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Krawalle in Frankreich : Protest auf französische Art

  • -Aktualisiert am

Französische Art Aufmerksamkeit zu erregen Bild: dpa/dpaweb

Deutsche Medien deuten die soziale Revolte der Banlieues als Kampf der Kulturen und verschleiern damit deren politische Dimension. Gerade weil die Jugendlichen Franzosen sind, kapieren sie, was ihnen ohne Schulabschluß und mit ihrer Hautfarbe für ein Leben blüht.

          Der "Spiegel" hat die Gefahr als erster erkannt: "Muslime in Frankreich haben sogar Gebetsräume im Disneyland bei Paris." Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Minnie Maus verschleiert auftreten und Dagobert einen Teil seines Vermögens der Hamas spenden muß.

          Das Blatt illustrierte die Gefährdung dann auch mit einer sagenhaften Infographik, welche den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in europäischen Ländern zeigt - nicht der Islamisten, nicht der wegen irgendwelcher Vergehen verurteilten Muslime, nicht der Illegalen, sondern schlicht der Muslime, und zwar unter dem Titel: "Fremd im Land - Wunsch oder Behauptung?". Angesichts solcher Berichterstattung kann man sich allerdings fremd im eigenen, per Grundgesetz zur religiösen Toleranz verpflichteten Land fühlen, auch wenn man als Weißer in Saarbrücken geboren wurde.

          Es geht um Symbolik

          Muslime sind fremd, sie sind schwer zu verstehen, sie sind ein Problem. In all den Jahrzehnten jedoch, in denen das Problem der Banlieues langsam hochkochte, kam von dort nie eine ernste Infragestellung des Systems. Wie die Türken in der Bundesrepublik suchen die Nachfahren der arabischen und afrikanischen Immigranten ein friedliches Leben. Es ist kein leichtes Leben: enger die Wohnungen, kränker die Menschen, größer die Sorgen.

          Hinzu kommt: Bei den Unruhen haben die Oberhäupter der muslimischen Gemeinden durchweg eine mäßigende Rolle gespielt - sofern die Polizei nicht versehentlich Tränengasgranaten in die Reihen der Betenden schoß. Die brandstiftenden Cliquen waren besonders jung - die Ausgangssperren wurden vielerorts für die Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen verhängt - und haben zu ihren frommen Eltern und deren Religion ein kompliziertes Verhältnis.

          Protest auf durch und durch französische Art

          Ihre Revolte hat auch nichts mit islamischem Fundamentalismus zu tun, dessen Terrorzellen immer bemüht sind, ihre Aktionen im stillen auszubrüten und dann im Herzen der Städte zuzuschlagen. Diese Form des Protests aber, welche die Medien anzieht und große Mengen von Polizisten bindet, ist eine durch und durch französische Art, Aufmerksamkeit zu erregen.

          Man kann sich sogar fragen, warum es dort erst jetzt, nach Jahrzehnten der organisierten Ausgrenzung und unzähliger erfolgloser Warnungen, zu gewalttätigen Ausbrüchen großen Stils kommt, erst recht in einem Land, in dem Lkw-Fahrer oder Pfirsichbauern oder wildgewordene Roquefortzüchter immer pünktlich zu Ferienbeginn etwas abfackeln, abreißen oder zuschütten, um in die Abendnachrichten und wenig später in den Elyseepalast zu kommen.

          Die politische Dimension wird verschleiert

          Im Unterschied zu den deutschen Verhältnissen wirkt Feuerprotest in Frankreich durchaus, und zwar prompt: Auch diesmal hat es nicht lange gedauert, bis der Premierminister den Nachbarschafts-, Sport- und Freizeitvereinen, die sich um die vergessenen Söhne und Töchter der Republik kümmern, jene Millionen versprach, die zu Jahresbeginn gekürzt worden waren.

          Die Rede von den islamischen Gettos, von den unüberbrückbaren kulturellen Differenzen, von Multikulti- und Parallelgesellschaft drängt das Thema in einen vagen, irgendwie kulturellen, ethnischen Zusammenhang und verschleiert seine politische Dimension. Muslime afrikanischer oder arabischer Herkunft sind Franzosen, die keine Chance auf die Realisierung ihrer verfassungsmäßig garantierten Grundrechte sehen, sie haben das schon bei ihren Eltern erlebt und auch für ihre Kinder keine Hoffnung auf Besserung.

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