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Krise am Wiener Burgtheater : Da weint der Clown

  • -Aktualisiert am

83 seiner 116 Ensemblemitglieder haben ihm am 14. Februar das Misstrauen ausgesprochen: Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann Bild: dpa

Haushaltslöcher, „kreative“ Buchhaltung, unsichere Beschäftigungsverhältnisse: Beim Wiener Burgtheaters geht’s drunter und drüber. Nun proben die Schauspieler den Aufstand gegen Direktor Matthias Hartmann.

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          Übermorgen ist Premiere im bedeutendsten Theater des Kontinents. Michael Thalheimer inszeniert Friedrich Hebbels Tragödie „Maria Magdalena“. Und wenn sie ihn nicht gestrichen haben, wird man im berühmtesten Schauspielhaus Europas am Ende der Vorstellung im Wiener Burgtheater den schwärzesten aller Dramenschlüsse hören: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ Meister Anton sagt’s. Nachdem man ihm seine tote Tochter gebracht hat. Die in den Brunnen gesprungen war.

          Im wahren Burgtheaterleben freilich, in dem zurzeit auch etliches in Brunnen- beziehungsweise Abgrundtiefe gefallen scheint, könnte auch der Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ seufzen. Denn was ihm letzten Freitag widerfuhr, ist so noch keinem Burgtheaterdirektor passiert: 83 seiner 116 Ensemblemitglieder haben ihm das Misstrauen ausgesprochen. Hartmann, Jahrgang 1963, der in einem Zeitungsinterview vor anderthalb Jahren noch sagte: „Man kann nicht ans Theater gehen, wenn man nicht geliebt werden will“, müsste bei so viel Nichtliebe eigentlich dem Theater den Rücken kehren.

          „Klima der Angst“

          Andererseits hat er im selben Interview bekannt, er sei „ein Clown, der im Verborgenen heult“. Denn künstlerische Prozesse entstünden nur aus Depression. Also müsste die abgrunddepressive Situation im Hause den Direktor jetzt geradezu zu künstlerischen Höhenflügen treiben.

          Das Burgtheater aber steckt offenbar in einer so schweren Finanz- und Führungskrise, dass diese mit Clownstränen kaum abgewaschen werden kann. Seit ruchbar wurde, dass Silvia Stantejsky, der Kaufmännischen Direktorin der Burg, fristlos gekündigt wurde, ist das Haus, dem im Übrigen ein Defizit von mehr als acht Millionen Euro an der Etatbacke klebt, in Gärung.

          Das Ensemble, das sich in einem „Klima der Angst“ und der dauernden „Drohung mit der Kündigung“ (so sein Doyen, der alte, feine Schauspieler Peter Matić) fühlt, in dessen Reihen ersten Kräften und Schaubühnen-Zierden wie Udo Samel oder Corinna Kirchhoff die Verträge nicht verlängert, andere wie Michael König in den Ruhestand gedrängt wurden, hat in einem Brief an den österreichischen Kulturminister festgehalten, dass es nicht glauben und akzeptieren wolle, dass für die finanzielle Misere des Hauses die hinausgeworfene Geschäftsführerin allein verantwortlich sein soll.

          Privat gestopfte Haushaltslöcher

          Die „kreative Buchhaltung“ Stantejskys, die laut einem Finanzprüfbericht ein „intransparentes Kontrollumfeld etabliert“ und zum Zwecke einer „Liquiditätssteuerung“ geschaffen haben soll, wobei es zu Ende eines Geschäftsjahres „hohe Einzahlungen in die Kasse“ gegeben habe und, um Löcher zu stopfen, „Mittel mit gefälschten Belegen in die Burgtheater GmbH eingebracht“ wurden, wird jetzt zum Mühlstein am Hals Hartmanns. Seine bisherige Haltung: „Ich war nur der Künstler, um die Finanzen habe ich mich nicht gekümmert!“, verfängt offenbar nicht mehr.

          Dass seine Ko-Geschäftsführerin ohne sein Wissen zum Beispiel am 31. August 2012 eine Summe von 176 502,84 Euro in die Kasse eingezahlt haben soll, darunter wohl auch eigene, private Mittel von Frau Stantejsky selbst, darunter aber auch, laut Belegen, die der Wiener „Standard“ zitiert, offenbar Gelder der Regisseure Karin Beier und Nicolas Stemann, aber auch von Karin Bergmann, der ehemaligen Vizedirektorin des Hauses, fällt einem ebenso schwer zu glauben wie die Tatsache, dass die Wirtschaftsprüfer das damals nicht gemerkt haben wollen, jetzt aber plötzlich finden, dass „Frau Stantejsky nicht im Sinne der Geschäftsleitungspflichten gehandelt habe“. Zumal unter den Einzahlenden ein 2012 schon zwei Jahre im Jenseits Weilender wie Christoph Schlingensief war und ein Teil der auf der Liste Geführten „die auf den Belegen ersichtliche Unterschrift nicht als deren eigene identifiziert“ habe.

          Und wenn der Chef wirklich nichts davon gewusst hat und seine Ko-Chefin immer nur hat machen und ihr solche absurden Schiebereien hat durchgehen lassen - taugt er dann noch als Chef? Der Clown als Vogel Strauß, der seinen Kopf jederzeit in den rein künstlerischen Theatersand stecken darf? Das Ensemble jedenfalls nimmt ihm diese Haltung nun nicht nur nicht mehr ab, sondern offenbar übel.

          Dass der Hausherr Hartmann viel Geld auch eingespielt und sein Haus gut verkauft hat, dass er mit einem seit Jahren eingefrorenen Etat auskommen muss, mit dem er jährlich steigende Gehälter zu bestreiten hat, dass vom Staat auf keinen Fall mehr Geld zu erwarten ist („Man hat im Burgtheater mehr produziert, als man sich leisten konnte“, kontert der Kulturminister kühl) - das macht aus einer objektiven Misere und einer subjektiven Malaise: eine böse Wiener Melange (ohne Schlagobers). Kann gut sein, dass Meister Hartmann die Welt dann doch noch verstehen lernen muss.

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