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Krim-Krise aus russischer Sicht : Putin ist verrückt

  • -Aktualisiert am

Verachtung für den Westen: Putin bei einer Zeremonie im Kreml Bild: REUTERS

Ihr im Westen versucht, hinter Putins Handeln eine Strategie zu entdecken. Ihr fragt euch, was sein legitimes Interesse sein könnte. Wir Russen wissen, dass da der blanke Wahnsinn am Werk ist.

          7 Min.

          Seit einigen Wochen ist die Welt endgültig nicht mehr dieselbe, die sie in den letzten Jahrzehnten war. Die russische Besetzung der Krim setzte mit einem Streich die wichtigsten Spielregeln außer Kraft, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Ende des Kalten Kriegs galten. Russland verletzte das Völkerrecht, lapidar ausgedrückt, auf der ganzen Linie – die UN-Charta, europäische Sicherheitsabkommen, den Budapester Vertrag, in dem Russland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten die Souveränität der Ukraine, die territoriale Integrität und Sicherheit im Gegenzug für den Verzicht auf Atomwaffen garantierten. Das alles ist jetzt dahin. Viele im Westen haben die neue Realität noch nicht begriffen, andere suchen nach plausiblen Erklärungen. Für derartig gravierende Veränderungen, so die rationale Logik, müsse es auch gewaltige, ungeheuer wichtige Gründe geben.

          Die naheliegende Erklärung, dass Putin einfach nur wahnsinnig ist, wird als Simplifizierung und Panikmache verworfen. Zu Unrecht.

          Der Westen unterschätzt die Situation

          Je länger die Besetzung dauert, desto lauter schallen im Westen verständnisvolle Stimmen. Man spricht, als wäre es plötzlich selbstverständlich, von Geopolitik. Man spricht von russischen Befindlichkeiten und Sicherheitsbedenken, als hätte jemand ernsthaft geglaubt, die Nato, die EU oder die Vereinigten Staaten – die jetzt ohnmächtig und fast tatenlos der russischen Aggression zuschauen – seien für Russland eine militärische Gefahr. Berliner Außenpolitiker predigen Äquidistanz – man solle Putins unverhüllte Lügen als eine Art alternativer Wahrheit betrachten.

          Die Wahrheit ist aber offensichtlich und allgemein bekannt: Die gut ausgebildeten und hochgerüsteten Truppen ohne Hoheitsabzeichen, die die Krim besetzt halten, sind russische Eliteeinheiten und nicht, wie Putin behauptet, örtliche Selbstverteidigung; die Unruhen in der Ukraine wurden nicht von den Vereinigten Staaten organisiert, und die Macht in Kiew haben keine Neonazis übernommen; die russischsprachigen Einwohner der Ukraine mussten zu keinem Zeitpunkt der ukrainischen Unabhängigkeit um ihr Leben, ihre Sicherheit oder ihre Freiheit fürchten, obwohl sie mit ihrer rechtlichen Lage tatsächlich nicht zufrieden waren.

          Dennoch gibt man sich im Westen gern Mitschuld am Geschehenen: Man habe selbst das Völkerrecht mehrmals verletzt, Russlands Interessen zu lange ignoriert, man sei mit der Integration der Ukraine und überhaupt mit der EU-Erweiterung zu brachial vorgegangen. Es kann einfach nicht sein, dass die gesamte Weltordnung wegen irgendwelcher Lappalien zusammenbricht, so etwas ist nicht möglich. Doch genau das geschieht jetzt vor unseren Augen, und je länger wir die zudrücken, desto höhere Preise bezahlen wir für unsere Trägheit, Faulheit und unseren Geiz. Und die Rechnung wird uns viel früher gestellt, als wir es wahrhaben wollen.

          Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger warnte in der „Washington Post“ vor Fehlinterpretationen: Möchte man weiterkommen, solle man Putin nicht dämonisieren. In dieser starken Wortwahl manifestiert sich die eigentliche Schwäche der westlichen Russlandpolitik, die verzweifelt versucht, in Putins Entscheidungen verständliche Interessen zu erkennen, sein Handeln in ein gewohntes politisches Koordinatensystem einzuordnen, um eine Basis für einen Kompromiss zu finden.

          Russische Stimmen gegen Putin

          Doch dieser Versuch schlägt immer wieder fehl. In den letzten Tagen erschienen im Westen wie in Russland ungezählte Artikel und offene Briefe an Putin, deren Autoren erklären, wie Putins Vorgehen in der Ukraine Russlands Interessen widerspricht, seien es Wohlstand, Wirtschaftswachstum, Sicherheit oder auch Russlands Großmachtstellung im ehemaligen Sowjetraum, in Eurasien oder in der (vermeintlich existierenden) slawischen Welt.

