https://www.faz.net/-gqz-a22sf

Künstler im zerstörten Beirut : Sie stehen vor den Scherben ihrer Heimat

Scherbenhaufen in der Wohnung der Musikerin Elissa Bild: Twitter

Zahlreiche Künstler der arabischen Welt stammen aus Beirut oder haben dort ihre Bleibe. In den sozialen Medien zeigt sich ihre Not.

          3 Min.

          „Für Beirut. Aus meinem Herzen ein Gruß an Beirut. Küsse an das Meer und die Häuser.“ Melancholisch klingen die Worte von Fairuz, der mittlerweile hochbetagten, aber immer noch im musikalischen Gedächtnis des Libanons und der gesamten arabischen Welt präsenten Sängerin. Die heute Fünfundachtzigjährige steht wie kaum eine andere Künstlerin für einen geeinten Libanon. Ihre Lieder genießen Kultstatus, wie sich nun eindrucksvoll zeigt.

          Das Heimatland von Fairuz hat schon viele Krisen überstanden. Als der Bürgerkrieg es heimsuchte, verlief eine der Kampflinien mitten durch die Metropole am östlichen Mittelmeer, die ehedem als „Paris des Ostens“ gerühmte Stadt versank im Chaos. Nicht wenige Radiosender spielten damals die gesungene Liebeserklärung der syrisch-orthodoxen Fairuz an ihre Geburtsstadt ab.

          Mit der Explosion vom 4. August, die die Schrecken des Bürgerkriegs in den Augen der Bevölkerung Beiruts übertroffen hat, zeigt sich, dass das Lied „Für Beirut“ nichts von seiner Aktualität verloren hat. Quer durch die sozialen Netzwerke wird es vielfach geteilt. Einige Nutzer haben Filmaufnahmen der aktuellen Katastrophe mit dem Lied unterlegt, auf Twitter markiert ein Hashtag mit Fairuz’ Worten „Aus meinem Herzen ein Gruß an Beirut“ in arabischer Sprache zahlreiche Beiträge. Sie drücken Trauer, aber auch Solidarität mit und Liebe zu der Hauptstadt des kleinen Landes aus.

          Künstler zeigen die Schäden auf Instagram und Twitter

          Der Libanon ist die Heimat vieler arabischer Sänger. Ob in Dubai, Kairo oder anderen Städten der arabischen Welt – wer dort in einem Café sitzt und Entspannung sucht, wird sich dem Klang ihrer Stimmen, ihrer Musik und meistens auch dem Anblick ihrer Videoclips kaum entziehen können. Libanesische Musiker sind omnipräsent.

          Kein Wunder also, dass die Explosion, die halb Beirut in einen Trümmerhaufen verwandelt und nach gestrigem Stand 137 Menschen getötet, knapp fünftausend verletzt und nahezu 300000 obdachlos gemacht hat, die Bevölkerung der arabischen Welt zusätzlich ins Mark getroffen hat, weil einige ihrer Lieblingsmusiker darunter sind. Zahlreiche bekannte Sänger haben in der Zweieinhalbmillionenstadt ihren Wohnsitz. Viele von ihnen machen ihr persönliches Schicksal mittlerweile über die sozialen Medien publik.

          Elissa, eine der berühmtesten zeitgenössischen Sängerinnen des Libanons. Auch ihre Wohnung in Beirut hat Schäden abbekommen.
          Elissa, eine der berühmtesten zeitgenössischen Sängerinnen des Libanons. Auch ihre Wohnung in Beirut hat Schäden abbekommen. : Bild: AA

          Zu ihnen gehört Elissar Zakaria Khoury. Unter ihrem Künstlernamen Elissa ist sie eine feste Größe in der Musikszene weit über die Grenzen des Libanons hinaus. Die gigantische Druckwelle machte auch vor ihrer Wohnung nicht halt. Fotos der Künstlerin auf Twitter zeigen die Schäden, die an der Frontseite des Hauses, aber auch in ihrer Wohnung entstanden sind: zersprungene Fensterscheiben, geborstene Rahmen und Glassplitter, die sich quer durch den Raum über Fußboden und Möbel verteilen. Ihrer Kollegin Haifa Wehbe, einer Sängerin, die sich auch als Schauspielerin betätigt und für so manche Kontroverse gesorgt hat, ist es nicht besser ergangen. Auf Instagram zeigt sie mittels eines Videos die Schäden in ihrer Wohnung und schrieb teilnehmende Worte für ihre Hausangestellte, die bei der Explosion verletzt wurde und nun im Krankenhaus liegt. Auch Ragheb Alama, ein Sänger, der seit den achtziger Jahren erfolgreich ist, teilte auf Instagram ein Video, das die Verwüstungen bei ihm daheim zeigt.

          Während Elissa, Wehbe und Alama jeweils mit dem Schrecken davonkamen, hatten andere Künstler weniger Glück, unter ihnen die Schauspielerin und ehemalige Miss Lebanon Nadine Njeim. Bei der Explosion wurde sie verletzt, musste ins Krankenhaus eingeliefert und sechs Stunden lang operiert werden. In einem Beitrag auf Instagram beschreibt sie dieses Erlebnis.

          Die Auswirkungen auf die vitale Kulturszene der Stadt sind noch gar nicht abzusehen. Besonders stark vertreten ist in Beirut traditionell das Verlagswesen. Der Libanon ist eines der Zentren für die Buchproduktion in arabischer Sprache. Nach eigenen Angaben der dortigen Gewerkschaft für Verlagsangehörige werden im Land jährlich knapp 8500 Titel publiziert, das sind knapp dreißig Prozent der gesamten Neuerscheinungen in der arabischen Welt. Viele dieser Werke werden in andere Länder geliefert, wo strengere Zensurgesetze herrschen als im vergleichsweise liberalen Libanon. Ein Großteil der arabischsprachigen Verlage hat deshalb seinen Sitz in Beirut.

          Zu ihnen gehören Dar al Saqi, ein Haus, das nicht nur für seine arabischen Romane, sondern auch für Übersetzungen fremdsprachiger Autoren sowie Sachliteratur und andere Genres bekannt ist, oder Dar El Bashaer, ein Verlag, der sich vor allem mit islamisch-religiöser Literatur oder solcher mit theologischem Bezug einen Namen gemacht hat. Beide Unternehmen haben ihren Sitz im Stadtzentrum und dürften deshalb über längere Zeit in ihrer Produktion eingeschränkt sein. Die Bilder, die man von den entsprechenden Straßenzügen sehen kann, lassen vermuten, dass so bald hier kein geregeltes Arbeitsleben mehr möglich sein wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Künstliche Intelligenz : Nach dem Hype

          Mit unserem Gehirn können es Computer noch lange nicht aufnehmen. Dennoch ist klar: Künstliche Intelligenz wird in immer mehr Bereichen den Menschen überflügeln – es geht um Geld, Macht und Kontrolle.

          Neue Stadtteile : Deutschland baut XXL

          In den Metropolen fehlen zehntausende Wohnungen. Gegen den Mangel soll Neubau helfen, überall entstehen neue Stadtteile. Wir stellen die größten Projekte vor.
          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

          Rüsten für zweite Corona-Welle : Das nächste Mal ohne Schlagbäume

          Deutsche und französische Parlamentarier befragen gemeinsam ihre Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Olivier Véran (LREM). Neue Exportbeschränkungen wollen sie meiden. In anderen Punkten liegen sie auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.