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Krawall in Chemnitz : „Es herrscht Angst, blanke Angst“

Auf jeden Fall. Bei Linksextremisten greift die Polizei oftmals viel härter durch. Da wird auch eingekesselt, da wird schneller kriminalisiert, und das oft zu Recht, ich bin wahrlich kein Vertreter des Linksextremismus. Aber bei Rechtsextremen wird der Hitlergruß gezeigt, da werden Feuerwerkskörper gezündet, und kein Polizist fühlt sich bemüßigt, direkt einzugreifen. Das haben wir in Dresden erlebt, und das erleben wir jetzt in Chemnitz wieder. Auch bei Pegida-Demonstrationen, bei denen es ja auch zu Straftatbeständen kommt, Sigmar Gabriel am Galgen etwa, wird nicht sofort eingegriffen, sondern erst viel später reagiert. Durch eine Form des Wegduckens wird vieles geduldet. Ermittelt wird erst, wenn Anzeigen vorliegen, und wie das dann am Ende ausgeht, erfährt man kaum je.

Herr Kretschmer hat gestern noch in der „Bild“-Zeitung gesagt, die Polizei habe in Chemnitz einen „super Job gemacht“.

Das ist der blanke Hohn.

Die Aussage, dass die Polizei die Situation im Griff hatte, deckt sich also nicht mit Ihren Eindrücken vor Ort.

Nein.

Wer sind diese Leute, die in Chemnitz für Pogromstimmung sorgen?

Die Radikalisierten kommen teilweise aus dem Fußballmilieu. Die haben seit 2006 Stadionverbot in Chemnitz. Die Organisation, die federführend zu den Demonstrationen aufruft, „Pro Chemnitz“, ist ein Bündnis verschiedener Parteigänger, die damit sicherlich auch auf ihre Wähler einwirken wollen. Ich denke, wie Leute hier in dieser Art und Weise auf die Straße gerufen wurden, um dann Hetzjagden zu veranstalten, da ist eine Mitverantwortung gegeben. Da müsste der Rechtsstaat eine klare Meinung verfolgen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass der Aufruf straffrei ausgeht.

Aber die nächsten Demonstrationen sind schon angekündigt.

Für Samstag wurde ein „Trauermarsch“ angemeldet, zu dem sich unter anderem Björn Höcke von der AfD in Thüringen angekündigt hat. Auch Gegendemonstrationen soll es geben – wie sich das alles entwickelt, ist im Moment nicht abzusehen. Und schon heute findet ein Gespräch mit Michael Kretschmer und unserer Bürgermeisterin Barbara Ludwig statt. Das ist eine Bürgersprechstunde, die schon vor Monaten verabredet wurde. So, wie es jetzt aussieht, soll auch dieser öffentliche Termin in welcher Form auch immer gestört werden.

Haben die Verantwortlichen in Chemnitz den Ernst der Lage inzwischen erkannt?

Das hoffe ich. Jetzt muss es darum gehen, Schaden von Chemnitz abzuwenden. Es geht nicht nur um den Imageschaden der Stadt, sondern um das Lebensgefühl der Chemnitzer, ihr Sicherheitsgefühl. Das darf sich nicht fortsetzen, sonst wird der öffentliche Raum den Rechten überlassen. Wir haben mit der TU Chemnitz hier eine sehr internationale Universität, im Maschinenbau genießt sie weltweites Ansehen. Das alles leidet, und der eine oder andere aus dem Ausland mag vielleicht gar nicht mehr nach Chemnitz kommen. Das ist doch verrückt, dass die Rechten, die Ordnung und Sicherheit fordern, Chaos und Angst verbreiten.

Und Sie: Haben Sie Angst?

Nein. Wir beziehen Stellung, aber wir haben keine Berührungsängste. Und wir haben auch keine Angst, unsere Meinung zu sagen. Und eines muss man vielleicht noch einmal klarstellen: Hier ziehen nicht tagtäglich marodierende Gruppen durch die Stadt. Und trotz der Größe der Menschenansammlung und der geringen Zahl an Polizeikräften ist es Gottseidank nicht zu Randalen gekommen, es gab keine zerschlagenen Geschäfte, keine Brände. Unerträglich und nicht zu akzeptieren ist die Hetzjagd, auf Ausländer, auf Linke, auf Journalisten. Das hat es gegeben, das hat System, und das darf nicht sein.

Sie stammen ursprünglich aus dem Braunschweiger Land, als was fühlen Sie sich heute?

Als Chemnitzer. Ich mag die Leute hier sehr, ich empfinde sie als authentischer. Man trägt hier nicht den Schein vor sich her. Man muss nicht etwas darstellen. Menschlich ist das sehr angenehm und vertraut. Deshalb erschreckt mich das auch so, diese ungeheure Wut, diese Unzufriedenheit.

Anmerkung der Redaktion: Unser Interview war ursprünglich mit einem Bild der Agentur Associated Press versehen, das zeigt, wie Demonstranten In Chemnitz ein Transparent halten, auf dem das Wort „Terror!“ zu sehen ist. Dieses Bild zeigte nicht das gesamte Plakat. Auf diesem war geschrieben „Kein Zutritt für Terror!“ Wir haben das durch den Beschnitt irreführende Bild entfernt. (FAZ.NET)

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