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Krönungsevangeliar : Auf dieses Buch schworen die deutschen Kaiser

Die Kunst der Buchmalerei im Faksimile besteht aus drei Teilen. Erstens, einem Prunkdeckel Bild: Faksimile Verlag

Das Krönungsevangeliar aus der Palastschule Karls des Großen verlässt den Tresor im Kunsthistorischen Museum Wien nur äußerst selten. Nun erscheint es in einer prächtigen Faksimile-Edition.

          6 Min.

          Es ist eine höchst ungewöhnliche Reisegruppe, die sich im Winter des Jahres 1790 bei Eis und Schnee auf den Weg von Aachen nach Frankfurt macht. Zur selben Zeit setzt sich auch von Nürnberg aus ein Tross in Bewegung: an die hundert Personen zu Pferd oder in Kutschen, begleitet von Husaren in prächtigen Uniformen. Sogar zwei Trompeter gehören zu der Kolonne, die sich um den von sechs Pferden gezogenen hochfürstlichen Anspachischen Staatswagen gruppiert.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Begleitschutz flankieren vier Kronkavaliere den offenen Staatswagen, auf dem eine große Kiste transportiert wird. Sie ist mit einer roten Plane abgedeckt, über der ein gelbes Tuch liegt, das den Reichsadler zeigt. Auf dem Reichsadler liegen Nachbildungen der Krone und des Reichsapfels. Die Originale der Reichsinsignien befinden in der Kiste, um gleichzeitig mit dem von Aachen aus auf die Reise geschickten Teil des Reichsschatzes zur Krönung von Leopold II. nach Frankfurt gebracht zu werden.

          Künstler aus einer untergegangenen Welt

          Bei der Krönungszeremonie wird der neue Kaiser von Kopf bis Fuß in die lange Geschichte des Heiligen Römischen Reiches gehüllt: Von der achteckigen, um das Jahr 950 in einer niederrheinischen Werkstatt angefertigten Reichskrone bis zu den damals etwa sechshundert Jahre alten Strümpfen, die um 1170 in Palermo gefertigt, mit Golddraht bestickt und mit einer arabischen Inschrift versehen wurden. Hauptstück des Krönungsornats ist das Pluviale, der Krönungsmantel: ein offener Umhang, elf Kilogramm schwer, fast dreieinhalb Meter breit, mit mehr als 100000 Perlen und Emailplättchen bestickt.

          Er zeigt zwischen zwei Löwen, die Kamele schlagen, eine stilisierte Palme, die an das altorientalische Motiv des Lebensbaumes erinnert. So waren die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seit dem dreizehnten Jahrhundert überwiegend in Kleider gehüllt, die aus sizilianischen Werkstätten stammten, stark von islamischer Kunst beeinflusst waren und altarabische Schriftzeichen trugen. Doch wenn sie den Eid ablegen mussten, legten alle deutschen Kaiser die Schwurhand auf ein Buch, das in Aachen entstanden war, am Hof Kaiser Karls des Großen, im Herzen des Karolingisches Reiches. Die Künstler, die dieses Buch im letzten Jahrzehnt des achten Jahrhunderts anfertigten, waren weder Franken noch sizilische Normannen, noch Mauren oder Sarazenen. Sie kamen aus einer anderen Welt, die Jahrhunderte zuvor untergegangen war. Sie kamen aus der Spätantike.

          Aachen als Zentrum der Buchmalerei

          Tausend Jahre bevor die Reichsinsignien für Leopolds Krönung durch Eis und Schnee nach Frankfurt gebracht wurden, hatten die fremden Künstler ihre Reise nach Aachen angetreten. Es ist anzunehmen, dass sie aus Italien stammten, vielleicht auch aus Griechenland oder Byzanz. Wie viele es waren, wissen wir nicht, vielleicht zwei oder drei. Wahrscheinlich wurden sie gerufen, um einen besonderen Auftrag zu erfüllen, den ihr Auftraggeber seinen eigenen Schreibern nicht anvertrauen wollte. Dabei gehörte die Aachener Hofschule zu den angesehensten Schreibwerkstätten ihrer Zeit. Doch die fremden Buchmaler sollten etwas schaffen, was seinesgleichen nicht hatte: ein Werk, das heute als wohl bedeutendstes Buch des Mittelalters gilt, ein Codex aureus, dessen purpurgefärbte Seiten mit goldener Tinte beschrieben waren, ein Evangeliar mit vier Bildern der Evangelisten, wie sie so nördlich der Alpen noch nie zuvor dargestellt worden waren.

