https://www.faz.net/-gqz-a1csy

Kritik an Bismarck-Standbild : Anti-Anti-Mal

  • -Aktualisiert am

Der Granit aus dem Schwarzwald symbolisiert die Härte des „Eisernen Kanzlers“, das Schwert steht für Bismarck als „Schmied des Reichs“ 1871. Bild: dpa

Nun ist Bismarck an der Reihe: Als vorgeblicher Wegbereiter des deutschen Kolonialismus soll sein Monument in Hamburg nicht weiter saniert werden – oder gleich ganz weg.

          2 Min.

          Im Alten Elbpark Hamburgs steht mit vierunddreißig Metern die größte der vielen Bismarckstatuen. Nun soll im Zuge der aktuellen Denkmalsturzdebatte seine Sanierung gestoppt werden, sogar ein Abriss wird von einigen gefordert. In der Baugrube neben dem Sockel oder in diesem selbst soll eine Ausstellung entstehen, um das Denkmal kritisch einzuordnen. In der Grube möge man sich intensiv mit der „Geschichte des kolonialen Erbes und auch mit der Geschichte Bismarcks auseinandersetzen“, so die Forderung von Aktivisten. Am besten solle ein Gegendenkmal errichtet werden. Ob das ästhetisch gutgehen wird im Land, wo die sauersten Kunst-am-Bau-Zitronen blühen? In jedem Fall wird man überrascht sein über ein Ergebnis der geforderten „Auseinandersetzung mit der Geschichte“: Die Setzung des monumentalen Bismarck-Denkmals von 1902 bis 1906 war selbst schon ein Anti-Denkmal. Zitiert doch der granitene Riesen-Bismarck von Hamburg mit Schwert und Rittermantel nicht ohne Grund den kaum weniger monumentalen Mittelalter-Roland von Bremen, der dort für die Freiheit der Märkte steht.

          Unter anderem hatte damals der progressive Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, den Jugendstilkünstler Hugo Lederer für das Denkmal ausgewählt. Eine preußische Pickelhaube etwa war von diesem nicht zu haben, vielmehr ist die Formensprache in Teilen bereits semiabstrakt. Das Monument sollte den von Wilhelm II. 1890 entlassenen Kanzler ehren und damit des Kaisers in den Augen der Hanseaten und vieler weiterer freier und antipreußischer Städte „monumentale“ Fehlentscheidung verewigt werden.

          Zwei Monate lang säuberten Reinigungsexperten die Granitoberfläche der Figur. Die weitere Sanierung soll nun gestoppt werden, weil Bismarck historisch zu belastet sei.

          Die im Jahr von Bismarcks Demission entstandene Karikatur „Der Lotse geht von Bord“ in der britischen Satirezeitschrift „Punch“ wurde 1906 in Hamburg gewissermaßen zum unübersehbaren Leuchtturm in Granit. So ragt in der freien Hansestadt, die anders als viele andere Territorien nicht in Preußen aufging, seither ein antikaiserliches Mahnmal gegen Berlin auf, das gehofft unvergänglich an die Verdienste des Entlassenen erinnern sollte.

          Goodbye, Lenin? Der Kopf des 1991 demontierten Berliner und in einem Waldstück am Müggelsee vergrabenen Lenin-Denkmals wurde 2015 in die Zitadelle Spandau für die Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ gebracht.

          Ebenso fällt aber am aktuellen Beispiel Hamburg auf, dass die Vorschläge für die Entsorgung von Denkmälern immer phantasievoller werden. Etwa der Stopp der Denkmalsanierung, der den Reichskanzler getrost und bemoost vergammeln ließe. Oder: Ein Aktivist im „Bereich Baukultur“ plädierte für die Einrichtung eines „Parks Postkolonial, wo man alle gestürzten Denkmäler und Büsten aus Hamburg, so wie sie sind – also demoliert und mit Farbe angegriffen“ zeigen könnte. Beides baut auf den sogenannten Broken-Window-Effekt, bei dem einmal Demoliertes stetig stärker beschädigt wird. Der vorgeschlagene „Park Postkolonial“ würde nach dem Vorbild der vielen osteuropäischen „Statuenparks Poststalinal“ in Ungarn, Rumänien und andernorts mit all ihren Lenins, Thälmanns, Gottwalds oder Ceauşescus wie eine Art Gruselkabinett funktionieren. Aus der großen bronzenen Stalinstatue der Friedrichshainer Karl-Marx-Allee wurden einst für den Tierpark Friedrichsfelde immerhin ein Wapiti-Hirsch und ein Gorilla gegossen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Er gibt weiter die Richtung vor: Markus Söder am Donnerstag mit Melanie Huml.

          Test-Panne in Bayern : Söders Grenzen

          Der CSU-Ministerpräsident schüttelt sich kurz. Dann ist Bayern wieder spitze. War etwas? Zum ersten Mal in seiner Amtszeit könnte Markus Söder Bayern als Heimat tatsächlich groß genug sein.
          „Das Eis ist gebrochen“: Trump erhält im Weißen Haus Applaus von Mitarbeitern zu dem Abkommen.

          Israel und Arabische Emirate : Es geht um eine Allianz gegen Iran

          Ein doppelter Gewinn für Netanjahu: Israel nimmt diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten auf und setzt dafür eine Annexion aus, die ohnehin heikel war. Doch auch andere profitieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.