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Kritischer Journalismus : Der Mann, der viel zu berichten wusste

Stolz auf seine widerständige Rolle in der DDR: Mit kritischem Journalismus aber tun sich Vorstand und Fans des FC Union Berlin aktuell schwer Bild: Matthias Koch

Matthias Wolf ist ein kritischer Sportreporter. Er berichtete auch für die „Berliner Zeitung“. Die wollte ihn über den 1. FC Union Berlin nicht mehr schreiben lassen. Warum eigentlich?

          Ein Fußballstürmer muss dort hingehen, wo es weh tut. Dann macht er seine Arbeit gut. Bei einem Fußballreporter ist das ähnlich. Die „Berliner Zeitung“ hat dennoch ihren Mitarbeiter Matthias Wolf von der Berichterstattung über den Zweitligaklub 1. FC Union abgezogen, obwohl er tapfer war, wenn es weh tat - fünfzehn Jahre lang. Der Fußballverein und vor allem dessen Präsident Dirk Zingler hatten zuletzt mehr als deutlich gemacht, dass die Arbeit des Journalisten auch sie schmerze. Kein Wunder, hatte Wolf doch im vergangenen Jahr ans Licht gebracht, dass Zingler in den achtziger Jahren Dienst beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ geleistet hatte, das dem Staatssicherheitsdienst unterstand.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Artikel, welchen die „Berliner Zeitung“ am 19. Juli 2011 unter der Schlagzeile „Der schwarze Fleck“ veröffentlichte, war eine Sensation. Denn „Eisern Union“ aus Köpenick und seine Fans verstanden sich in der DDR als Opfer der Manipulationen von Stasi-Chef Mielke, als natürliche Rivalen des von Mielke mit allen Mitteln geförderten BFC Dynamo und als Sammelbecken derjenigen, die ganz entschieden keine Mitläufer waren.

          Ungeheuerlich: Er trug den Dynamo-Trainingsanzug

          Der Baustoffhändler Zingler, seit 2004 Präsident von Union, pflegte diese Tradition. Er ließ Sitze aus der Tribüne reißen, weil ihre Farbe dem Weinrot von Dynamo ähnelte. Er annullierte einen Vertrag, der Union zehn Millionen Euro einbringen sollte, nicht weil der Sponsor dubios war, sondern weil er von einem einstigen Hauptmann der Stasi vertreten wurde. Und der einstige Spieler Nico Patschinski beklagte, dass Union ihn rausgeworfen habe, weil er an einem Pokerturnier des BFC teilgenommen hatte.

          All dies gehört zur Folklore von Union. Auch deshalb begann Wolf seine Enthüllungsgeschichte mit dem Umstand, dass Zingler einst den weinroten Trainingsanzug der Militärsportgemeinschaft Dynamo trug. Das war die Ungeheuerlichkeit: der Dynamo-Habitus. Der Trainingsanzug gehörte, wie die Uniform, zur Ausstattung der Wachsoldaten. Weiter gehende Vorwürfe erhob Wolf gar nicht. Im Gegenteil: Er zitierte aus Zinglers Personalakte und ebenso die Jahn-Behörde mit dem Hinweis, dass es keinerlei Hinweis darauf gebe, dass Zingler als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) tätig gewesen sei. Zingler kam in einem kurzen Interview mit der Erklärung zu Wort, dass er als achtzehn Jahre alter Wehrpflichtiger unter allen Umständen in Berlin bleiben wollte. „Für mich war das mein Wehrdienst, also Armee - ganz klar“, hieß es da. „Ich wusste auch vorher nicht, dass das Wachregiment dem MfS untersteht - das habe ich erst gemerkt, als ich dort meinen Dienst antrat.“

          Auf dem Rasen und in der Redaktion unerwünscht: Sportjournalist Matthias Wolf

          Für Zingler war damit dennoch das Maß voll. Der Präsident hatte sich schon früher schlecht behandelt gefühlt, etwa als es um die Lizenz Unions für den Profifußball und um wirtschaftliche Hintergründe ging. Damals ließ er, zum Beispiel, Wolf vom Pressesprecher die Akkreditierung entziehen. Nun machten, beim ersten Spiel nach der Enthüllung, Plakate und T-Shirts, die den durchgestrichenen Kopf eines Wolfes mit Schweineschnauze zeigten, deutlich, dass der Reporter zur persona non grata geworden war. Im Stadionheft wurde Wolf denunziert. Trainer Uwe Neuhaus erwiderte auf eine Frage Wolfs, dass dieser mit einer Antwort nicht rechnen könne. Schließlich habe er Kübel von Unrat über den Verein vergossen. Der Pressesprecher des Klubs, Christian Arbeit, sagte über die Lautsprecheranlage im vollen Stadion: „Ich glaube, dass wir uns die Dinge nicht von Leuten erklären lassen müssen, die damals gar nicht hier waren und dann irgendwann nach Berlin gekommen sind.“

          Für Wolf waren die Anfeindungen schmerzhaft, aber Teil seiner Arbeit. Der hauptberufliche Fernsehjournalist, der nebenher auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, folgt bei seiner Fußballberichterstattung zwar seiner Leidenschaft für den Sport, legt aber gerade deshalb besonders strenge Maßstäbe an seine Arbeit an. Kaum ein Journalist der Hauptstadt ist so gut informiert über Union wie er. Das macht ihn nicht unbedingt beliebt in einem Metier, in dem Kabale und Halbwahrheiten üblich sind. Schon früher hatten vorgebliche Fußballfans ihn im Internet geschmäht, sein Bild veröffentlicht und aufgerufen, ihn zu verprügeln. In Sachen „Feliks Dzierzynski“ ließen sich Fans und Vereinsmitglieder nach heftigen Diskussionen von Zingler beschwichtigen; sie wissen, dass der Mann ihrem Klub mit seinem Geld das Überleben gesichert hat.

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