          Zweitens: Das Bild des Evangelisten Matthäus
          Zweitens: Das Bild des Evangelisten Matthäus : Bild: Faksimile Verlag

          Aachen war damals mit dem großen Scriptorium der Hofschule eines der wichtigsten Zentren der Buchmalerei, aber es gab dort auch andere Werkstätten, in denen zum Beispiel die große Grabplatte gefertigt wurde, die Karl der Große für den 795 verstorbenen Papst Hadrian I. herstellen und über die Alpen nach Rom transportieren ließ, wo sie noch heute in der Vorhalle von St. Peter zu sehen ist. Das eingemeißelte Gedicht stammt von Alkuin, Karls wichtigstem Berater. Aber als Leiter der Werkstätten zu jener Zeit wird Einhard vermutet, der Biograph Karls des Großen. Wenn das stimmt, ist vermutlich er derjenige gewesen, der gegen Ende des achten Jahrhunderts die fremden Künstler an Karls Hof rief, wo sie den „hellenistischen Stil der Spätantike zum ersten Mal im fränkischen Kulturbereich“ erscheinen ließen, wie der Mediävist Wilhelm Koehler schrieb. Seine Forschungen gelten auch nach mehr als fünfzig Jahren noch immer als Standardwerk zur Geschichte des Krönungsevangeliars, um das sich manche Legende rankt.

          Kostbarer als Gold

          Die wichtigste gibt eine Antwort auf die Frage, wie es eigentlich kommt, dass ein Buch Teil der Reichskleinodien wurde. Als Heinrich III. zweihundert Jahre nach Karls Tod dessen Grabmal öffnen ließ, soll er den Leichnam unversehrt vorgefunden haben. Auf dem Schoß des aufrecht thronenden Kaisers aber lag das Evangeliar, auf das von nun an alle Nachfolger Karls den Eid ablegen sollten. Tatsächlich weist die Seite mit dem Bild des Evangelisten Johannes, auf das angeblich die Schwurhand gelegt wurde, starke Abnutzungserscheinungen auf, aber das kann auch andere Ursachen haben.

          Es ändert nichts an der Symbolkraft des Buches, dessen Bild- und Formsprache wie von Karl gewünscht die Brücke vom Fränkischen Reich über die Alpen und die römisch-hellenistische Spätantike bis ins römische Kaiserreich schlug. Die Purpurfarbe, mit der jede einzelne Seite gefärbt wurde, war noch kostbarer als Gold. Und auch ihr Symbolgehalt war noch höher. Denn Purpur war im antiken Rom allein den Herrschern vorbehalten.

          Sorge vor Schäden

          Wie viele der seltenen Purpurschnecken waren nötig, um die insgesamt 472 Seiten der Handschrift zu färben? Wie viele Kälber mussten geschlachtet werden, um das kostbare Pergament zu gewinnen, das mehr als ein Jahrtausend überstanden hat? Wer war jener „Demetrius Presbyter“, der seinen Namen keck und kommentarlos auf den Rand einer Seite des Evangeliars geschrieben hat, wo er seit zwölfhundert Jahren steht, ohne dass wir irgendetwas über den Träger dieses Namens wüssten? Demetrius, mag er nun aus Griechenland, Italien oder Byzanz gekommen sein, hat nur diese einzige Spur hinterlassen. Über ihn dürfte auch mit den neuesten wissenschaftlichen Methoden nichts herauszufinden sein. Aber die umfangreichen Untersuchungen, die in den letzten zwei Jahren am Evangeliar vorgenommen wurden, dürften unser Wissen über diese bedeutende Prachthandschrift erheblich erweitern.

