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Kubrick-Ausstellung : Die Schatzkammern des Kinogenerals

Im Haus des Schriftstellers Mr. Alexander - Szene aus Kubricks „A Clockwork Orange”, 1970-71 Bild: Warner Bros. Entertainment Inc.

Jede Kubrick-Ausstellung bleibt ein Mängelwesen. In Frankfurt hat man das Dilemma fruchtbar gemacht. Die Schau im Filmmuseum ist die erste ihrer Art. Sie wird für lange Zeit die beste, vorbildliche bleiben.

          6 Min.

          Inzwischen redet niemand mehr schlecht über ihn. Ken Adam, der Set-Designer von "Dr. Seltsam" und "Barry Lyndon", erwähnt seine "unfaßbare Neugier, alles wissen zu wollen"; eine Eigenschaft, die auf die Dauer "ganz schön anstrengend" und sogar "zerstörend" gewirkt habe, weil man diesen Röntgenblick nicht lange aushielt. Und ein paar Kritiker, weit hinten in Amerika, stehen, falls sie nicht ebenfalls gestorben sind, zu ihren abwertenden Urteilen über "2001 - Odyssee im Weltraum" und "Shining". Aber sonst ist alles eitel Verehrung, wenn die Welt, die hinterbliebene, über Stanley Kubrick spricht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er ist ein Gott; daß er auch ein Ärgernis war, als er noch lebte, ein Tyrann, ein Pedant, ein grausamer Kinogeneral - dieses Wissen ist verglüht im Feuer der Legende. Am freundlichsten und treffendsten drückt es Malcolm McDowell aus, der für Kubrick die Hauptrolle in "Uhrwerk Orange" gespielt hat: Stanley habe ihm vor der Aufnahme einer Szene gesagt, er wisse noch nicht genau, was er eigentlich wolle. "Aber er wußte ganz genau, was er nicht wollte."

          Die Regeln des Tonkinos außer Kraft gesetzt

          Was er nicht wollte. Das war die Triebfeder seines Handelns, seiner filmischen Arbeit, mehr noch als jede positive Entscheidung für einen Stoff, ein Projekt, einen Schauspieler oder Drehort. Was er nicht wollte, war das Kino, wie es in seiner Kindheit und Jugend gewesen war, das Kino der Genres und des Nachkriegsrealismus, dessen Regisseure sich mehr für Geschichten und Charaktere als für die einzelne filmische Einstellung interessierten. Was Stanley Kubrick statt dessen suchte, was er diesem Kino der Worte entgegensetzte, war ein Bilderkino, wie es mit dem Stummfilm scheinbar untergegangen war, ein filmisches Erzählen, das Dialoge und psychologische Motivationen nur als Hilfsmittel benutzte, um eine andere, rein visuelle Rede zu formulieren.

          In der Ausstellung im Filmmuseum: Requisiten aus „A Clockwork Orange”

          Wenn man aus allen Filmen Kubricks die Dialogszenen herausschnitte und den Rest aneinanderheftete, hätte man immer noch genügend Material für einen ganzen Tag - eine endlose Reihe sprachloser, gewaltiger, verstörender und verzaubernder Kinobilder. Man könnte Kubrick zum Vorläufer des Actionkinos heutiger Bauart ausrufen, wenn nicht auch dessen hysterische Rhetorik seinen Filmen wesensfremd wäre. Es gibt keine bildfüllenden Explosionen bei ihm, so wie es keine psychologischen Erklärungen gibt. Beides, das Zerstören wie das Zerreden, hat in Kubricks Filmerzählungen nichts zu suchen. Hier tritt an die Stelle der Auslöschung, die immer auch eine Art Lösung ist, die Verwandlung, wie sie Jack Torrance in "Shining", Alex de Large in "Uhrwerk Orange" und der Astronaut Dave in "2001" erleben - und an die Stelle der Antwort, die das Filmende gewöhnlich gibt, die wiedergeborene Frage. Das starchild, das Sternenkind, das am Schluß von "2001" durch den Weltraum gleitet, ist die Ikone dieser erzählerischen Inversion; es führt zurück zum Anfang, zur Menschheitsdämmerung, mit der der Film beginnt.

          Kubrick hat die Regeln des Tonkinos außer Kraft gesetzt, nicht, weil er mit ihnen spielen, sondern weil er ein Spiel mit eigenen Regeln erfinden wollte. Dieses Spiel hat er, wenn man die frühen Fingerübungen "Fear and Desire", "Killer's Kiss" und "The Killing" abzieht, dreißig Jahre und zehn Filme lang gespielt, mit wachsendem, dann wieder schwindendem Erfolg, aber ohne jede Rücksicht auf die Kinomoden der Zeit, die ihn umgab. Er war ein Teil der Filmindustrie und zugleich deren Negation.

          Immer nur für seine Filme gesammelt und gelebt

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