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„Kraftwerk“ spielen im MoMA : Das Quartett der Robotermenschen

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Ein erstaunlich robustes Zeitgefühl

Mit dem überwiegend jungen, hipsterhaft akzentuierten New Yorker Museumsvölkchen haben sie dabei leichtes Spiel. Zu ihrer minimalistisch dosierten Melodienmechanik, ihren lakonisch gerappten Repetitionen und elektronisch verfremdeten Klingklangwolken, ihren Loops, Maschinenrhythmen und -geräuschen schlagen sie es mit einer dreidimensionalen Video-Orgie in Bann. Hat das Ohr Mühe, an den konstanten Musikrastern auf einer immer gleichen Gefühlsebene nicht zu ermüden, sieht sich das Auge auch über gut anderthalb Stunden nicht satt an den Videovariationen, die den Ausflug auf der Autobahn ins saubere Technoidyll eines Computerspiels verlegen, das sternenbeglänzte All mit Notenlinien durchziehen, Wirbelstürme aus Ziffern entfachen, den 3-D-Zug ins Publikum rasen und um die vier Musiker vier mechanisierte Doppelgänger schwirren lassen.

Die weißen Wände des MoMA werden ins Autobahnschilderblau getaucht und geraten geometrisch bunt ins Flackern. Richtig retro aber wird die Sache selten. So wie die alte Gerätschaft neuen Computern weichen musste und Kraftwerk hinter glatten Mischpulten die Elektronik live durchmixen und auffrischen, so hat der animationstechnische Fortschritt die visuelle Sprache geradewegs in Aufruhr versetzt. Dazu dann als Gegensatz das ikonische Roboterphlegma, das den Abend seltsam einebnet - ob es nun um den Atomtod, ein Radrennen oder eine putzige Modenschau geht -, andererseits aber über den Vorteil der Zeitlosigkeit verfügt. Auch das Zeitgefühl von Kraftwerk, obgleich verankert in den siebziger und achtziger Jahren, erweist sich als erstaunlich robust und ergiebig für unsere durchtechnisierte Gegenwart und ihre Drohung, mit der Fusion von Mensch und Maschine Ernst zu machen.

Als Auftakt der Kraftwerk-Festspiele, die Klaus Biesenbach fürs MoMA organisiert hat, bot „Autobahn“ jedenfalls viel mehr als eine nostalgische Zeitreise. Von Kraftwerk selbst wird Bahnbrechendes zwar kaum mehr zu erwarten sein, aber offenbar sind ihre Alben multimedial noch lange nicht ausgereizt und wirken weiter, auch in New York. Am kommenden Wochenende wollen im PS1, der avantgardistischen Filiale des MoMA in Queens, wo Biesenbach als Direktor für Zukunftsluft verantwortlich ist und nun zusätzlich eine Ausstellung mit Bild- und Tondokumenten aus der Geschichte der Band zeigt, die Techno-DJs Juan Atkins und François K für ihre Klanginstallationen die Konzerte der Retrospektive miteinbeziehen.

Nach Darbietungen im Münchner Lenbachhaus und auf der Biennale in Venedig nehmen Kraftwerk im MoMA ihren Platz an der Vorfront einer gesamtkünstlerischen Verschmelzung ein, wie Museen sie allenthalben mit bildender und performativer Kunst in Angriff nehmen und in Auftrag geben, auch wenn sie darüber ihre Beglaubigungsmacht gegen experimentelle Abenteuer eintauschen müssen. Nicht immer lohnt sich das, nur selten bietet es sich insgesamt derart überzeugend an wie jetzt bei Kraftwerk. Freie Fahrt auf dieser Autobahn in den Museumsruhm, der vor der trockenen Musealisierung ja noch schnell abbremsen kann.

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