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Krimi-Stadt Hannover : Strippen an der Leine ziehen

Hauptsächlich aber kümmerte sie sich um das Thema private Verkabelung. Postminister war Christian Schwarz-Schilling. Ernst Albrecht beförderte die resolute Frau dann zur Referatsleiterin für Industriekontakte. Und das brachte sie in Berührung mit einer Welt, die nicht die ihre war - das Abschreibungsmilieu. Darüber hat sie 1991 ihr erstes Buch geschrieben, „Treu und Glauben“. Darin arbeitet Raddatz ihren Abstecher in die Privatwirtschaft auf, der sie mit Mitte dreißig vorübergehend aus der bürgerlichen Mitte katapultierte.

Damals war sie für vier Monate Mitglied des Vorstands von Gundlach & Sülter AG, einem Unternehmen, das in einen bundesweit beachteten Anlageskandal verwickelt war. Man hatte die staatstreue Raddatz als Lockvogel und Sündenbock mit dem Vorstandsposten geködert; als sie den Plan durchschaute, war es zu spät. „Hausdurchsuchung mit allem Pipapo“, die Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren aber ein. Nach einer Karenzzeit kehrte sie in die Staatskanzlei zurück. Da hatte gerade einmal wieder die Besetzung gewechselt. Gerhard Schröder war Ministerpräsident und Frank-Walter Steinmeier Leiter der niedersächsischen Staatskanzlei.

„Bumm-bumm, wuff-wuff“ unter Wulff

Raddatz wurde für Mittelstandskontakte eingesetzt. „Sie haben eine rege Phantasie“, habe Gerhard Schröder zu ihr gesagt. Schröder, mit dem sie ebenso wie mit Frank-Walter Steinmeier gut konnte. Beide seien kritikfähig gewesen, diplomatisch habe sich aber nur Steinmeier gezeigt. Dass ein gewisser Carsten Maschmeyer eine Anzeigenkampagne für Schröder finanzierte und dass Steinmeier - nicht aber Schröder - davon gewusst haben soll, wie Frau Raddatz 2011 gegenüber „Panorama“ behauptet hatte, wiesen sowohl der Gründer des Finanzdienstleisters AWD als auch der SPD-Politiker umgehend zurück. „Ich weiß, dass das keiner glaubt, aber so war es“, beteuert Bettina Raddatz.

Nach Schröder zog Gerhard Glogowski, dann Sigmar Gabriel in die Niedersächsische Staatskanzlei ein, schließlich Christian Wulff. „Höflich, zuvorkommend, ich mochte ihn sehr“, schildert Bettina Raddatz ihre anfängliche Begeisterung für den jungen Anwalt und Ministerpräsidenten. Der habe ihr sogar einen Staatssekretärsposten versprochen, die Beförderung dann wegen ihrer angeblichen Unbeliebtheit bei der männlichen Beamtenschaft wieder verworfen. „Bumm-bumm, wuff-wuff“ sei das gegangen. In dem Stil habe Wulff auch Minister und Staatssekretäre abserviert, Knall auf Fall entlassen, ganz kalt. Raddatz wurde auf ein Nebengleis gesetzt; sie baute das Europäische Informationszentrum Niedersachsen auf, das als Abteilung der Staatskanzlei untersteht und das sie bis heute in Teilzeit leitet.

Die Bundesambition ließ jeden abheben

Ein Kapitel in „Die Staatskanzlei“ beschreibt die Verwicklungen rund um den berüchtigten Nord-Süd-Dialog, der im Roman „Ost-West-Dialog“ heißt. Dazu muss man wissen, dass das Buch fertig war, bevor die Strippenziehereien des Partymanagers Manfred Schmidt und des Wulff-Sprechers Olaf Glaeseker öffentlich wurden.

Das Biotop Hannover liebe das Reden hinter vorgehaltener Hand, sagt Raddatz. Solange die Herren Ministerpräsidenten in Niedersachsen waren, hätten sie wenig Hang zur Glamour-Welt gezeigt. Aber mit der Bundesambition habe der Realitätsverlust eingesetzt. „Wer nur noch in Millionärskreisen verkehrt, muss die Bodenhaftung verlieren.“

Unlängst hat Bettina Raddatz gekündigt, Ende Mai sei Schluss mit dem Behördenleben. Sie hat in drei Jahrzehnten genügend Material gesammelt für etliche Bücher. Und die stets betriebsbereite Gerüchteküche Hannover gibt es ja auch noch. An Band drei feilt sie übrigens schon. Arbeitstitel: „Die Seilschaft“.

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