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Krawalle in England : Woher kommt diese Wut?

  • -Aktualisiert am

Wer die Krawalle verstehen will, muss in Tottenham anfangen, dem Nordlondoner Viertel, wo am vorletzten Samstag die Entwicklung ihren Ausgang nahm. Zwei Tage zuvor hatte die Polizei den 29-jährigen Familienvater Mark Duggan erschossen. Anfänglich hieß es, Duggan habe auf die Polizisten geschossen, doch bald stellte sich heraus, dass nur Polizeiwaffen abgefeuert worden waren. Dies war der jüngste Fall, wo ein Zivilist von der Londoner Polizei unter ungeklärten Umständen erschossen worden war – dass Duggan ein Schwarzer aus Tottenham war, machte die Sache aber besonders explosiv. Vor allem schwarze Jugendliche beklagen sich über Polizeiwillkür – kein Wunder in einem Land, wo Schwarze sechsundzwanzig Mal mehr von der Polizei angehalten und überprüft werden als Weiße.

Depression, Minderwertigkeitsgefühle, Verunsicherung

Doch der Hass auf die Polizei ist nur ein Element in diesem gefährlichen Mix. In Tottenham leben fünfzig Prozent der Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Tottenham hat die höchste Arbeitslosenrate von ganz London. Auf ein Stellenangebot kommen vierunddreißig Jobsuchende. Das soll keine Rechtfertigung der Ereignisse sein, aber ein Viertel, in dem so viele Leute verarmt sind und sich benachteiligt fühlen, ist ein potentielles Pulverfass.

Die Krawalle, die den Unruhen in Tottenham folgten, waren komplexer. Zwar versuchte die rechtsextreme „British National Party“ zunächst, ethnischen Minderheiten die Schuld zuzuschieben, aber bei den Plündereien waren sehr viele Weiße beteiligt. Das Profil der Täter (bislang mehr als tausend Verhaftete) gewinnt allmählich Konturen. Fünfzig Prozent derjenigen, die vor Gericht gestellt wurden, sind unter achtzehn Jahre alt, die meisten unter dreiundzwanzig, die allermeisten arbeitslos. Die Randalierer sind ein kleiner Teil der armen Jugendlichen in England.

Für junge Angehörige der Unterschicht ist die Situation fraglos düster. Die Wirtschaftskrise hat die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen in Rekordhöhe getrieben. Von den 18- bis 24-Jährigen ist gut jeder Fünfte arbeitslos. Eine Studie des Prince’s Trust von 2009 ergab, dass Arbeitslosigke it in so jungen Jahren erhebliche emotionale Auswirkungen hat – Depression, Minderwertigkeitsgefühle, Verunsicherung, bis hin zu Selbstmordgedanken.

Die haarsträubende soziale Ungleichheit

Doch diese Krise hatte lange vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers begonnen. Als die britische Industrie in den achtziger Jahren kollabierte, gingen Millionen gut bezahlter Facharbeiterjobs verloren. Diese Arbeit bot Sicherheit und war das Rückgrat lokaler Gemeinschaften. Junge Leute aus der Arbeiterklasse kamen auch ohne brillante schulische Leistungen voran. Sie konnten mit sechzehn von der Schule abgehen und sich eine gutbezahlte Lehrstelle suchen.

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