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Kriminelle Bücherliebe : Ein Exzess

Ein Beamter aus Hessen stahl nach und nach mehrere tausend Bücher. Er wurde erwischt, als er mit dreiundfünfzig Bänden in Mantel und Tasche eine Bibliothek verlassen wollte.

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          Geh unter Leut’, heißt das bewährte Rezept gegen die privaten Exzesse des Gemüts. Wer sieht und gesehen wird, fragt und antwortet, austeilt und einsteckt, der nimmt eine Grundstellung ein, die sein Weltverhältnis stabil hält. Was ist geschehen, dass bei dem hohen Beamten im hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst eines Tages der Faden der Intersubjektivität riss und er, offenkundig in Zwiesprache mit seiner Seele nur, zum kriminellen Bibliomanen wurde?

          Dreizehntausend in ganz Deutschland zusammengestohlene Bände, historische Pretiosen zumeist, mit einem geschätzten Wert von einer Million Euro fand die Polizei bei dem Mann zu Hause, nachdem er mit dreiundfünfzig Büchern in Tasche und Mantel beim Verlassen der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek in Arolsen auf frischer Tat ertappt worden war. Es war ein privates Reich ohne Leut’ und voller Buchstaben, aus dem ihn die Ermittler rissen, derweil die Ministerin Eva Kühne-Hörmann ihn vom Dienst suspendierte.

          Die Beute: Werke der Geophysik

          Der Mann wurde erst einmal wieder auf freien Fuß gesetzt, immerhin hatte er ja niemanden umgebracht, wie im neunzehnten Jahrhundert der Pfarrer Johann Georg Tinius dies beinahe getan hätte, der erste in Deutschland bekannt gewordene Fall von krimineller Bibliomanie. Pfarrer Tinius hatte Kirchengelder veruntreut und mehrere Raubmordversuche unternommen, um seinen Bücherwahn zu finanzieren, als er 1823 gefasst wurde und für zwölf Jahre ins Zuchthaus ging. Der namenlose Beamte aus dem hessischen Wissenschaftsministerium interessierte sich für wissenschaftliche Literatur, nicht für belletristisches Gesumse, gezielt stahl der Labile die in Stein gehauenen Gewissheiten der Geophysik.

          Man bestaunt die Raffinesse, von der Sucht hervorgetrieben, die gerichtete Energie, in erster Linie aber die Fähigkeit, von jetzt auf gleich die Welt mit all ihren Vor- und Rücksichten abzustreifen und mit dreiundfünfzig Büchern am Leib aufs Ganze zu gehen. „Jedes Buch ist ein Aufschub des Selbstmords“, sagte der Privatdenker Emil Cioran. So ungefähr muss sich das auch der hessische Bibliomane gedacht haben. Er wollte bei fürstlicher Lektüre ewig leben.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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