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Krawalle in England : Woher kommt diese Wut?

  • -Aktualisiert am

Her mit den Flachbildschirmen! Plünderer, letzte Woche in Birmingham Bild: dpa

Die Krawalle in England sind schlimm. David Camerons Vorschlag, beteiligten Sozialmietern die Wohnung zu kündigen, dürfte auf offene Ohren stoßen. Doch die Plünderer haben ein Vorbild für ihre Gier: das britische Establishment.

          Eine Woche ist seit dem Ausbruch der Krawalle in London vergangen, doch das Land scheint unwillig, nach den sozialen Ursachen zu fragen. Wer das tut, muss damit rechnen, als Apologet sinnloser Gewalt ausgebuht zu werden. Premierminister David Cameron nannte Teile der britischen Gesellschaft einfach „krank“. „Das ist schlicht und einfach Gewalt, der wir entgegentreten und ein Ende bereiten müssen“, erklärte er im Parlament. Soziale Netzwerke wie Twitter sind voller Hass auf einen „enthemmten Pöbel“. Eine Mehrzahl der Engländer sprach sich in Umfragen für einen Einsatz der Armee aus, und jeder dritte forderte, mit scharfer Munition gegen Randalierer vorzugehen.

          Richter verhängen Maximalstrafen. Ein 23-Jähriger, nicht vorbestraft, kassierte für den Diebstahl von Wasserflaschen im Wert von dreieinhalb Pfund die Höchststrafe von sechs Monaten. David Camerons Vorschlag, all jenen Sozialmietern, die sich an den Krawallen beteiligt hatten, die Wohnung zu kündigen, dürfte auf offene Ohren gestoßen sein.

          Die Empörung mag an Hysterie grenzen, aber sie ist verständlich. Dies war kein nobler Aufstand von Unterdrückten gegen eine Regierung, die die massivsten Haushaltskürzungen seit den 1920er Jahren beschlossen hatte. Hier fiel keine Armee von Habenichtsen in die feinen Londoner Stadtviertel Knightsbridge und Chelsea ein, um gewaltsam für eine Umverteilung des Reichtums zu sorgen. Die Randalierer zogen vielmehr durch ihre eigenen Viertel, plünderten Supermärkte und kleine Geschäfte. Passanten wurden attackiert, Fahrradfahrer von ihren Rädern gezerrt, Wohnhäuser in Brand gesteckt.

          Turnschuh und Moral

          Die terrorisierten Anwohner waren nicht reich oder mächtig, sie lebten vielmehr in Vierteln, die zu den ärmsten Kommunen des Landes zählen. „Von den Krawallen sind vor allem arme Leute wie wir betroffen“, sagte mir eine junge Frau im Londoner Stadtteil Hackney, wo es am Montag zu besonders schweren Ausschreitungen gekommen war. Anders als bei herkömmlichen Unruhen, vermied man die Konfrontation mit der Polizei. Plünderer versuchten, möglichst viele Konsumartikel mitgehen zu lassen, besonders gern Flachbildfernseher, Turnschuhe und Süßigkeiten. Auf den ersten Blick war das eher ein massenhafter Ladendiebstahl als ein gewaltsamer Ausbruch von Unzufriedenheit, der sich gegen den Staat richtete.

          Angesichts derart abstoßender Szenen ist es kein Wunder, dass diejenigen, die über die tieferen Ursachen nicht mehr diskutieren wollen, die Oberhand haben. Der konservative Hardliner Peter Hitchens (Bruder von Christopher Hitchens) führte die Krawalle auf einen Niedergang aller moralischen Werte zurück. Das ist eine populäre Sicht. Wenn sich aber Leute wie Peter Hitchens durchsetzen, werden sich die Ereignisse der letzten Woche wiederholen, und zwar mit zunehmender Brutalität.

          Wer die Krawalle verstehen will, muss in Tottenham anfangen, dem Nordlondoner Viertel, wo am vorletzten Samstag die Entwicklung ihren Ausgang nahm. Zwei Tage zuvor hatte die Polizei den 29-jährigen Familienvater Mark Duggan erschossen. Anfänglich hieß es, Duggan habe auf die Polizisten geschossen, doch bald stellte sich heraus, dass nur Polizeiwaffen abgefeuert worden waren. Dies war der jüngste Fall, wo ein Zivilist von der Londoner Polizei unter ungeklärten Umständen erschossen worden war – dass Duggan ein Schwarzer aus Tottenham war, machte die Sache aber besonders explosiv. Vor allem schwarze Jugendliche beklagen sich über Polizeiwillkür – kein Wunder in einem Land, wo Schwarze sechsundzwanzig Mal mehr von der Polizei angehalten und überprüft werden als Weiße.

          Depression, Minderwertigkeitsgefühle, Verunsicherung

          Doch der Hass auf die Polizei ist nur ein Element in diesem gefährlichen Mix. In Tottenham leben fünfzig Prozent der Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Tottenham hat die höchste Arbeitslosenrate von ganz London. Auf ein Stellenangebot kommen vierunddreißig Jobsuchende. Das soll keine Rechtfertigung der Ereignisse sein, aber ein Viertel, in dem so viele Leute verarmt sind und sich benachteiligt fühlen, ist ein potentielles Pulverfass.

