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Kölner Kreuzblume : Blume abschieben!

Steinmetz Markus Schroer arbeitet in der Dombauhütte in Köln an einer Kreuzblume. Bild: ddp

Weder die ins Ungewisse verschobene Wiedereröffnung des Opernhauses noch die sich immer länger hinziehende Aufklärung des Archiveinsturzes – nichts vermag die Kölner Volksseele derzeit so sehr in Wallung zu bringen wie die Kreuzblume.

          Kaum ein Tag, an dem die Kreuzblume nicht die Leserbriefspalten der beiden am Ort erscheinenden Tageszeitungen füllt. Nun wäre das besondere Bauteil außerhalb jeder Diskussion und Reichweite, wenn es nur auf den 157 Meter hohen Türmen des 1880 vollendeten Domes zu finden wäre. Seit 1980 aber steht die Kreuzblume als Replik auch zu seinen Füßen, und zwar genau in der Sichtachse vor dem Westportal, wo sie ihm viel von seiner Wucht und seiner Würde nimmt. Plaziert hat sie hier das Verkehrsamt der Stadt, das die Nachbildung aus Kunststoff zum hundertjährigen Domjubiläum beisteuerte.

          Doch was als temporäre Festdekoration gedacht war, ist zum Dauerprovisorium geworden und den Kölnern so sehr ans Herz gewachsen, dass sie gar nicht daran dachten, es wieder wegzuräumen. Das schaffte erst der Orkan „Wiebke“, der die Kreuzblume 1990 derart beschädigte, dass sie entfernt werden musste, um schon im Jahr darauf, diesmal aus Beton gegossen, zurückzukehren. Sogar ein schmales Blumenbeet wurde um ihren Sockel herum angelegt und Metallschilder in fünfzehn Weltsprachen, die erste von ihnen Kölsch, befestigt, um das Wunder zu erklären.

          Die plumpe Kopie hat keinen künstlerischen Eigenwert, das aber bewahrt sie nicht davor, dass die Kölner ihr einen Gemütswert zuschreiben und sie als Treffpunkt, Fotomotiv und Touristenattraktion unverzichtbar finden. Die Entscheidung der Bezirksvertretung Innenstadt, sie ans andere Rheinufer, vor das alte Messegebäude in Deutz, zu verfrachten, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, kein einziger Leserbriefschreiber bisher, der die Abschiebung begrüßen würde. Aber auch keiner, dem aufgefallen wäre, dass der bescheiden in den Boden eingelassene „Taubenbrunnen“ daneben, ein - auch wenn das damals noch nicht so hieß - minimalistisches Meisterwerk des Bildhauers Ewald Mataré aus dem Jahr 1953, von dem falschen Denkmal förmlich erschlagen wird. Wie die Kreuzblume den öffentlichen Raum besetzt, reiht sie sich ein in die vielen Objekte - von der Reklametafel vor dem Hauptbahnhof über die Tiefgarageneingänge auf dem Heumarkt bis zum Aufzugshäuschen vor dem Severinstor -, mit denen Köln demonstriert, dass es kein Gefühl für seine Plätze hat.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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