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Dearlove gegen Le Carré : Der Spion, den er nicht liebte

  • -Aktualisiert am

John Le Carré, hier im Oktober 2010 in Bern, hat auch eigene Erfahrungen in seinen Spionageromanen verarbeitet. Das Bild, das er von der Branche zeichnet, gefällt Richard Dearlove dennoch nicht. Bild: Helmut Fricke

„Gegenspionage-Nihilismus“: Richard Dearlove wettert gegen John le Carré. Dessen nächstes Buch dürfte den einstigen MI6-Chef nicht gerade besänftigen.

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          Als Richard Dearlove 1999 zum Leiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 befördert wurde, witzelte der „Guardian“ aufgrund der spärlichen Informationen, das könne nicht real sein. John le Carré habe mit George Smiley einen Spionagechef geschaffen, der dem seltsam anonymen Dearlove gleiche. Der Geheimdienst wolle wohl nachträglich glauben machen, die fiktive Figur sei echt.

          Welch Ironie, dass der tatsächliche Dearlove offensichtlich weder Smiley noch seinen Schöpfer schätzt. Bei einem Literaturfest ließ der längst in den Ruhestand verabschiedete Beamte, der den MI6 leitete in der Zeit des von der Regierung Blair zur Rechtfertigung des Krieges gegen Saddam Hussein vorgelegten Irak-Dossiers, jetzt eine Kanonade an Vorwürfen gegen le Carré los. Sir Richard nannte die Bücher „korrosiv“ und unterstellte dem Autor, „besessen“ zu sein von seiner Geheimdienstkarriere, die nur drei Jahre gewährt habe.

          Geheimdienste beruhten auf Vertrauen unter Kollegen, die Romane von le Carré aber hätten nur Verrat zum Gegenstand. Dearlove scheint mehr für Ian Fleming übrigzuhaben als für le Carré. Im Unterschied zu den glamourösen Bond-Romanen, die mit ihrer weltweiten Resonanz positiv wirkten, stelle le Carré die Geheimdienste als korrupte Organisationen von Verrätern dar. Er sei der literarische Vertreter eines defätistischen Denkens, den Dearlove als „Gegenspionage-Nihilismus“ bezeichnete.

          So wütend wie Bettwanzen

          Einerseits beschuldigt Dearlove le Carré der Mythenmacherei, anderseits behauptet er, dass die meisten Geheimdienstoffiziere verärgert seien über ihn, womit er durchblicken lässt, dass le Carrés Bild nicht so mythisch sein kann, wie sein Kritiker meint. Wäre Dearlove besser vertraut mit dem Werk des Schriftstellers, dann würde er nicht spekulieren, dass der Zynismus, den er ihm zuschreibt, auf eine schlimme Erfahrung während seiner Spionagetätigkeit zurückzuführen sei.

          Man muss nur den autobiographischen Roman „Ein blendender Spion“ gelesen haben, um zu wissen, dass le Carré sein Leben lang unter dem eigenen Vater gelitten hat, dessen Hochstapelei Parallelen mit den Täuschungen des Agentendaseins aufweist. Offenbar ist Dearlove auch jene berühmte Passage aus „Der Spion, der aus der Kälte kam“ entgangen, in dem der Spionagechef seinem desillusionierten Agenten erklärt, dass in Fragen der Moral die Ideale der einen Seite schlecht mit den Methoden der anderen zu vergleichen seien.

          In einer Replik gibt le Carré Dearlove allerdings insofern recht, als dass ihm tatsächlich etwas zugestoßen sei, nämlich der Verrat der Doppelagenten George Blake und Kim Philby, der dazu führte, dass Tausende von westlichen Spionen im Ostblock verhaftet, gefoltert oder getötet wurden. Dearloves Behauptung über den Unmut führender Geheimdienstoffiziere widerlegt le Carré mit dem Hinweis, dass mehrere ihn zum Essen eingeladen hätten und einer ihm sogar mitgeteilte habe, seine Romane hätten dazu beigetragen, MI6 als „menschlichem, fehlbarem, ehrgeizigem und umstrittenem Teil des wirklichen Lebens“ einen vernünftigen Platz im öffentlichen Bewusstsein einzuräumen. Le Carré gibt zu bedenken, dass der Zorn der MI6-Offiziere sich wohl eher gegen Dearlove richte, der Tony Blair seinerzeit mit unzuverlässigen Informationen gespeist habe.

          Am 17. Oktober veröffentlicht der 87 Jahre alte le Carré seinen neuen Roman „Agent Running in the Field“. Er dürfte die Missbilligung Dearloves, eines Brexit-Befürworters, noch verstärken, denn darin lässt der Schriftsteller keinen Zweifel an seinem Entsetzen über den Austritt der Briten aus der EU. Le Carré rechnet damit, dass Dearlove und angeblich gleichdenkende Kollegen „so wütend wie Bettwanzen” sein werden. Im Übrigen ist es ein starkes Stück, dass ein ehemaliger Geheimdienstchef, der für bis zu 20.000 Pfund als Redner auftritt, einem Autor vorwirft, Profit zu ziehen aus seiner Spionagetätigkeit.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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