          Drittens: Eine Seite aus dem Krönungsevangeliar
          Drittens: Eine Seite aus dem Krönungsevangeliar : Bild: Faksimile Verlag

          Sechzig Jahre lang hat die Handschrift kaum je den Tresor des Kunsthistorischen Museums verlassen. Nicht einmal mehr Staatsoberhäuptern wurde der Wunsch erfüllt, die Purpurseiten aus der Nähe betrachten zu dürfen. Nur der prachtvolle Buchdeckel wird in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums ausgestellt, ebenso wie die Krone, das Reichskreuz, die Heilige Lanze und andere Teile der Reichskleinodien. Erst nach jahrzehntelangen Bemühungen hat der Faksimile Verlag die Erlaubnis der Wiener Museumsdirektion erhalten, den empfindlichen Buchblock zu reproduzieren. Zu groß war die Sorge, die Handschrift könnte im Verlauf des komplizierten, technisch ungeheuer aufwendigen Reproduktionsverfahren Schäden davontragen.

          Originaltreue Reproduzierungen

          In enger Zusammenarbeit mit Kurator Franz Kirchweger, der auch die für März nächsten Jahres angekündigte Neueinrichtung der Kunstkammer verantwortet, ist in dreijähriger Arbeit ein Faksimileband entstanden, der Maßstäbe setzt. Die Anforderungen waren enorm. Gedruckt wurde auf ein neuentwickeltes Spezialpapier, das der Oberflächenstruktur und der Haptik des Pergaments nahezukommen versucht. Das Blattgold und Blattsilber des Originals wird durch Gold- und Silberfolien wiedergegeben, die als Kaltfolien passgenau aufgetragen werden können.

          Als besondere Herausforderung erwies sich die Purpurfärbung der Seiten, die in den Farbtönen des Originals stark variiert. Die vier ganzseitigen Evangelistenporträts sind mit 23 Karat echtvergoldet. Der Prunkdeckel, um das Jahr 1500 von Hans von Reutlingen geschaffen, wurde ebenfalls originalgetreu reproduziert. Der Kupferdeckel wurde vernickelt und versilbert, dann erst vergoldet und patiniert. Neben Amethysten, Rauchquartz und Glassteinen prangt ein großer, allerdings synthetischer Saphir auf der Brust der nahezu vollplastisch gearbeiteten Gottvaterfigur des Deckels.

          Wertzuwachs nicht garantiert

          Das Faksimile des Krönungsevangeliars ist eines der teuersten und aufwendigsten Projekte seiner Art. Nur 333 Exemplare beträgt die Auflage, der Preis liegt bei knapp dreißigtausend Euro, Ratenzahlung ist möglich. Während früher Bibliotheken und Forschungseinrichtungen einen großen Teil der Abnehmer solcher Faksimilebände stellten, sind in Zeiten schrumpfender Ankaufsetats private Sammler immer wichtiger für Faksimileverlage. Die Kundenkartei ist international, aber nicht sehr groß. Der Kreis der bibliophilen Sammler, die bereit sind, den Gegenwert eines Mittelklassewagens für ein Buch auszugeben, das ohne die Aura des Originals auskommen muss, dürfte überschaubar sein.

          Als Spekulationsobjekte sind Faksimileausgaben selbst in dieser Preiskategorie nur sehr eingeschränkt zu empfehlen, denn der Wertzuwachs ist keineswegs garantiert. Aber man darf nicht vergessen, dass in aller Regel nur solche Handschriften für eine derartige Faksimileedition ausgewählt werden, die so gut wie nie auf den freien Markt kommen. Ein Buch wie das Krönungsevangeliar ist für kein Geld der Welt zu haben.

          Für die Buchmaler der Aachener Hofschule müssen die fremden Künstler, die um das Jahr 790 in Aachen auftauchten, inspirierende Kollegen und beängstigende Konkurrenten gewesen sein.Auch die Hofschule kannte den Rückgriff auf die Spätantike. Aber diese zwei oder drei Männer, welche die Aachener Palastschule begründeten, waren radikale Erneuerer und strenge Traditionalisten zugleich.

          Sie zeigten der reichen Ornamentik, die zum beherrschenden Stil jener Zeit geworden war, die kalte Schulter und verfolgten ein retrospektives Ideal, das alles ausschloss, was nicht antiken Ursprungs war. Wenn im nächsten Jahr der von Franz Kirchweger herausgegebene Kommentarband erscheint, werden gewiss einige offene Fragen eine Antwort finden. Doch Demetrius Presbyter wird dort bleiben, wo er sich seit zwölfhundert Jahren befindet: im unergründlichen Dunkel der Geschichte, aus dem er nur für jenen Augenblick heraustrat, als er seinen Namen auf die Seite eines einzigartigen Buches schrieb.

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