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Kriegsfernsehen : E-Mails von der Front

  • -Aktualisiert am

Immer live dabei: CNN-Bilder aus dem Irak Bild: AP

Zweikampf der Nachrichtensender: CNN wirbt damit, wieder die „Nummer 1“ zu sein. Die besseren Quoten hat aber der erzkonservative Rivale FoxNews, für den Bush nur noch der „Commander-in-Chief“ ist.

          Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit? Man muß kein Erkenntnistheoretiker sein, um dieses für viele Medienvertreter sakrosankte Diktum seltsam zu finden.

          Was soll das sein, die Wahrheit, eine in Friedenszeiten quicklebendige Allegorie, die durch Redaktionsstuben streift und hier und da Platz nimmt, bis man sie schlecht behandelt? Spätestens seit ihrem "linguistic turn" behauptet die Philosophie, daß die Wahrheit sprach- und darstellungsabhängig ist, wenn der Begriff nicht gleich ganz auf den Müllhaufen ideologischer Täuschung geworfen wird. Die Wahrheitsfrage läßt sich den Bildern und Worten nur innerhalb ihres Kontextes, zu dem die Bedingungen ihres Entstehens und ihrer Wiedergabe gehören, vernünftig stellen.

          Ist das Beduinenzelt in der Wüste ein Zelt oder ein Waffendepot? Übt der "Star" Peter Arnett, der im irakischen Staatsfernsehen die Zusammenarbeit mit dem Informationsministerium preist, sein Recht auf Meinungsfreiheit aus oder sein Recht auf Eitelkeit? Wie gerade wieder zu sehen ist, wird die Frage nach der Wahrheit in Kriegszeiten bedeutend lebhafter gestellt als zu anderen Zeiten. Was dagegen stirbt, ist die einfältige Vorstellung von Wahrheit, die Konsum und Produktion von Medienerzeugnissen gewöhnlich und trotz allseitiger Medienerziehung begleitet.

          Gleichschaltung: ja und nein

          Gegenwärtig gilt als ausgemacht ("wahr"), daß die amerikanischen Medien, das amerikanische Fernsehen insbesondere, in diesen Tagen gleichgeschaltet sind, Landserheften gleich vom heroischen Vorrücken der Koalitionstruppen berichten und dem Schrecken und Leiden der Opfer unangemessen wenig Platz einräumen. Das ist wahr. Und auch wieder nicht.

          Beim Kabelnachrichtensender Fox News, der zu Rupert Murdochs Medienimperium gehört, haben sich die Moderatoren und Beiträger an der Heimatfront mittlerweile gänzlich in den Pentagonjargon selbst eingebettet. Da haben wir es jeden Tag mit der "brillantesten Kampagne in der Geschichte des Kriegswesens" (Lt. General Thomas McInerney) zu tun, versichert Colonel David Hunt, daß es sich bei der Rettungsaktion für Private Jessica Lynch um "unvorstellbaren Professionalismus" gehandelt habe und daß die Kritik verschiedener pensionierter Militärs an der Kriegsführung auf anderen Sendern nur auf deren "Konfusion" zurückzuführen sei.

          Das tut - bleep - weh

          Gegen Abend verliest Bill O'Reilly, Moderator der nach Quoten erfolgreichsten Nachrichtenshow im Kabelfernsehen, blutrünstige E-Mails von der Front ("um uns herum liegen die Körperteile jetzt kniehoch"). Als ein verwundeter Soldat erstversorgt wird, hat Fox News dagegen die Tonspur zensiert: "das tut - bleep - weh". Schließlich könnten fernsehende Kinder durch das Wort "fuck" Schaden erleiden.

          Präsident Bush wird neckisch-anbiedernd nur mehr "Commander-in-Chief" genannt. Da es in der Fremde wohl mancherlei Ablenkung vom strammen Kurs der Heimatredaktion gibt, geraten Schaltungen in den Irak nicht selten zu Live-Disziplinierungsübungen. Der aus Bagdad zugeschaltete freie Reporter Chris Jumpelt wird mehrfach drohend angehalten, "nur Auge und Ohr zu sein" und keine eigenen Einschätzungen abzugeben ("we here at Fox do the editing").

          Quotenerfolg für Fox

          Wird der Publikumserfolg als Maßstab genommen, ist Fox News - schon seit längerer Zeit - der führende amerikanische Kabelnachrichtensender. In der ersten Kriegswoche verzeichnete er im Schnitt 5,58 Millionen Primetime-Zuschauer, CNN 4,37 Millionen und MSNBC 2,15 Millionen. In der zweiten Woche gingen die Zahlen wie erwartet zurück: auf 4,4 Millionen bei Fox News (CNN: 3,7 Millionen, MSNBC: 1,9 Millionen), während die Werte für die Abendnachrichten der großen Sender CBS, NBC und ABC über den gemessenen Zeitraum konstant blieben (je etwa zehn Millionen).

          Doch Jim Walton, CNNs neuer Vorsitzender, hatte nach Amtsantritt umgehend wissen lassen, daß Erfolg sich für ihn nicht über Quoten, sondern zuallererst über journalistische Qualität definiere. Das klang gut. Den Worten ließ er Taten folgen. Gestrichen wurde als erstes die seichte Plauderstunde "Talkback live", als zweiter Streich wurde der Entertainmenttalk der dauerbetroffenen Connie Chung, die man einst geholt hatte, um Fox News zu ärgern, abgesetzt. Und während der mit "Operation Iraqi Freedom" für seine "war coverage" exakt die Sprachregelung des Pentagon übernommen hat, titelt CNN jetzt nüchtern: "War in Iraq: Live from the Front Lines".

          Amerikakritische Berichte

          Merklich halten sich die Moderatoren in Atlanta und New York nun mit eigenen Kommentaren zurück, erwähnen die Entstehungsbedingungen der Beiträge und überlassen die Entwicklung der Zusammenhänge ansonsten ihren Kollegen Nic Robertson und Wolf Blitzer, die in Jordanien respektive Kuweit als Knotenstelle zwischen Reportern im Irak, daheimgebliebenen Journalisten und den unvermeidlichen retirierten Militärs wirken. In der Rubrik "Wie die Welt den Krieg sieht", werden stark amerikakritische Berichte aus Rußland, dem Iran und China ausgestrahlt.

          Schon nennt sich CNN wieder die Nummer eins ("No 1 again"), und zitiert das "Pew Research Center". Laut deren aktueller Umfrage ist CNN in Amerika "die glaubwürdigste Nachrichtenquelle". Aus den neuesten Erhebungen geht aber auch hervor, daß bei 42 Prozent der Amerikaner das Interesse an der Kriegsberichterstattung deutlich abgenommen hat.

          Um so verführerischer wird es für die Sender, ihre Kost möglichst spektakulär anzurichten. Bleibt CNN bei seinem neuen Seriositätskurs, könnte das längerfristig gravierende negative Folgen für die Quote und damit die Anzeigenpreise haben, was der wirtschaftlich gebeutelte Mutterkonzern AOL Time Warner nicht gern sähe. Rupert Murdoch hingegen kann für sich momentan genau den Erfolg verbuchen, den er sich wünscht, Wahrheit hin oder her.

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