand in der Hauptstadt Minsk, die trotz ihrer zwei Millionen Einwohner nicht nur vorbildlich sauber, sondern wie fast immer auch merkwürdig leer wirkt. Der aussichtsreichste Herausforderer Lukaschenkas, Viktor Babariko, langjähriger Chef der Belgasprombank, sitzt im Gefängnis, ebenso wie der Blogger Sergej Tichanowsky, der kandidieren wollte. Daher wird nun dessen Ehefrau Swetlana Tichanowskaja für die Opposition antreten. Doch die Gesellschaft ändert sich, versichert der Leiter des Goethe-Instituts in Minsk, Jakob Racek, der während der von Lukaschenka ostentativ ignorierten Pandemie in der Stadt blieb. Racek, den wir in einem Café treffen, imponierte, wie Unternehmer, vor allem aus dem IT-Sektor, die Initiative „BY Covid 19“ gründeten, Geld sammelten, Schutzausrüstung für Mediziner kauften und vor allem an Provinzkrankenhäuser verteilten. Die Zivilgesellschaft sei in der Krise gewachsen, so Racek. Wie der weißrussische Philosoph Valentin Akudowitsch ist er überzeugt, dass das Land, in dem die belarussische Sprache weiterhin einen Nischenstatus hat, niemals im Sinn eines nationalen Projektes umzumodeln sei wie etwa die Ukraine, sondern nur durch die Selbstorganisation freier und selbstbewusster Bürger.

          Solchen begegnet man in der Oktoberstraße, einem ehemaligen Industrieareal mit Straßenbahndepot, das sich als Zentrum der freien Kulturszene mit Lokalen und Läden etabliert hat. Live-Musik erklingt aus einem Hinterhof, Passanten tragen vielfarbige, mit Smileys oder „I love BY“ geschmückte Atemmasken. Ein Flaneur bekennt sich durch sein T-Shirt mit dem Schriftzug „Psychose 3%“ als Oppositioneller. Die Aufschrift zitiert Lukaschenka, der die Corona-Pandemie als „Psychose“ abtat, um zugleich zu suggerieren, wirklich „psychotisch“ fürchte er seine niedrige Unterstützung in der Bevölkerung, die ein oppositionelles Nachrichtenportal auf drei Prozent bezifferte. Echte Umfragen zu dem Thema sind verboten.

          Keine Hilfe von staatlichen Strukturen

          Wir besuchen die Kunstgalerie Y, die wohl wichtigste in Belarus, deren Leiterin Anna Tschistoserdowa mit internationalen Partnern das auch durch Unwissen scheue Publikum behutsam mit den Sprachen zeitgenössischer Kunst vertraut gemacht und die Kunstszene von Minsk mit entwickelt hat. Am Anfang der Pandemie, als Museen und Theater geöffnet blieben, sagte Tschistoserdowa alle Projekte ab, ließ ihre Belegschaft nur noch von zu Hause aus arbeiten und stellte die Galerieräume der Initiative „BY Covid 19“ zur Verfügung.

          Die Galeristin Anna Tschistoserdowa
          Die Galeristin Anna Tschistoserdowa : Bild: Anastassia Boutsko

          Tschistoserdowa empfängt uns in einem rosafarbenen Gewand – um „der Tristesse der Zeit zu trotzen“, wie sie sagt. Noch immer stapeln sich in der Galerie medizinische Kartons, an den Wänden hängen Landkarten, auf denen Lieferwege zu Kliniken eingezeichnet sind. Außerdem hat das unabhängige Projekt „Artonist“, in dem sich Künstler sowie Kunstinteressierte organisieren, eine Crowdfunding-Aktion gestartet, um Kulturinstitutionen und Künstler in Not zu unterstützen. Von staatlichen Strukturen ist keine Hilfe zu erwarten. Über eigene Existenzängste will Tschistoserdowa nicht sprechen, sie habe keine Lust, sich ständig zu fürchten. Doch sie sei stolz auf ihre Mitbürger. Die Belarussen hätten sich in der schwierigen Zeit wirklich bewährt. Ihre erste Ausstellung nach der Pandemie möchte Tschistoserdowa den Helden der Corona-Zeit widmen, der Titel steht schon fest: „Berührende Distanz“.

          Auch der Kurator der konfiszierten Kunstsammlung der Belgasprombank, Alexander Zimenko, gibt sich gelassen. Zimenko empfängt uns im „Palast der Künste“, wo die Werke von Künstlern aus Belarus, die außerhalb ihres Landes berühmt wurden, bis vorigen Monat öffentlich zugänglich waren. Der frühere Bankchef Babariko hatte über Jahre Arbeiten von Chaim Soutine, Léon Bakst, Marc Chagall, Ossip Zadkine auf dem internationalen Kunstmarkt aufgespürt und angekauft. Als Babariko festgenommen wurde, wurden auch die Bilder beschlagnahmt. Der Präsidentschaftskandidat habe sie außer Landes bringen wollen, lautet der wenig plausible Vorwurf der Ordnungshüter.

          Zimenko, der ein elegantes Deutsch spricht, hat aus der Not ein digitales Projekt gemacht. Im Ausstellungssaal hängen leere Bilderrahmen mit QR-Codes, durch die man die abwesenden Werke mittels Smartphone virtuell in die Rahmen zurückholen kann. Die Schau wurde ein Publikumsrenner. Zimenko gibt sich zuversichtlich, dass die Bilder nach den Wahlen wieder zurückkommen werden, wenngleich er ein „mulmiges Gefühl“ nicht abstreitet. Doch er plant schon eine neue Ausstellung mit zeitgenössischen belarussischen Künstlern, die in der jüngsten Zeit die Isolation überwunden hätten und Teil der europäischen Szene geworden seien.

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