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Macrons Erinnerungskultur : Von Verdun nach Vichy

„Macron wurde auf dem Schlachtfeld von 1914/18 geboren“, sagt der für die Zentenar-Zeremonien zuständige Historiker Joseph Zimet. Bild: AP

Eine Festlichkeit folgt auf die nächste für Emmanuel Macron, der des Ersten Weltkrieges gedenkt. Dient Frankreichs Geschichte dem Staatspräsidenten dabei als Spielzeug?

          Seit einer Woche befindet sich Emmanuel Macron auf seiner „Itinérance mémorielle et territoriale“ durch die vom Ersten Weltkrieg gezeichneten Landschaften in Ost- und Nordfrankreich. Der letzte französische Staatspräsident, der die Provinzen bereiste, um mit dem Volk auf Tuchfühlung zu bleiben, war Charles de Gaulle – der General folgte den Spuren und dem Vorbild der Könige.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Macron begann seine Erinnerungstour zu den Schlachtfeldern in Begleitung von Frank-Walter Steinmeier. Sie besuchten in der Kathedrale von Straßburg ein Konzert und eröffneten auf dem Hartmannsweilerkopf die erste deutsch-französische Gedenkstätte zum Ersten Weltkrieg. Deren Errichtung hatten 2014 Angela Merkel und François Hollande beschlossen.

          Am Mittwoch ließ der Staatspräsident das gesamte Kabinett aus Paris mit der Bahn zum Ministerrat nach Charleville-Mézières anreisen. Macron hatte in der Präfektur übernachtet. Im Rundfunk forderte er die Schaffung einer europäischen Armee und kündigte an, dass der Schriftsteller Maurice Genevoix ins Pantheon einziehen werde. Genevoix hat in „Ceux de 14“ vom Horror in den Schützengräben Zeugnis abgelegt, vor vier Jahren ist „Die von 14: Vor Verdun“ erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Bernard Maris hatte das Werk seines Schwiegervaters Genevoix in „L’Homme dans la guerre“ mit den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger verglichen. Maris kam beim Attentat auf „Charlie Hebdo“ ums Leben.

          Noch immer werden auf den Schlachtfeldern Leichen gefunden

          „La Grande Guerre“ bleibt für die Franzosen der gute, heroische Krieg. Auf seine Vergangenheit können sie ohne große Abstriche stolz sein. Im ganzen Land werden die seinen Toten geweihten Denkmäler herausgeputzt und neue Gedenkstätten eröffnet. Im Friedhof Père Lachaise entstand ein Memorial, auf dem die Namen der 95.000 Pariser „morts pour la France“ eingraviert sind. Noch immer werden auf den Schlachtfeldern Leichen gefunden, deren Identität die Gerichtsmediziner zu ermitteln versuchen.

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          Der „Unbekannte Soldat“ hat gerade nach den Fotos von 30.000 „Poilus“ ein Gesicht bekommen. Das Verhältnis zum Ersten Weltkrieg ist so ungestört, dass hohe Offiziere und Armeehistoriker dem Präsidenten vorwerfen, sein Ende nicht als Sieg zu feiern, sondern im Zeichen des Friedens und der Freundschaft mit Deutschland zu begehen. „Macron wendet sich von der Geschichte ab“, kritisiert der Parteichef der Republikaner, Laurent Wauquiez.

          Am Freitag stand immerhin eine Siegesfeier mit Theresa May an der Somme auf dem Programm. Für die Zeremonie am Sonntag beim Triumphbogen werden auch Donald Trump und Wladimir Putin erwartet. Am Nachmittag sollen Angela Merkel und Emmanuel Macron ein Forum für den Frieden eröffnen. An diesem Samstag treffen sie sich in Compiègne , wo der berühmte Eisenbahnwagen stand, in dem 1918 die Kapitulation der Deutschen und 1940 jene der Franzosen unterschrieben wurden – mit Pétain in der Hauptrolle: Der militärische Sieger von Verdun und Armeechef war zum geistigen Anführer der Niederlage und politischen Verräter mit faschistischer Weltanschauung mutiert.

          „Macron wurde auf dem Schlachtfeld von 1914/18“ geboren, sagt der für die Zentenar-Zeremonien zuständige Historiker Joseph Zimet. Seine Urgroßväter kämpften in den „Stahlgewittern“. An diesem Wochenende gedenkt Frankreich im Invalidendom auch seiner Generäle. Pétain liegt nicht hier begraben, Mitterrand ließ dessen Grab heimlich auf der Insel Île d’Yeu mit Blumen schmücken, 1995 lobte er bei den Fünfzig-Jahr-Feiern zum Zweiten Weltkrieg in Berlin den Mut der Wehrmacht.

          Emmanuel Macron (rechts), Frank-Walter Steinmeier, seine Frau Elke Budenbender (links) und Brigitte Macron bei einem Konzert in Straßburg

          Als „großen Soldaten“ bezeichnete Macron Marschall Pétain, als er in Lothringen auf die Zeremonie angesprochen wurde. „Pétain ist ein Verräter und Antisemit und die französische Geschichte nicht Ihr Spielzeug“, twitterte umgehend Macrons linksextremer Rivale Jean-Luc Mélenchon. Als „Schande und Beleidigung“ kritisiert der Sprecher der Sozialisten die Ehrung: „Pétain ist die Marschallswürde aberkannt worden.“ Im Gegenzug inszenieren die Kommunikationsberater im Elysée einen semantischen Eiertanz, der eine Kapitulation vor der historischen Wahrheit ist: Dass nämlich das „Vaterland Pétains Verdienste in Verdun nicht ignorieren kann“, wie De Gaulle ausführte.

          Macron hätte die exzessive Instrumentalisierung ruhig seinen Gegnern überlassen können. Ungeschickt waren sein Vergleich mit den dreißiger Jahren und die Kriegserklärung an die Populisten. Sie erwecken den Eindruck, dass nach den Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren gleich der nächste wieder losgehen könnte. Auch vom Erinnern dürften sich die strapazierten Franzosen inzwischen heimlich wünschen, dass es, wie die Kriege, langsam zu Ende gehen möge. Noch aber bleibt es in Frankreich ein heißumkämpfter Schauplatz der Innen- und Europapolitik.

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