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Kosmos Weimar : Die Schicksalskisten von Buchenwald

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Eine von 73: Stéphane Hessel bei einer Ausstellungseröffnung im Jahr 1999 Bild: Gedenkstätte Buchenwald

Auf welch verschlungene Weise Weimar und Buchenwald miteinander verbunden sind, zeigen die Behältnisse, in denen die Kunstschätze der Weimarer Klassik während des Krieges geborgen wurden: Gezimmert wurden sie von KZ-Insassen.

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          Viel war in jüngster Zeit die Rede von Weimar, den dortigen Verhältnissen und der am Ende glücklichen Wiederwahl Hellmut Seemanns als Präsident der Stiftung Weimarer Klassik. Er wird nun weiterhin den Masterplan „Kosmos Weimar“ umsetzen. Doch auch das nahe gelegene Lager Buchenwald war ein eigener Kosmos. Dort waren unter den 250.000 Häftlingen auch Tausende von europäischen Intellektuellen inhaftiert. Sie schufen viele bedeutende Werke der Kultur. Welch ein Gegensatz zu den brutalen, mörderischen SS-Leuten, die sie bewachten, quälten und erniedrigten.

          Was hat das berüchtigte, schon 1937 errichtete KZ Buchenwald mit der Weimarer Klassik zu tun? In diesem Lager war bis zum April 1945 etwa eine viertel Million Menschen inhaftiert; etwa 56.000 Häftlinge aus ganz Europa wurden dort ermordet und in den sechs Öfen des Krematoriums verbrannt. Über dem Lagertor prangte der weltbekannte Schriftzug „Jedem das Seine“. Das Lager wurde auf dem Gelände des aus dem achtzehnten Jahrhundert stammenden Schlosses Ettersburg, etwa acht Kilometer von Weimar entfernt, erbaut, das die Herzoginmutter Anna Amalia als Sommersitz erwählt hatte. Hier verlustierte sich der literarisch-musisch-musikalische Kreis um Goethe, Herder, Wieland und andere Größen der Klassik.

          Das Lager bekam den Namen „K.L. Ettersberg“, aber bald protestierte dagegen die „NS-Kulturgemeinde“ in Weimar, weil dieser Name eine Beschmutzung der deutschen Kultur bedeuten würde. Von Juli 1937 an hieß das Lager deshalb „K.L. Buchenwald“. Die Errichtung eines KZ auf dem historischen Gelände hat die NS-Kulturbewahrer nicht gestört.

          Bomben über Weimar

          Während des Krieges wurden viele deutsche Städte, auch Weimar, heftig bombardiert. Aus Sorge um den Erhalt der Zeugnisse der Weimarer Klassik wurde über den „Schutz von Kulturstätten, Kunstschätzen und Kulturgütern“ beraten. Der Oberbürgermeister Otto Koch bestellte bei der Lagerverwaltung des KL Buchenwald mehrere Dutzend Holzkisten mit abschließbarem Deckel, die von den Häftlingen angefertigt werden sollten. Die vollgepackten Kisten wurden in den bombensicheren Keller der Nietzsche-Gedächtnishalle verbracht.

          Die Vorsorge war begründet: Am 9. Februar 1945 warfen alliierte Bomber in drei Wellen über eintausend Bomben über Weimar ab. Alle Stadtteile wurden getroffen, am meisten litt die Innenstadt. Das Nationaltheater, das Goethe- und das Schillerhaus, die Herderkirche und viele historische Gebäude wurden getroffen, beschädigt oder zerstört.

          An diesem Tage war auch ich in Weimar. Als eine Etappe des Todesmarsches von Auschwitz kamen wir, einige tausend Häftlinge, in offenen Waggons vom KZ Groß-Rosen im Weimarer Bahnhof an. Der Zug sollte auf das Gleis nach Buchenwald rangiert werden, als der Angriff kam. Die SS-Wachen flüchteten; einige von uns auch, darunter ich. Als es Entwarnung gab, mussten wir wieder in den Zug. Der ganze Bahnhof ist zerstört worden, nur das Nebengleis nach Buchenwald war intakt. Es dauerte nur kurze Zeit, und wir waren in Buchenwald. Ich kam in das berüchtigte „Kleine Lager“.

          Leben, Leiden, Schaffen

          Im Jahre 1999 wurde Weimar von der Unesco zur „Kulturhauptstadt Europas“ erklärt. Aus diesem Anlass wurde beschlossen, eine Ausstellung zu organisieren, in welcher die Intellektuellen und Künstler unter den Häftlingen vorgestellt werden sollten. Man erinnerte sich an die wohl erst wenige Jahre zuvor wiederentdeckten Kisten, die von den Buchenwald-Häftlingen angefertigt worden waren, und es wurde beschlossen, 73 Kisten zu rekonstruieren: Jeder der ausgewählten Häftlinge sollte „seine“ Kiste bekommen.

          Die Ausstellung hatte den Titel „Leben - Terror - Geist“. Die Konzeption wurde erarbeitet unter anderen von Volkhard Knigge, dem Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, und von Axel Dossmann. Fünfzehn Wissenschaftler und Übersetzer haben das Leben, Leiden, Schaffen und Texte der 73 ausgewählten Persönlichkeiten erforscht und übersetzt.

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