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Krippenplatz : Lob der Erzieherin

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Seit dem 1. August haben Eltern das Recht auf einen Krippenplatz für ihren Nachwuchs. Was indes nach wie vor fehlt, ist die Wertschätzung für diejenigen, denen die Kinder anvertraut sind.

          3 Min.

          Von heute an gibt es den Rechtsanspruch auf einen Kindertagesstättenplatz. Politik, Medien und Wirtschaft stehen Kopf: Am Abend wird der große „Ball der Erzieherinnen“ in Berlin eröffnet, die Liste der prominenten Gäste ist lang. Die Bundeskanzlerin persönlich wird den Preis an die „Erzieherin des Jahres 2012“ überreichen, Familienministerin Kristina Schröder ist bereits zum „Welterziehungsgipfel“ nach Davos abgereist.

          Arbeitsministerin Ursula von der Leyen weiht die mit Spannung erwartete neue Kindertagesstätte in Dresden ein, ein Meilensteinprojekt der Bundesregierung, für das ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde. Gewonnen hat ihn die japanische Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima, die für gesellschaftliche Utopien originelle, bewohnerfreundliche Formen findet. Geld gibt es auch in diesem Jahr wieder genug für Kitas: für die Bauten, für die Ausstattung und natürlich für das Personal. Wirklich wahr?

          Weder „Welterziehungsgipfel“ noch Preise für „Erzieherinnen des Jahres“

          Nein, stimmt alles nicht, den ersten Satz des Artikels ausgenommen; der Rest ist erfunden. In Wirklichkeit ist es so: Wer in unserer Gesellschaft Waren oder Gelder betreut, gehört zu den Spitzenverdienern; die Leistung für die Gemeinschaft wird regelmäßig von der Politik gepriesen, es gibt Auszeichnungen, Ehrungen, Steuererleichterungen.

          Wer stattdessen Kinder betreut, wird nicht nur schlecht bezahlt, sondern muss sich Folgendes anhören - zum Beispiel: Als sich abzeichnete, dass im August nicht genügend Kita-Plätze zur Verfügung stehen würden, kam von der Politik der Vorschlag, doch einfach mehr Kinder in eine Gruppe zu stopfen, als ginge es um einen Koffer, in den mehr hineinpasst, wenn sich jemand drauf setzt und ordentlich drückt. Eine andere Idee lautete, fachfremdes Personal hinzuzuziehen oder Arbeitslose umzuschulen; vor ein paar Jahren sollten Arbeitslose Straßen kehren, jetzt erziehen sie halt Kinder. Eine weitere Fraktion spricht davon, dass Kinder in Kitas „abgeschoben“ würden. Das klingt nach verzweifelten Asylantragstellern, die am Ende in einem Schurkenstaat landen, in dem nicht einmal die Menschenrechte zählen.

          Kostbares Universum aus kleinen Individuen

          Wer morgens selbst seine Kinder zu einer Kita bringt (und nicht nur von ferne darüber schreibt), kann sich täglich ein Bild davon machen, was Erzieherinnen leisten: Spielend, bastelnd, singend und turnend, wird hier jeden Tag neu ein kostbares Universum aus kleinen Individuen geschaffen, die nicht nur von Erwachsenen lernen, sondern auch voneinander: zu krabbeln, zu laufen, Türmchen zu bauen, den Löffel zu halten.

          Zu den ersten Worten dieser Kinder zählen die Namen anderer Kinder, später kommen Geschichten dazu: Luna, die ein Buch gekauft hat; Tilda, die eine Krone zum Geburtstag auf dem Kopf trug. Zu den ersten Worten zählen auch die Namen der Erzieherinnen: Anna, der man eine Postkarte aus den Ferien schicken möchte, oder Teresa, für die man Erlebnisse wie bunte Steine sammelt, um sie am nächsten Tag zu übergeben: „Das muss ich Teresa erzählen!“ Dass man vom Laufrad gefallen ist. Dass Oma zwei Eichhörnchen im Garten hat. Dass man ohne Windel schläft.

          Die Stärke von Gemeinschaft

          Für postmodernes Teufelswerk halten manche den Vorschlag, Kinder mit anderen Kindern aufwachsen zu lassen, die nicht ihre Geschwister sind. Man kann es auch andersherum sehen: Es liegt gar nicht auf der Hand, warum Menschen unbedingt in Gruppen von isolierten Kleinfamilien unterteilt werden sollen, die man in Wohnungen steckt, um den Mann tagsüber in ein Büro zu schicken und zu Hause eine Person allein für die Kinderbetreuung verantwortlich zu machen - die Mutter. Historisch betrachtet, gibt es dazu viele Alternativen: die Großfamilie, die Dorfgemeinschaft, die Horde.

          Wer nachmittags seine Kinder aus der Kita abholt, führt mit den Erzieherinnen ein Gespräch: was gegessen wurde, wie geschlafen, Erfolge, Misserfolge oder auch Auffälligkeiten. Und nicht selten wird man diese Gespräche lange in Erinnerung behalten, bewegt von der Weisheit dieser häufig noch sehr jungen Frauen, deren Profession und Leidenschaft die Erziehung ist.

          Makel des Erzieherberufes: schlechte Bezahlung, kaum Anerkennung

          Richtig, in diesen Zeilen war nur von Erzieherinnen die Rede, dabei gibt es auch Erzieher. Sie stellen die Minderheit, das ist schade; natürlich wäre es schön, wenn mehr Männer in Erziehungsberufen tätig wären. Nur: Es gibt kein böses Frauenkartell, das sich systematisch Jobs zuschanzt, um das andere Geschlecht davon auszuschließen. Der Beruf der Erzieherin hat einen Makel, wie fast alle sogenannten „Frauenberufe“: Sie werden schlecht bezahlt, und sie erhalten nicht im Entferntesten die Anerkennung, die ihnen gebührt.

          Eine gute Erzieherin verfügt über eine hohe Qualifikation, Erfahrung und das Talent der Einfühlung, eine Mischung aus Kompetenzen und Tugenden, die auch Krankenschwestern, Altenpflegerinnen oder Hebammen brauchen. Unsere Gesellschaft glaubt, diese Qualitäten in Anspruch nehmen zu können, ohne sie wertzuschätzen. Das muss sich ändern.

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