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Krawalle in England : Woher kommt diese Wut?

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So war es früher. Die wenigen Jobs, die es für Angehörige der Unterschicht heute gibt, etwa in Supermärkten und Callcentern, sind schlecht bezahlt und prekär. Die konservativ-liberaldemokratische Koalition, die im Mai letzten Jahres an die Macht kam, hat die Ausbildungsförderung gestrichen, die Kindern aus armen Familien den Erwerb der Hochschulreife ermöglichen sollte. Die Studiengebühren wurden verdreifacht und gehören nun mit 9000 Pfund jährlich zu den höchsten weltweit. Bei den Studenten- und Schülerprotesten im letzten Jahr ging die Polizei mit Schlagstöcken vor, die jungen Leute wurden stundenlang eingekesselt und dann – ignoriert. Viele Jugendliche hierzulande haben keine Zukunft aufs Spiel zu setzen. Es braucht nur ein paar Randalierer und Plünderer, und auf den Straßen bricht Chaos aus.

Auch die haarsträubende soziale Ungleichheit spielt eine Rolle. London ist eine der Metropolen mit der größten Ungleichheit in der westlichen Welt. London ist nicht Paris, wo die Wohlhabenden im Zentrum wohnen und die Armen in die Banlieue abgedrängt werden. In London wohnen Arm und Reich oft in demselben Viertel, wenn nicht in derselben Straße. Hackney ist eine der ärmsten Kommunen des Landes, aber es gibt dort auch Wohlstand. Tür an Tür neben Wettbüros und Leihhäusern sind teure Bioläden und schicke Cafés. Täglich wird den Armen jener Lebensstil vor Augen geführt, den sie vermutlich nie erreichen werden.

Einfach: weiter kürzen

Die Plünderer wollen gegen die Ungleichheit protestieren und – konsumieren. Großbritannien ist eine extrem konsumorientierte Gesellschaft, in der Status vor allem an Besitz gemessen wird. Junge Leute aus armen Vierteln wollen – genau wie ihre bessergestellten Altersgenossen – Teil einer Konsumgesellschaft sein, die zunehmend unerreichbar ist. Diese „Konsumkrawalle“ könnte man als perverses Symptom dieser Entwicklung sehen.

Doch es wäre falsch, nur auf die eine Seite zu schauen. Seit 2007 wird das britische Establishment von einer Reihe von Skandalen erschüttert, die sein Fundament in Frage stellen. Erst brachten die weithin geschmähten Banker mit ihrer Gier die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Dann kam heraus, dass Abgeordnete Steuergelder veruntreut hatten – manchmal für ebenjene Flachbildfernseher, die bei den Plünderern so beliebt waren. Und jüngst wurde bekannt, dass Polizeibeamte sich von Journalisten hatten bestechen lassen. Die Plünderer in der letzten Woche gingen chaotischer vor, aber sie hatten ein Vorbild.

Möglicherweise vermitteln diese Krawalle eine düstere Ahnung von etwas Schlimmerem, das uns bevorsteht. Vor den Wahlen warnte Vizepremier Nick Clegg, dass massive Haushaltskürzungen zu Unruhen führen könnten. Tatsächlich haben sich die Sparmaßnahmen noch nicht in ihrer ganzen Schärfe ausgewirkt. Die Wohlfahrtsleistungen werden gestrichen, deren Empfänger zunehmend stigmatisiert. Vor den Krawallen wurden sie als faul beschimpft, doch nun spricht man von gewalttätigem Gesindel. David Cameron hat schon angedeutet, dass eine Reaktion auf die Krawalle darin bestehen werde, einen Wohlfahrtsstaat abzubauen, der „Nichtstun“ belohnt.

Unterdessen steigen die Arbeitslosenzahlen, und das Realeinkommen der Armen sinkt weiter. Der Riss, der durch die britische Gesellschaft geht, wird immer tiefer. Die jüngsten Unruhen waren erschreckend. Doch die ihnen zugrundeliegende Frustration wird zunehmen. In den nächsten Jahren muss nicht zwangsläufig soziales Chaos ausbrechen, aber nach den Ereignissen der letzten Woche kann nur ein Narr eine solche Entwicklung ausschließen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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