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„Kraftwerk“ spielen im MoMA : Das Quartett der Robotermenschen

  • -Aktualisiert am

Die Elektroniker von Kraftwerk können’s auch lyrisch: „Sie ist ein Model, und sie sieht gut aus, ich nähm sie heut gerne mit zu mir nach Haus“ tönt es im Museum Bild: Reuters

Aliens machen Zwischenstation auf der Autobahn ins Technoidyll: Die Elektronikpioniere von Kraftwerk beschallen und bebildern acht Abende lang das Museum of Modern Art in New York.

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          Das Museum adelt. Und beglaubigt und legitimiert und kanonisiert. Zumal dem Museum of Modern Art wurde lange zugetraut, den Gütestempel für die nähere Ewigkeit aufzudrücken. Über die Rangordnung der Klassischen Moderne schienen die wichtigen Entscheidungen in New York zu fallen. Das lässt sich inzwischen nicht mehr so leicht behaupten. Eine aus den Fugen geratene Kunstwelt verweigert sich jedem zentralen Beglaubigungsmechanismus, abgesehen vom Markt und seinen Launen. Was hat also Kraftwerk im MoMA zu suchen?

          An acht aufeinanderfolgenden Abenden sollte dort die längst legendenumwobene Band in chronologischer Folge ihre Alben wiederaufbereiten, angefangen mit „Autobahn“ von 1974. Ganz so säuberlich geordnet scheint die Serie aber nicht über die Museumsbühne zu gehen. Schon der erste Abend brachte alles. Statt lediglich auf der Autobahn zu fahr’n, fahr’n, fahr’n, ratterten die vier Kraftwerker im Trans-Europa-Express durch einen schwarzweißen Linienkontinent und hechelten bei der Tour de France mit, warnten stoisch vor den Gefahren der Radioaktivität, entpuppten sich als Mensch-Maschinen und versuchten herauszufinden, was es mit Techno Pop, dem Mix und der Computerwelt auf sich hat. Damit waren die angekündigten acht Alben abgehakt, war das Œuvre präsentiert, zumindest in seiner Hitversion. Umrahmt wurde es von Kraftwerk in selbstreferentieller Laune: „Wir sind die Roboter.“ Egal, wie es weitergeht, kam optisch und auditiv ein Ereignis in Fahrt, das schon mit seinem Titel „Kraftwerk-Retrospective 1 2 3 4 5 6 7 8“ auf die Musealisierung zusteuert.

          Auf Weltraumtour wird nicht getanzt

          Aber die Erstarrungsgefahr, in die sich die Popmusik damit begibt, ist selbst im MoMA abgeflaut. New Yorker Museen sind am Umdenken und haben fast schon selbstverständlich auch Tanz, Konzert und Performance im Programm. Das Whitney hat für seine Biennale neue Choreographien in Auftrag gegeben; das Guggenheim öffnet sich historischen und aktuellen Performances, und das MoMA füllt sein Riesenatrium neuerdings mit Spektakeln wie Marina Abramovićs Sitzmarathon und Auftritten von Patti Smith oder der Trisha Brown Dance Company. Was Kraftwerk jetzt zu bieten hatten, fiel darum nicht aus dem gründlich verwandelten Museumsrahmen - eine Sensation war es doch. Die wenigen hundert Karten, die für jeden Abend zum Verkauf standen, waren innerhalb einer halben Stunde ausverkauft.

          Retrospektive Ehrfurcht hielt sich gleichwohl in Grenzen. Mit ihrem hypnotischen Mix audiovisueller Ingredienzien finden sich die Elektronikpioniere in einer Gegenwart wieder, die sie in Schwung gebracht haben. Ihre Nachkommen lösen halbe Völkerwanderungen aus, wenn sie Hunderttausende auf tage- und nächtelangen Raves in aller Welt mit EDM versorgen: der Modedroge Electronic Dance Music. Im Vergleich damit ist der Museumsauftritt von Kraftwerk eine superexklusive Veranstaltung, durch deren Popappeal der hochkulturelle Anstrich schimmert. Es wird nicht getanzt, allenfalls dezent gewippt, genau so, wie es die vier Gestalten in ihren schwarzen Bodysuits mit den weißen Netzstreifen gelegentlich andeuten. Gerade in Amerika verehrt als Inbegriff deutscher Kunstpopkonzeptualisten, erfüllen sie perfekt und unlocker die entsprechenden Erwartungen. Das Robotermenschenquartett, von dessen Originalbesetzung nur noch der Keyboarder Ralf Hütter übrig geblieben ist, macht in der unwirtlichen Schlucht des MoMA-Atriums Zwischenstation wie eine Gruppe von Aliens auf Weltraumtour.