          Die Krawalle, die den Unruhen in Tottenham folgten, waren komplexer. Zwar versuchte die rechtsextreme „British National Party“ zunächst, ethnischen Minderheiten die Schuld zuzuschieben, aber bei den Plündereien waren sehr viele Weiße beteiligt. Das Profil der Täter (bislang mehr als tausend Verhaftete) gewinnt allmählich Konturen. Fünfzig Prozent derjenigen, die vor Gericht gestellt wurden, sind unter achtzehn Jahre alt, die meisten unter dreiundzwanzig, die allermeisten arbeitslos. Die Randalierer sind ein kleiner Teil der armen Jugendlichen in England.

          Für junge Angehörige der Unterschicht ist die Situation fraglos düster. Die Wirtschaftskrise hat die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen in Rekordhöhe getrieben. Von den 18- bis 24-Jährigen ist gut jeder Fünfte arbeitslos. Eine Studie des Prince’s Trust von 2009 ergab, dass Arbeitslosigke it in so jungen Jahren erhebliche emotionale Auswirkungen hat – Depression, Minderwertigkeitsgefühle, Verunsicherung, bis hin zu Selbstmordgedanken.

          Die haarsträubende soziale Ungleichheit

          Doch diese Krise hatte lange vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers begonnen. Als die britische Industrie in den achtziger Jahren kollabierte, gingen Millionen gut bezahlter Facharbeiterjobs verloren. Diese Arbeit bot Sicherheit und war das Rückgrat lokaler Gemeinschaften. Junge Leute aus der Arbeiterklasse kamen auch ohne brillante schulische Leistungen voran. Sie konnten mit sechzehn von der Schule abgehen und sich eine gutbezahlte Lehrstelle suchen.

          So war es früher. Die wenigen Jobs, die es für Angehörige der Unterschicht heute gibt, etwa in Supermärkten und Callcentern, sind schlecht bezahlt und prekär. Die konservativ-liberaldemokratische Koalition, die im Mai letzten Jahres an die Macht kam, hat die Ausbildungsförderung gestrichen, die Kindern aus armen Familien den Erwerb der Hochschulreife ermöglichen sollte. Die Studiengebühren wurden verdreifacht und gehören nun mit 9000 Pfund jährlich zu den höchsten weltweit. Bei den Studenten- und Schülerprotesten im letzten Jahr ging die Polizei mit Schlagstöcken vor, die jungen Leute wurden stundenlang eingekesselt und dann – ignoriert. Viele Jugendliche hierzulande haben keine Zukunft aufs Spiel zu setzen. Es braucht nur ein paar Randalierer und Plünderer, und auf den Straßen bricht Chaos aus.

          Auch die haarsträubende soziale Ungleichheit spielt eine Rolle. London ist eine der Metropolen mit der größten Ungleichheit in der westlichen Welt. London ist nicht Paris, wo die Wohlhabenden im Zentrum wohnen und die Armen in die Banlieue abgedrängt werden. In London wohnen Arm und Reich oft in demselben Viertel, wenn nicht in derselben Straße. Hackney ist eine der ärmsten Kommunen des Landes, aber es gibt dort auch Wohlstand. Tür an Tür neben Wettbüros und Leihhäusern sind teure Bioläden und schicke Cafés. Täglich wird den Armen jener Lebensstil vor Augen geführt, den sie vermutlich nie erreichen werden.

          Einfach: weiter kürzen

          Die Plünderer wollen gegen die Ungleichheit protestieren und – konsumieren. Großbritannien ist eine extrem konsumorientierte Gesellschaft, in der Status vor allem an Besitz gemessen wird. Junge Leute aus armen Vierteln wollen – genau wie ihre bessergestellten Altersgenossen – Teil einer Konsumgesellschaft sein, die zunehmend unerreichbar ist. Diese „Konsumkrawalle“ könnte man als perverses Symptom dieser Entwicklung sehen.

          Doch es wäre falsch, nur auf die eine Seite zu schauen. Seit 2007 wird das britische Establishment von einer Reihe von Skandalen erschüttert, die sein Fundament in Frage stellen. Erst brachten die weithin geschmähten Banker mit ihrer Gier die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Dann kam heraus, dass Abgeordnete Steuergelder veruntreut hatten – manchmal für ebenjene Flachbildfernseher, die bei den Plünderern so beliebt waren. Und jüngst wurde bekannt, dass Polizeibeamte sich von Journalisten hatten bestechen lassen. Die Plünderer in der letzten Woche gingen chaotischer vor, aber sie hatten ein Vorbild.

          Möglicherweise vermitteln diese Krawalle eine düstere Ahnung von etwas Schlimmerem, das uns bevorsteht. Vor den Wahlen warnte Vizepremier Nick Clegg, dass massive Haushaltskürzungen zu Unruhen führen könnten. Tatsächlich haben sich die Sparmaßnahmen noch nicht in ihrer ganzen Schärfe ausgewirkt. Die Wohlfahrtsleistungen werden gestrichen, deren Empfänger zunehmend stigmatisiert. Vor den Krawallen wurden sie als faul beschimpft, doch nun spricht man von gewalttätigem Gesindel. David Cameron hat schon angedeutet, dass eine Reaktion auf die Krawalle darin bestehen werde, einen Wohlfahrtsstaat abzubauen, der „Nichtstun“ belohnt.

          Unterdessen steigen die Arbeitslosenzahlen, und das Realeinkommen der Armen sinkt weiter. Der Riss, der durch die britische Gesellschaft geht, wird immer tiefer. Die jüngsten Unruhen waren erschreckend. Doch die ihnen zugrundeliegende Frustration wird zunehmen. In den nächsten Jahren muss nicht zwangsläufig soziales Chaos ausbrechen, aber nach den Ereignissen der letzten Woche kann nur ein Narr eine solche Entwicklung ausschließen.

          Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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