https://www.faz.net/-gqz-8psmj

Kristen Stewart im Interview : Der Surrealismus des Ruhms

  • -Aktualisiert am

Bild: Weltkino

Die Schauspielerin Kristen Stewart verrät, was sie von Geistern hält, wovor sie Angst hat und warum sie selbst keinen Personal Shopper braucht, auch wenn sie in ihrem neuen Film einen spielt.

          6 Min.

          „Personal Shopper“ handelt vom Surrealismus des Ruhms. Sie spielen eine junge Frau, die für jemanden Dinge erledigt, die für Normalsterbliche selbstverständlich sind: Kleidung einkaufen, zur Reinigung gehen, Geschenke kaufen. Wie viele von diesen Arrangements müssen Sie in Ihrem eigenen Leben treffen?

          Die Figur der Maureen steht der Fashionbranche und der Glitzerwelt sehr ambivalent gegenüber, mal mit Begierde, mal mit Selbsthass. Ja, jetzt stehe ich mal auf der anderen Seite. Ich kenne das, dass man nicht mal einkaufen gehen kann. Rein technisch mag es möglich sein, aber logistisch ist das eine Unmöglichkeit. Oder ist die Mühe einfach nicht wert. (lacht kurz) Maureen dagegen ist voller Bewegung, sie ist so alert und flink, dass ich mich im Vergleich zu ihr fühle, als hätte ich keine Beine.

          Welche Beziehung haben Sie zu Smartphones? Ist es wie für Maureen im Film, das dominierende Kommunikationsmittel Ihres Alltags?

          Smartphones sind eine konstante Quelle für Ablenkung. Auch ich bekenne mich schuldig, mich zu oft davon ablenken zu lassen. Es ist schon seltsam, wie intensiv man sich mit Textnachrichten beschäftigt: Man interpretiert eine tiefere Bedeutung in die Tatsache hinein, dass da drei Punkte statt eines einzigen benutzt wurden oder dass zwischen Wörtern ein extra Leerzeichen eingefügt wurde.

          Das Smartphone ist in „Personal Shopper“ so etwas wie Ihr Co-Star. Sie spielen quasi allein. Wie haben Sie es angestellt, nur mit SMS-Nachrichten als Gegenüber so viel Spannung zu erzeugen?

          Immer, wenn eine SMS groß gezeigt wurde, sollte es sich anfühlen, als ob man ein Close-Up meines Gesicht sähe. Die Spannung, die in dem Moment durch meinen Körper geht, sollte dabei sichtbar werden. Jeder Buchstabe, jeder Rechtschreibfehler, jedes Satzzeichen sollte Bände sprechen. Es ist faszinierend, jeder von uns hat eine andere Art, Textnachrichten zu verfassen. Das ist ein individueller Sprachcode, ein neues Abbild deines Denkens.

          Haben Sie je „Digital Detox“ probiert und das Smartphone mal bewusst gemieden?

          Ich bin nicht süchtig, insofern bedurfte es noch nie eines Entzugs. Sobald ich merke, dass ich ganz ohne Grund nach dem Smartphone greife, suche ich mir etwas Sinnvolleres, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich führe nur einen privaten Instagram-Account, über den ich mit den Liebsten in Kontakt bleibe, mit denen ich nicht so regelmäßig spreche. Sonst finden Social Media bei mir nicht statt.

          Die Spannung vor der nächsten SMS: Kristen Stewart weiß, wie man einkauft.

          Dies ist Ihr zweiter Film mit Olivier Assayas. Ist er ein Regisseur, der anders an das Filmemachen herangeht als seine Kollegen in Hollywood?

          Uns verbindet Freundschaft und Nähe. Ich habe das Gefühl, dass er mich tatsächlich versteht – ich muss mich nicht erst groß erklären. Unser Vertrauen macht es uns möglich, schwierige Themen anzufassen. Wir können sicher sein, dass jeder den anderen mit einem Sicherheitsnetz auffangen wird, falls man zu hart fallen sollte. Außerdem macht er mir derartig Feuer unter dem Hintern, er spornt mich an wie keiner zuvor. Olivier ist für mich ein Katalysator, der intensive Gedankenprozesse in Gang setzt, die ich in die Gestaltung einer Rolle mit einbringen soll. Dadurch habe ich das Gefühl, kreativ beteiligt zu sein und nicht nur die Vorstellungen eines anderen zu erfüllen.

          Ihre Figur Maureen....

