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Krimi-Stadt Hannover : Strippen an der Leine ziehen

Am Ort der Handlung: Bettina Raddatz vor der Staatskanzlei in Hannover Bild: Pilar, Daniel

Bettina Raddatz arbeitete für Gerhard Schröder und Christian Wulff. Nebenher schreibt sie Politkrimis, die alle vom Biotop Hannover handeln. Am Donnerstag erscheint „Die Staatskanzlei“.

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          Hannover, Holländische Kakaostube. Bettina Raddatz hat das nahe dem Opernplatz gelegene Traditionscafé als Treffpunkt vorgeschlagen; in ihren Romanen spielt es immer wieder eine Rolle. Frau Raddatz ist eine energische, hochgewachsene Frau von Ende fünfzig, die sich als konservativ einstuft. Wenn sie spricht - und sie spricht schnell und leidenschaftlich -, trommeln ihre Fingerkuppen im Stakkato auf die Tischplatte.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Als sie ihren ersten Roman geschrieben hatte, fand sie für ihn keinen deutschen Verlag. Politische Romane gingen hierzulande nicht, wurde als Begründung genannt. Ein Verlag zog im letzten Augenblick zurück, als sie offenlegte, dass sie Mitarbeiterin der Staatskanzlei ist. So griff der Wiener Verlag Braumüller zu, den die Ranküne in Hannover nicht schreckte.

          Als das erste Buch, „Die Spitzenkandidatin“, dann erschien, erkannte die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ Parallelen zu Gabriel und Wulff. Das Buch verschwand aus den Schaufenstern, Lesungen wurden abgesagt. Die Ausdrücke „Nestbeschmutzerin“ und „Dreckschleuder“ machten die Runde. Solcher Provinzreflex ist schnell ausgelöst. Auch jetzt, beim zweiten Band, schaut die Stadt lieber weg. Zwar hat sich Raddatz gar nicht auf einen Schlüsselroman eingelassen. Aber natürlich gibt es ausreichend Gelegenheit, sich als Leser an den einen oder anderen niedersächsischen Politiker erinnert zu fühlen. Und man kann sich vorstellen, dass Bettina Raddatz dabei war, als viele der von ihr in Dialogen verwendeten Sätze gesprochen wurden.

          Mord mit Empörungspotential

          Für Schlüsselloch-Späher ist das kaum gedacht, knisternde Spannung darf man nicht unbedingt erwarten: Hier schreibt eine Moralistin ihre Erlebnisse im Politikbetrieb auf - und zeichnet im Kleid eines Whodunit ein Bild der politischen Klasse. Denn „Die Staatskanzlei“, der heute erscheinende zweite Roman, hat, was Friedrich Schorlemmer mit Blick auf Gauck das - jenem seiner Meinung nach fehlende - „Pathos der Gerechtigkeit“ genannt hat. Stilistisch steht er dem frühen Simmel mitsamt dessen Empörungspotential näher als dem Regionalkrimi oder dem Psychothriller.

          Korruption, Mord und Totschlag: Bettina Raddatz’ neuer Krimi „Die Staatskanzlei“ spielt im politischen Biotop Hannover

          Zwei Mitarbeiter der Staatskanzlei werden aus nächster Nähe erschossen; der im Umfragetief dümpelnde Ministerpräsident dringt auf rasche Aufklärung. Es gelingt der Soko unter Führung von Kriminalrätin Verena Hauser nicht, die Taten den üblichen Verdächtigen (Islamisten, Neonazis) zuzuordnen; die Beamten mauern. Ein dritter Mord scheint bevorzustehen, mögliches Opfer ist der in einem Loyalitätsdilemma steckende Regierungssprecher, der Ohrenzeuge einer Unterhaltung wurde, die den ersten Kollegen das Leben kostete.

          Berührung mit einer Welt, die nicht die ihre war

          Korrupte Staatsbeamte, Politiker am finanziellen Gängelband von Großunternehmern, Großunternehmer am Haken eines russischen Oligarchen, der in Niedersachsen die Bedingungen für Geldwäsche findet. Parties, Hochglanz-Sehnsüchte und ein „Ost-West-Dialog“ runden das Bild ab. Den Plot kennt man aus den Nachrichten. Aber Bettina Raddatz - ihr Mann ist entfernt mit dem Feuilletonisten Fritz J. Raddatz verwandt - hat das alles selbst erlebt. Sie war Anfang zwanzig, Helmut Schmidt war Kanzler, als sie für den Bildungsminister Helmut Rohde in Bonn arbeitete. Der kam wie sie aus Hannover. Unter Ministerpräsident Ernst Albrecht wechselte sie zurück in ihre Heimat, wurde Referentin im Wirtschaftsministerium, dem die spätere Treuhand-Chefin Birgit Breuel vorstand.

