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Kommentar : Krippensong

Beim Betreuungsgeld ziehen jetzt alle an der gleichen Leine Bild: dpa

In der Debatte um das Betreuungsgeld sind sich alle verdächtig einig. Eigentlich erstaunlich, wenn die Quintessenz die ist, dass Kinder mit ihren Eltern möglichst wenig zu tun haben sollen.

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          Preisfrage: Wer hat folgenden Satz gesagt? „Keine Mutter kann ihrem Kind das bieten, was eine Krippe bietet?“ Nein, der Satz stammt nicht aus der aktiven Zeit der DDR-Bildungsministerin Margot Honecker, sondern von ihrer bundesrepublikanischen Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Vera Reiß (SPD). Gesprochen wurde er selbstverständlich vor dem unlängst offenbarten Skandal in einer Kita in Mainz, in der Kleinstkinder über lange Zeit hinweg Opfer sexueller Übergriffe und von Gewalt wurden. Und an den dortigen Verhältnissen sollte man die Einlassung, die im vergangenen Jahr fiel, selbstverständlich nicht messen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch sie verdeutlicht, dass es in der Gesellschaftspolitik sehr wohl noch um fast vergessene ideologische Auseinandersetzungen geht. Wer diese sucht, muss sich nur mit Bildung und Erziehung befassen und jetzt auf den Triumph derer sehen, die dem Bundesverfassungsgericht Beifall für die Entscheidung klatschen, das Betreuungsgeld zu kippen. Die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hält zwar an sich und kostet den Sieg über die „Herdprämie“ nicht aus, dafür zieht ihr Parteikollege Ralf Stegner umso kräftiger mit dem Impetus moralischer Überlegenheit vom Leder: Er begrüße es sehr, dass die „Kita-Fernhalte-Prämie“ für verfassungswidrig erklärt worden sei.

          Schaut man sich bei den Kommentaren um, trifft Stegner damit den Zeitgeist, zumindest den veröffentlichten. Denn von links bis neoliberal: Alle drängen zur Krippe, am besten zu einer, die vierundzwanzig Stunden am Tag aufhat. Und das Betreuungsgeld? Finanziell gut Situierte brauchen es nicht und kassieren nur ab, die nicht so gut Betuchten scheinen als Erzieher zu wenig geeignet, sie eröffnen ihren Kindern ja kaum Chancen auf Bildung und auf dem Arbeitsmarkt! Es ist schon erstaunlich, auf welch eindeutige ideologische Stoßrichtung sich hier Gruppierungen verständigen, die einander sonst spinnefeind sind. Die Krippe ist ein Menetekel der Frauenrechte und der Gleichberechtigung oder aber des zu hundertfünfzig Prozent jederzeit und überall verfügbaren, sich selbst und seine Familie optimierenden Mitarbeiters.

          Daraus ergibt sich der gemeinsame Nenner. Bei dem allerdings in den Hintergrund tritt, dass Erziehung und Familie genauso Frauen- wie Männer-, vor allem aber eine Sache der und für die Kinder sind. Leider versucht kaum jemand, die Sache aus ihrer Sicht zu betrachten, die sie selbst noch nicht äußern können. Kinder sollen mit ihren Eltern, mit ihrer Familie nach sich ausbreitender Meinung möglichst wenig zu tun haben, mit Vater oder Mutter Staat dafür umso mehr. „Keine Mutter kann ihrem Kind das bieten, was eine Krippe bietet.“ Den Satz muss man sich merken.

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