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Hertie-Stiftung in der Kritik : Ein historisches Markenzeichen

Demokratie stärken, siebzig Jahre Grundgesetz feiern: Die Hertie-Stiftung hat auch eine Veranstaltung mit Schülern in der Paulskirche unterstützt. Bild: Wonge Bergmann

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung fördert die Demokratie. Sie hat einen guten Ruf und trägt einen klingenden Namen. Aber woher kommt er eigentlich? Die Arisierung spielte dabei eine maßgebliche Rolle.

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          Wenn heute die Gremien der Hertie-Stiftung im Frankfurter Westend zusammentreten, werden sie sich mit einem Problem beschäftigen müssen, das nicht leicht zu fassen ist. Es führt zurück in eine Zeit, als es die Stiftung noch gar nicht gab, und es betrifft ein Unternehmen, das nicht mehr existiert. Also doppelter Schnee von gestern, könnte man meinen. Und doch ist dieses Problem gewichtig und aktuell. Denn es handelt sich um Schnee von jener Sorte, die einfach nicht schmelzen will.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung wurde 1974 gegründet und gilt als Vermächtnis des zwei Jahre zuvor verstorbenen Unternehmers Georg Karg, des alleinigen Inhabers der Warenhaus-Kette Hertie, die seine Nachfahren 1994 an das Konkurrenzunternehmen Karstadt verkauften. Karstadt stieß die Hertie-Warenhäuser 2005 wieder ab, britische Finanzinvestoren übernahmen, nach drei Jahren war man insolvent. Im Sommer 2009 wurden die verbliebenen fünfzig Hertie-Kaufhäuser geschlossen. Auch die Namensrechte gingen in die Insolvenzmasse ein, aus der sie 2012 ein Osnabrücker Unternehmen kaufte. Seitdem ist die Hertie-Stiftung fast das einzige, was noch an das traditionsreiche Handelsunternehmen erinnert.

          Wer war Hermann Tietz?

          Sie tut es, indem sie mit einem Stiftungsvermögen in Höhe von etwa einer Milliarde Euro Projekte zur Förderung der Demokratie und des „gesellschaftlichen Zusammenhalts“ sowie zur Hirnforschung unterstützt. Und sie tut es, ob sie will oder nicht, allein schon mit ihrem Namen. Deshalb ist es umso seltsamer, dass die Hertie-Stiftung von der Bedeutung dieses Namens, seinem Ursprung und seiner wechselhaften Historie nicht viel Aufhebens machen möchte. Mancher glaubt sogar, der Stiftung wäre es lieber, wenn die historischen Dimensionen hinter diesem Namen vollständig in Vergessenheit gerieten.

          Der Name „Hertie“ geht vermutlich auf eine Entscheidung Georg Kargs zurück, der seit 1940 alleiniger Eigentümer der Warenhäuser war. Gegründet hatte das Unternehmen 1882 Oscar Tietz, der es nach seinem Onkel und Geldgeber, dem jüdischen Unternehmer Hermann Tietz, benannte. Als Hermann Tietz OHG firmierten die Kaufhäuser, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen und fortan mit brutalsten Mitteln die jüdischen Unternehmer aus dem Land vertrieben.

          Der Jurist Ulrich K. Preuß beschreibt in einem noch unveröffentlichten Aufsatz zur Geschichte der Hertie-Stiftung, wie die „Arisierung“ ins Werk gesetzt wurde: Banken wurden gedrängt, Kredite zurückzuhalten, um jüdische Unternehmer unter Druck zu setzen. Schon im August 1934 wurde so aus der Hermann Tietz OHG die Hertie-Kaufhaus-Beteiligungs-Gesellschaft, deren Anteile vollständig an die Gläubigerbanken gingen, obwohl keine Insolvenz vorlag. Die Eigentümerfamilie erhielt lediglich eine Entschädigungssumme, über deren Höhe Unklarheit herrscht – wie über manches andere auch.

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