          Die wirtschaftlichen Aspekte des ukrainischen Abenteuers scheinen Putin nicht zu beschäftigen. Volkswirtschaftliche Theorien, die aus dem Kreis seiner engsten Vertrauten an die Öffentlichkeit gelangen, sind gelinde ausgedrückt bizarr. So erklärte am vergangenen Samstag sein Freund, der Chef des staatlichen Eisenbahnkonzerns Wladimir Jakunin, vor versammelten Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften, Wirtschaftswachstum sei eine für Russland fremde und schädliche Idee, die der Westen aufzwang.

          Im Herbst frappierte ein anderer Freund Putins, der Chef des Präsidialamtes Sergej Iwanow die Fachwelt mit einem Interview, in dem er erklärte, die Stadt Moskau sei mit all ihren Banken, Dienstleistungen, Medien, Forschungs- und Bildungsstätten eine ökonomische Niete, weil sie, so Iwanow, nichts produziere, und setzte die Wirtschaft mehr oder minder mit der Rüstungsindustrie gleich.

          Putins Wirtschaftsberater Sergej Glasjew zählt im Gegensatz zu Iwanow und Jakunin nicht zu seinen Jugendfreunden, aber anders als sie ist er hauptberuflicher Volkswirt. Als der Westen Sanktionen gegen Russland androhte, empfahl Glasjew die Enteignung amerikanischer und europäischer Firmen in Russland und den Ausstieg aus Dollar und Euro als Reservewährungen. Die Regierung distanzierte sich zwar rasch von seinen Äußerungen, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Glasjew ein „Wirtschaftsfachmann“ ist, den Putin sich als Berater aussuchte.

          Der Kremlchef geriert sich als Mensch gewordene Macht

          Dass Putin anders tickt als die westlichen Politiker, ob Schröder und Berlusconi oder Merkel und Obama, darf mittlerweile allen klar geworden sein. Doch Putin unterscheidet sich im Wesentlichen auch von den meisten neuzeitlichen Autokraten. Das wurde spätestens im Mai 2011 deutlich, als er die sogenannte Allrussische Volksfront ins Leben rief – drei Monate vorm Bekanntgeben seiner Entscheidung, wieder Präsident zu werden. Das neue politische Gebilde sollte die Regierungspartei Einiges Russland nach deren gewaltigen Popularitätseinbußen ergänzen oder gar ablösen. Das einzige erklärte Ziel der Volksfront war die Unterstützung Putins. Von irgendwelcher Programmatik war nicht die Rede.

          Anders als die meisten Diktatoren, die sich zu Dienern des Volkes, Verteidigern des Glaubens oder Verfechtern großer Ideen hochstilisieren, präsentierte Putin sich selbst als die einzige Idee, als Mensch gewordene Macht. Die Worte Pauli, „es ist keine Obrigkeit außer von Gott“, sind seit jeher extrem populär in Russland; die russischen Zaren und viele ihrer Untertanen glaubten fest daran, dass sie Gesalbte des Herrn sind. Selbst der frühere Seminarist Stalin inszenierte sich, vor allem in Film und bildender Kunst, als eine Art Messias. Putin inszeniert sich lieber als Muskelmann und Macho und reduziert die apostolische Botschaft mit soldatischer Einfachheit auf „Obrigkeit ist Gott“.

          Die Rolle der orthodoxen Kirche

          Das klingt nach Wahnsinn. Dennoch warnen kremlnahe Politologen in Zeitungen und im Fernsehen vor der „Desakralisierung der Macht“, und besonders eifrige Abgeordnete schlagen sogar vor, sie unter Strafe zu stellen. Genau dafür wurde, streng genommen, auch die Punkgruppe Pussy Riot bestraft. Nach ihrer Verurteilung hat das russische Parlament die Strafe fürs „Verletzen der Gefühle der Gläubigen“ verschärft, doch bei Pussy Riot ging es nicht um Gefühle. Die Erlöser-Kathedrale, die sie mit ihren Tänzen und Gesängen vermeintlich entweihten, wird von den Russen vor allem als Heiligtum der Staatsmacht wahrgenommen. Das passt sehr gut zur eigentümlichen Rolle, die die orthodoxe Kirche im heutigen Russland spielt. Der Patriarch wird oft in einer Reihe mit Innenminister, Generalstaatsanwalt und anderen „Silowiki“ genannt. Im öffentlichen Diskurs wird viel von Orthodoxie und Gott, wenig von Christus und fast gar nicht vom Christentum gesprochen.

