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Krawall, Randale, Gewalt : Der Wrangelkiez - die Banlieue von Berlin?

  • -Aktualisiert am

Aggression prägt den Alltag

Am Tag nach dem Überfall steht Böttig am Rand eines Nervenzusammenbruchs. Journalisten bestürmen seine Schule, Schüler posieren auf dem Hof als Hip-Hop-Gangster, stellen sich auf die Nachfrage der Medien ein, bieten Interviews für zwanzig Euro an und nennen als Berufswunsch „Mafiaboss“ oder „Pornoregisseur“. Ihre zielstrebigeren Klassenkameraden können von Glück sagen, daß sich „Eberhard-Klein-Oberschule“ nicht so gut als Schlagwort eignet wie „Rütli“. Zu Fuß braucht man von der „Eberhard-Klein“ zur Neuköllner Rütli-Schule, die im Frühjahr durch einen Hilferuf der Lehrerschaft bundesweit in die Schlagzeilen kam, nur eine Viertelstunde. Zwischendrin liegt als Keil aus einer anderen Stadt das Maybach-Ufer, wo Spitzenmieten für Lofts erzielt werden, von denen nur wenige ein Kinderzimmer haben.

Der Wrangelkiez taucht nicht zum erstenmal auf der Landkarte städtischer Krisenherde auf. Das Viertel hat in den vergangenen Jahrzehnten, in denen Industriearbeiter arbeitslos wurden, Hausbesetzer kamen und Einwandererfamilien hierherzogen, schon manchen Niedergang und Neuanfang erlebt. Längst gibt es eine Vielzahl fürsorglicher Initiativen, „Quartiersmanagement“, Ladenbesitzervereine oder das „Wrangelnetz“. Zuletzt ließ sich sogar manch Gutes hören. Entnervt vom glatten Schick der neuen Mitte, kamen Designer, Musiker und andere Kreative zurück auf diese Seite der Spree. Kreuzberg, nach dem Mauerfall immer wieder totgesagt, blühte zaghaft wieder auf.

Die Läden auf der Schlesischen Straße sehen schick aus. Doch im Szene-Café „Cream“ sagt die Bedienung, sie arbeite zwar hier, lebe aber in Reinickendorf: „Fünf Prozent Ausländeranteil, keine Gewalt.“ Ausländerfeindlichkeit kann man der jungen Frau schon wegen ihres dunklen Teints kaum unterstellen.

Reise von Schuldzuweisung zu Schuldzuweisung

Was läuft falsch in einem Viertel, auf dessen Straßen pubertierende Einwandererknaben mit Machogesten den Ton angeben, Jungs, denen ein besorgter türkischer Anwohner „doppelte Halbsprachigkeit“ attestiert, was heißt, daß sie sich in keiner von zwei Sprachen richtig ausdrücken können? Im Lauf eines Tages kann man im Wrangelviertel eine Reise von Schuldzuweisung zu Schuldzuweisung machen. Die Politik helfe nicht, erklärt der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde. Die Gesellschaft verweigere den Migranten das Heimatgefühl, sagt eine Sozialarbeiterin. Die Wirtschaft biete keine Ausbildungsplätze, klagt ein Gemüsehändler. Die Eltern müßten sich um ihre Kinder kümmern, sagt ein Lehrer. Die Kinder müßten sich endlich um sich selbst kümmern, sagt ein türkischer Unternehmer. Was nur, wenn alles stimmt?

Eigentlich möchte Annette Spieler, die seit fünfzehn Jahren die Fichtelgebirgs-Grundschule leitet, nur von den vielen guten Initiativen und manchen ermutigenden Zeichen berichten. Sie erzählt, daß sich viele türkischstämmige Eltern in den Schulen engagieren, daß der Islamlehrer mit dem evangelischen Religionslehrer im Unterricht Gemeinsamkeiten behandelt, daß sich elfjährige „Konfliktlotsen“ auf dem Schulhof mühen, Gewalt im Keim zu ersticken. Aber dabei beläßt es Frau Spieler nicht, obwohl sie Angst hat vor einem „neuen Negativimage“ ihres Quartiers. Sie erzählt auch von Müttern und Vätern, die sich nicht zum Elternabend trauen, weil sie kaum Deutsch sprechen, von Streitigkeiten unter Kindern, bei denen immer häufiger Schimpfworte wie „Christ“ und „Schweinefresser“ fallen. Die Direktorin berichtet von verzweifelnden Lehrern, die aus ihren Schülern nicht mehr als die Vokabeln „Ding“ und „machen“ herausbringen. Und von Kindern, bei denen vor lauter Koransuren die Hausaufgaben zu kurz kommen. Nach den jüngsten Vorfällen im Viertel setzten sich die Lehrer der Fichtelgebirgsschule wieder einmal zusammen. „Wir machen doch schon so viel“, sagt Frau Spieler: „Aber wie sähe es aus, wenn es nur ein bißchen weniger wäre?“

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