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Krisengewinner Norwegen : Seid umschlungen, Milliarden!

  • -Aktualisiert am

Ohne die reichen Öl- und Gasvorkommen sähe der norwegische Staatshhaushalt anders aus: Offshore-Einsatz im norwegischen Meer. Bild: AFP

Norwegen kommt im Moment besser durch die Krise als jedes andere Land in Europa. Gigantische Öl- und Gasvorräte garantieren das Fundament, auf dem der Sozialstaat der Norweger ruht. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

          Der Norweger an sich ist gut. Sagt der Norweger. Und der muss es wissen, wird ihm diese Exzellenz doch in regelmäßigen Abständen sozusagen amtlich bestätigt. Nirgends sei die Lebensqualität höher, sagt die UN. Kaum ein Land komme besser durch die Krise, sagt die OECD. Ola Storeng, Wirtschaftsredakteur der Hauptstadtzeitung „Aftenposten“, schrieb zum Jahreswechsel fröhlich vom Abschluss eines „goldenen Jahrzehnts“ und konstatierte „formidables Wachstum“ nicht nur des Privatkonsums: „Die Finanzkrise, die so vielen anderen reichen Ländern des Westens die Massenarbeitslosigkeit und explodierende Staatsschulden bescherte, war für Norwegen nur eine milde Brise. Norwegens gesammelte Einkünfte stiegen im letzten Jahrzehnt um fast sechzig Prozent an.“ Und wählt man die Nummer der Deutsch-Norwegischen Handelskammer in Oslo, dann klingt die dortige Stimme, als liege der sichere Hafen Europas derzeit außerhalb von EU und Währungsunion. „Seit der Finanzkrise erleben wir ein deutlich zunehmendes Firmeninteresse an Norwegen. Als Kammer sind wir die Krisengewinner.“

          Allein: Norwegen lebt von Öl und Gas. Der norwegische Haushalt ist rund 974 Milliarden Kronen schwer. Ohne Öl und Gas gäbe es 2010 ein Minus von etwa 140 Milliarden Kronen, von fast achtzehn 18 Milliarden Euro. Und ohne ein Energiegeschäft, aus dem ein Drittel der staatlichen Einnahmen stammt, gäbe es in Norwegen keinen Fonds, in dem das Königreich für die Dürrezeiten spart. 2.833.149.959.935 Kronen ist dieser Fonds wert, war am Wochenanfang zu lesen. Eine Zahl, ebenso unvorstellbar wie jene auf der Schuldenuhr in Berlin, die 1.721.285.211.786 Euro im Minus zeigt, während Norwegen umgerechnet 360 Milliarden Euro im Plus liegt. Wer wollte da die Krise fürchten?

          Wir sind hier einfach schwerelos

          Roger Schjerva, der Staatssekretär im Finanzministerium, sagt das natürlich nicht so. Als er den Hörer abnimmt, meidet er das Thema Öl zunächst. Warum es Norwegen so gutgehe, während Europa zittert? Schjerva redet von einer Wirtschaftsstruktur, die weniger anfällig für die Krise sei. Von den präzisen Regeln und Verstaatlichungen, mit denen Norwegen schon auf die skandinavische Bankenkrise der Jahre 1987 bis 1991 reagiert habe. Und von einer klugen Zentralbank. Erst dann nennt er das Öl, dieses verflixte Öl, nach dem alle und erst recht die Populisten fragen – schon weil die Politik den Zugang zu diesem Reichtum stark beschränkt hat. Nur ein Bruchteil des angeschwemmten Geldes darf in den öffentlichen Haushalt einfließen. Der Rest liegt auf der hohen Kante.

          „Es ist typisch norwegisch, gut zu sein” - und die Premierministerin Gro Harlem Brundtland muss es ja wissen.

          Auch vier Prozent vom Fondsvolumen sind freilich eine Menge Geld. Prompt leuchtete in Oslo das Alarmsignal, nachdem die Banken in den Staaten und in Europa in die Knie gingen. Der Prozentsatz wurde erhöht und mehr Geld zur Verfügung gestellt, um die eigenen Banken, Kommunen und Unternehmen mit einem großen Hilfs- und Konjunkturpaket vor den Auswirkungen der globalen Krise zu schützen. „Knapp sechs Prozent“, sagt Schjerva „das ging nur in Ordnung, da wir uns in den Boomjahren vor der Krise zurückgehalten und weniger als vier Prozent in den Haushalt überführt hatten.“ Die Ausnahme bestätigt die Regel.

          Verwirrte Glücksspiel-Millionäre

          Kein Grund zur Sorge also? Schjerva gibt sich als Mahner: „Auch unser Sozialstaat ist nicht vollständig finanziert.“ Auf Dauer werde selbst Norwegen nicht um Einsparungen herumkommen, auf Umwegen zum Beispiel über eine Verschiebung des Renteneintrittsalters. Doch wer hört das schon, solange das Erdöl sprudelt. „Wir sind“, ließ der Schriftsteller Jan Kjærstad seine Hauptfigur Jonas Wergeland im Roman „Verführer“ sagen, „wie eine Nation von verwirrten Glücksspiel-Millionären. Wer zu schnell reich wird, verliert so gut wie immer das Augenmaß. Bei uns ist das einer ganzen Gesellschaft passiert.“ Oder, wie der Journalist Simen Sætre in seinem heftig diskutierten Buch „Petromania“ zu verstehen gibt: Norwegen ist Ländern wie Abu Dhabi im Geiste näher, als man gemeinhin annehmen würde.

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