          Das führt häufig zu sonderbaren Verwechslungen, für viele einfache Russen sind Orthodoxie und Christentum Antonyme. Die vehemente Hetze der offiziellen Kirche gegen den Westen verschärft den Eindruck, Christ sei ein anderes Wort für Katholik. Protestanten existieren in dieser von Antagonismen geprägten Vorstellungswelt gar nicht.

          Ideologie und Gewalt

          Der Aufstieg der Kirche zum Ministerium für Ideologie fiel in die Zeit, als Putins gewohnte Machtinstrumente Geld und Gewalt in ihrer Wirkung nachließen. Früher spielten Ideen und Symbole für Putin keine große Rolle. Hohe Energiepreise sorgten in seinen ersten Jahren im Amt für den raschen Anstieg des Lebensstandards, dieser Anstieg war die wichtigste Quelle von Putins Popularität.

          Gewalt setzte er nur gezielt ein – gegen nicht loyale Medienbarone, gegen Yukos, in Tschetschenien. Als der steigende Lebensstandard zur Gewohnheit und die Staatskassen leerer wurden, nahm die Gewalt zu. Nach und nach wurde die Unabhängigkeit der Gerichte abgeschafft, wurden politische Opposition, Medien, Bürgerinitiativen, NGOs gleichgeschaltet. Gleichzeitig kam die Ideologie. Zuerst als Kult des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg und frenetische Veteranenverehrung, dann als „traditionelle Werte“ und Hetze gegen alle möglichen Feinde: Liberale und die „kreative Klasse“, Schwule, Migranten, gegen das europäische Sodom und den amerikanischen Imperialismus. Irgendwann wurde klar, dass diese virtuellen Feinde nicht ausreichen. Es war nur eine Frage der Zeit, dass Putin einen Krieg anfing. Die Ukraine, die Putin 2004 mit der orangenen Revolution und 2008 mit Unterstützung Georgiens verärgerte, war dabei ein sehr wahrscheinliches Ziel.

          Über Putin wird oft gesagt, er sei ein pragmatischer Politiker und ein guter Stratege. Aus dieser Überzeugung versucht man heute von seinem Handeln auf eine Strategie zu schließen, die verständliche Interessen verfolgt. Doch Putins Zielsetzung ist fern von solchen Interessen, es geht ihm nicht um Märkte, Geopolitik oder Landzugewinne. Es ist ein reines Machtspiel. Die Frage, ob Putin die Krim einverleibt oder seine Truppen in die Ostukraine schickt, ist freilich nebensächlich. Schwache Nachbarn sind für Putin der Beweis seiner eigenen Stärke, und die Erniedrigung des Westens, den er von Herzen verachtet, ist an sich eine kostbare Trophäe. Es gibt keine Interessen, über die man mit Putin verhandeln, und es gibt keinen Kompromiss, der aus solchen Verhandlungen hervorgehen könnte.

          Erst die Ukraine, dann Lettland

          Als Gerhard Schröder sagte, dass der Westen an der ukrainischen Krise mitschuldig ist, hatte er paradoxerweise recht. Der Westen schaute tatenlos zu, als Putin in Russland die Demokratie im Keim ausrottete und als er Teile vom fernen und scheinbar unbedeutenden Georgien de facto annektierte. Die Europäer glaubten, mit der wirtschaftlichen Integration Russland an die kuschelige zivilisierte Welt und ihre Regeln anzubinden. Man ging davon aus, gemeinsame Interessen böten den besten Schutz vor Willkür und Gewalt. Und ausgerechnet diese Interessen werden von Putin gegen den Westen als Waffe eingesetzt. Man hat in der Tat viel zu verlieren. Doch es geht um mehr als vergeudete Investitionen der Wirtschaft und höhere Gaspreise. Putin ist bereit, die Erniedrigung des Westens mit wirtschaftlichen Einbußen Russlands zu bezahlen. Wenn Putin nicht zum kompletten Rückzug aus der Ukraine mit allen Mitteln gezwungen wird, hört er nicht auf.

          Als nächstes Ziel ist eines der baltischen Länder dran, vermutlich Lettland. Dann sind die Europäische Union, die Eurozone, die Nato, die UN nichts weiter als Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit. Egal wie fest man die Augen zudrückt, der Spuk verschwindet nicht von alleine. Wer heute geizt, zahlt morgen doppelt.

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