          Ein erstaunlich robustes Zeitgefühl

          Mit dem überwiegend jungen, hipsterhaft akzentuierten New Yorker Museumsvölkchen haben sie dabei leichtes Spiel. Zu ihrer minimalistisch dosierten Melodienmechanik, ihren lakonisch gerappten Repetitionen und elektronisch verfremdeten Klingklangwolken, ihren Loops, Maschinenrhythmen und -geräuschen schlagen sie es mit einer dreidimensionalen Video-Orgie in Bann. Hat das Ohr Mühe, an den konstanten Musikrastern auf einer immer gleichen Gefühlsebene nicht zu ermüden, sieht sich das Auge auch über gut anderthalb Stunden nicht satt an den Videovariationen, die den Ausflug auf der Autobahn ins saubere Technoidyll eines Computerspiels verlegen, das sternenbeglänzte All mit Notenlinien durchziehen, Wirbelstürme aus Ziffern entfachen, den 3-D-Zug ins Publikum rasen und um die vier Musiker vier mechanisierte Doppelgänger schwirren lassen.

          Die weißen Wände des MoMA werden ins Autobahnschilderblau getaucht und geraten geometrisch bunt ins Flackern. Richtig retro aber wird die Sache selten. So wie die alte Gerätschaft neuen Computern weichen musste und Kraftwerk hinter glatten Mischpulten die Elektronik live durchmixen und auffrischen, so hat der animationstechnische Fortschritt die visuelle Sprache geradewegs in Aufruhr versetzt. Dazu dann als Gegensatz das ikonische Roboterphlegma, das den Abend seltsam einebnet - ob es nun um den Atomtod, ein Radrennen oder eine putzige Modenschau geht -, andererseits aber über den Vorteil der Zeitlosigkeit verfügt. Auch das Zeitgefühl von Kraftwerk, obgleich verankert in den siebziger und achtziger Jahren, erweist sich als erstaunlich robust und ergiebig für unsere durchtechnisierte Gegenwart und ihre Drohung, mit der Fusion von Mensch und Maschine Ernst zu machen.

          Als Auftakt der Kraftwerk-Festspiele, die Klaus Biesenbach fürs MoMA organisiert hat, bot „Autobahn“ jedenfalls viel mehr als eine nostalgische Zeitreise. Von Kraftwerk selbst wird Bahnbrechendes zwar kaum mehr zu erwarten sein, aber offenbar sind ihre Alben multimedial noch lange nicht ausgereizt und wirken weiter, auch in New York. Am kommenden Wochenende wollen im PS1, der avantgardistischen Filiale des MoMA in Queens, wo Biesenbach als Direktor für Zukunftsluft verantwortlich ist und nun zusätzlich eine Ausstellung mit Bild- und Tondokumenten aus der Geschichte der Band zeigt, die Techno-DJs Juan Atkins und François K für ihre Klanginstallationen die Konzerte der Retrospektive miteinbeziehen.

          Nach Darbietungen im Münchner Lenbachhaus und auf der Biennale in Venedig nehmen Kraftwerk im MoMA ihren Platz an der Vorfront einer gesamtkünstlerischen Verschmelzung ein, wie Museen sie allenthalben mit bildender und performativer Kunst in Angriff nehmen und in Auftrag geben, auch wenn sie darüber ihre Beglaubigungsmacht gegen experimentelle Abenteuer eintauschen müssen. Nicht immer lohnt sich das, nur selten bietet es sich insgesamt derart überzeugend an wie jetzt bei Kraftwerk. Freie Fahrt auf dieser Autobahn in den Museumsruhm, der vor der trockenen Musealisierung ja noch schnell abbremsen kann.

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