          ... ist vollkommen auf sich allein gestellt. Sie ist einsam, kann mit niemandem reden. Das liegt daran, dass sie ihren Zwillingsbruder verloren hat und dadurch nur noch „ein halber Mensch“ ist, im wahrsten Sinn des Wortes. Das Handy gibt ihr das Gefühl, lebendig zu sein und Emotionen zu empfinden. Das wirft schon ein beängstigendes Licht darauf, wie zwischenmenschliche Kommunikation heute funktioniert und wie unser Verhältnis zur Technologie beschaffen ist.

          Was halten Sie von übernatürlichen Phänomenen, Verbindungen zum Jenseits oder jenseits unserer direkt erfahrbaren Welt?

          Ich bin in der Beziehung Agnostikerin: Ich weiß nicht, ob es solche Kräfte tatsächlich gibt, ich zweifle es aber auch nicht grundsätzlich an. Ich selbst spüre manchmal Energien und habe das Gefühl, dass mich etwas antreibt, das ich rational nur schwer erfassen kann, das sich jenseits des Verstandes bewegt.

          Was ist Ihre Konsequenz aus der Annahme, dass es womöglich zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir Menschen uns träumen lassen?

          Die Annahme löst bei mir jedes Mal einen interessanten Denkprozess aus, dem ich mich aber nach maximal fünf Minuten entziehen muss, so furchteinflößend ist er. Genau das macht auch diesen Film so beängstigend. Es handelt sich um eine Gespenstergeschichte – doch die Fragen, die aufgeworfen werden, sind grundsätzlicher Natur: „Bilde ich mir die Dinge um mich herum nur ein? Besteht die ,Realität’ nur aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, oder erfahren wir sie tatsächlich gemeinsam?“ Man kann sich nicht mit solchen Fragen auseinandersetzen, ohne dass es einen körperlich vor Angst manchmal schüttelt.

          Was macht Ihnen Angst?

          Der Gedanke, dass wir niemals genau wissen werden, wer und wo wir sind. Die Momente, in denen Maureen taumelt und sie sich der Dinge um sich herum nicht mehr sicher sein kann, finde ich verstörend und unangenehm. Ich kenne solche Angstzustände aus eigener Erfahrung. Und ich bin heilfroh, wenn ich da rauskomme.

          Wie erleben Sie diese Angstzustände, wie befreien Sie sich daraus?

          Ich bin körperlich völlig verkrampft vor Angst. Die einzige Art, um dann gegensteuern, ist, wenn ich joggen gehe oder irgendetwas anderes Körperliches mache, das mich aus solchen Gedankengängen herausholt. Denn noch mal: Man wird die Antworten auf diese „großen“ Fragen eh nie erhalten. Du musst deinen Frieden damit machen, dass du niemals genau wissen wirst, wie sich das alles tatsächlich verhält. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass es etwas Unsichtbares gibt, das uns alle miteinander verbindet und uns davor bewahrt, sich einsam zu fühlen.

          Seit dem Tod ihres Zwillingsbruders nur noch ein halber Mensch: Kristen Stewart in „Personal Shopper“ von Olivier Assayas.

          Haben Sie das Gefühl, jetzt, mit 26 Jahren, bei sich angekommen zu sein?

          Ja, ich glaube, ich habe meinen inneren Frieden gefunden. Frieden sollte man aber aber nicht mit Zufriedenheit verwechseln – das ist nicht, wonach ich strebe. Ich finde es gut, sich etwas unwohl zu fühlen und Dinge zu hinterfragen. Ich setze mich gern unbekannten, unbequemen Dingen aus und erkunde gern neue Territorien. Das ist nicht friedlich – aber schenkt mir innere Ruhe.

          In einer Szene in „Personal Shopper“ sind Sie nackt zu sehen. Hat Sie das belastet?

          Ich bin eigentlich immer zu allen Schandtaten bereit. Hier spiele ich eine Person in einer massiven Identitätskrise. Ich wollte in meiner Darstellung aufs Ganze gehen – so völlig unüberlegt, präsent und nackt zu agieren, wie ich nur kann. Das Coolste, was man als Schauspielerin erleben kann, ist, nicht einfach nur eine Leistung abzuliefern, sondern von dem eigenen Spiel völlig schockiert zu sein und den Regisseur genau das einfangen zu lassen. Das kriegst du nur hin, wenn du dich komplett bloßstellst. Für mich ist es das Größte, wenn sich dabei etwas zeigt, von dem ich selbst gar nicht wusste, dass es in mir steckt.

          In Cannes hat der Film polarisiert, unter den Applaus mischten sich auch Buh-Rufe.