          Hauptsächlich aber kümmerte sie sich um das Thema private Verkabelung. Postminister war Christian Schwarz-Schilling. Ernst Albrecht beförderte die resolute Frau dann zur Referatsleiterin für Industriekontakte. Und das brachte sie in Berührung mit einer Welt, die nicht die ihre war - das Abschreibungsmilieu. Darüber hat sie 1991 ihr erstes Buch geschrieben, „Treu und Glauben“. Darin arbeitet Raddatz ihren Abstecher in die Privatwirtschaft auf, der sie mit Mitte dreißig vorübergehend aus der bürgerlichen Mitte katapultierte.

          Damals war sie für vier Monate Mitglied des Vorstands von Gundlach & Sülter AG, einem Unternehmen, das in einen bundesweit beachteten Anlageskandal verwickelt war. Man hatte die staatstreue Raddatz als Lockvogel und Sündenbock mit dem Vorstandsposten geködert; als sie den Plan durchschaute, war es zu spät. „Hausdurchsuchung mit allem Pipapo“, die Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren aber ein. Nach einer Karenzzeit kehrte sie in die Staatskanzlei zurück. Da hatte gerade einmal wieder die Besetzung gewechselt. Gerhard Schröder war Ministerpräsident und Frank-Walter Steinmeier Leiter der niedersächsischen Staatskanzlei.

          „Bumm-bumm, wuff-wuff“ unter Wulff

          Raddatz wurde für Mittelstandskontakte eingesetzt. „Sie haben eine rege Phantasie“, habe Gerhard Schröder zu ihr gesagt. Schröder, mit dem sie ebenso wie mit Frank-Walter Steinmeier gut konnte. Beide seien kritikfähig gewesen, diplomatisch habe sich aber nur Steinmeier gezeigt. Dass ein gewisser Carsten Maschmeyer eine Anzeigenkampagne für Schröder finanzierte und dass Steinmeier - nicht aber Schröder - davon gewusst haben soll, wie Frau Raddatz 2011 gegenüber „Panorama“ behauptet hatte, wiesen sowohl der Gründer des Finanzdienstleisters AWD als auch der SPD-Politiker umgehend zurück. „Ich weiß, dass das keiner glaubt, aber so war es“, beteuert Bettina Raddatz.

          Nach Schröder zog Gerhard Glogowski, dann Sigmar Gabriel in die Niedersächsische Staatskanzlei ein, schließlich Christian Wulff. „Höflich, zuvorkommend, ich mochte ihn sehr“, schildert Bettina Raddatz ihre anfängliche Begeisterung für den jungen Anwalt und Ministerpräsidenten. Der habe ihr sogar einen Staatssekretärsposten versprochen, die Beförderung dann wegen ihrer angeblichen Unbeliebtheit bei der männlichen Beamtenschaft wieder verworfen. „Bumm-bumm, wuff-wuff“ sei das gegangen. In dem Stil habe Wulff auch Minister und Staatssekretäre abserviert, Knall auf Fall entlassen, ganz kalt. Raddatz wurde auf ein Nebengleis gesetzt; sie baute das Europäische Informationszentrum Niedersachsen auf, das als Abteilung der Staatskanzlei untersteht und das sie bis heute in Teilzeit leitet.

          Die Bundesambition ließ jeden abheben

          Ein Kapitel in „Die Staatskanzlei“ beschreibt die Verwicklungen rund um den berüchtigten Nord-Süd-Dialog, der im Roman „Ost-West-Dialog“ heißt. Dazu muss man wissen, dass das Buch fertig war, bevor die Strippenziehereien des Partymanagers Manfred Schmidt und des Wulff-Sprechers Olaf Glaeseker öffentlich wurden.

          Das Biotop Hannover liebe das Reden hinter vorgehaltener Hand, sagt Raddatz. Solange die Herren Ministerpräsidenten in Niedersachsen waren, hätten sie wenig Hang zur Glamour-Welt gezeigt. Aber mit der Bundesambition habe der Realitätsverlust eingesetzt. „Wer nur noch in Millionärskreisen verkehrt, muss die Bodenhaftung verlieren.“

          Unlängst hat Bettina Raddatz gekündigt, Ende Mai sei Schluss mit dem Behördenleben. Sie hat in drei Jahrzehnten genügend Material gesammelt für etliche Bücher. Und die stets betriebsbereite Gerüchteküche Hannover gibt es ja auch noch. An Band drei feilt sie übrigens schon. Arbeitstitel: „Die Seilschaft“.

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