          Ich habe ein Faible für alle Festivals, bei denen es wirklich um Filme geht. Cannes nimmt da einen ganz besonderen Platz ein: Hier ist man ausschließlich, um sich mit Filmkunst zu beschäftigen. Daher fühlt es sich für mich nicht so an, als wäre ich hier, um etwas zu verkaufen. Sondern um der Liebe für Filme willen.

          Sich zu verkaufen ist Teil Ihres Berufs geworden. Haben Sie einen Personal Shopper an Ihrer Seite?

          Ich habe eine Stilberaterin, die mich schon berät, seit ich noch sehr jung war. Aber einkaufen geht sie für mich nicht, nein.

          Sie geben uns einen Einblick in eine unbekannte Welt. Ist eine Chanel-Boutique für einen Personal Shopper nichts anderes als ein Art Luxus-Supermarkt für Haute Couture?

          Wer in den Showrooms von Chanel tatsächlich einkauft, ist ultrareich oder Personal Shopper. Nur diese Gruppen können sich die exquisiten Modekunstwerke von Chanel Couture leisten. Im Grunde ist es eine Investition in eine Kunstform, nicht anders, als würde man sein Geld in einem Gemälde anlegen.

          Kirsten Stewart bei der Vorstellung von „Personal Shopper“ in Cannes

          Sie verstehen sich als Künstlerin. Ist es für Sie kein Dilemma, im Nebenjob eine Art wandelnde Litfasssäule für ein Couturehaus zu sein, ob in Anzeigen oder indem Sie die Marke bei öffentlichen Anlässen tragen?

          Ich fühle mich von ihnen nie auf unangenehme Weise benutzt. Das liegt aber daran, dass Chanel in der Modewelt unter allen Konkurrenten heraussticht. Denn es ist nach wie vor ein eigenständiges, unabhängiges Unternehmen – die letzte Luxusmarke, die nicht zu einem Konzern gehört. Und das fühlt man. Es macht sich in ihrem Umgang mit Ästhetik bemerkbar. Ihnen bedeutet diese Kunst tatsächlich noch etwas. Man muss die Chanel-Mitarbeiter mit Menschen vergleichen, denen beim Bewundern eines Sonnenuntergangs vor Rührung die Tränen kommen, während andere ihn nicht würdigen.

          Wie ist es, jemanden zu spielen, dessen Existenz für Sie selbst keine Relevanz hat?

          Ich kenne diesen Job in- und auswendig, auch wenn ich selbst keinen Personal Shopper brauche. Alles, was ich auf großen Presseterminen oder dem Roten Teppich trage, ist geliehen. Daher brauche ich niemanden, der für mich solche Kleidung aussucht. Ausgestattet zu werden, das sehe ich als Interaktion mit dieser Kunstform, die aber nur in dem Kontext stattfindet, wenn man einen Film bewerben soll.

          Ist Designerkleidung für Sie eine Art Schutzpanzer, eine Uniform für PR-Anlässe?

          Für mich ist solche Kleidung, wenn sie ihren Job gut erfüllt, das genaue Gegenteil: Sie gibt mir eher das Gefühl, mich nicht verstecken zu müssen. Mir gefällt das. Ich finde das nicht oberflächlich. Ich fühle mich in diesen Kleidern so, als würde ich mein wahres Ich zeigen. Ich kann mich darin wie ich selbst in Bestform fühlen.

          Könnte es Sie reizen, den Radius Ihrer Kunst zu erweitern, um Regie zu führen?

          Ich habe letzten Sommer tatsächlich meinen ersten eigenen Kurzfilm gedreht. Das ist quasi mein persönlicher Versuch, ein Filmstudium zu ersetzen... Ein Experimentalfilm, er wird aussehen wie ein Studentenfilm. Ich habe das Drehbuch selbst geschrieben und hänge sehr an den Worten. Ich weiß, was sie mir bedeuten und was sie bei anderen Menschen auslösen. Ich hoffe, das geht bei der Umsetzung nicht verloren. Der Arbeitstitel lautet „Subjektive Veränderung“. Vielleicht nenne ich ihn aber auch einfach „Wasser“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kultusminister : Das Abstandsproblem einfach leugnen

          Die zweite Corona-Welle rollt an – dennoch sollen nach den Sommerferien die Schulen wieder ganz öffnen. Keiner weiß genau, wie das funktionieren soll. Die Kultusminister verstecken sich hinter Worthülsen.

          Corona-Tourismus auf Mallorca : Heimweh nach der Insel

          Mallorca ist zum touristischen Testlabor für den Umgang mit der Corona-Pandemie geworden. Vor allem die ausbleibenden Besucher aus Deutschland und Großbritannien bringen die Insel und ihre Bewohner in große Not. Ein Besuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.