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Korrekte Anrede : Für uns immer noch Herr Freiherr zu Guttenberg

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Karl-Theodor zu Guttenberg im Februar auf einem Termin in Mürwik Bild: dpa

Konsequent spricht die Bayreuther Kommission in ihrem Plagiats-Gutachten vom „Herrn Freiherrn“. Das klingt sonderbar. Warum vermied man das oft gehörte „Herr Baron“? Vom korrekten republikanischen Umgang mit adliger Delinquenz.

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          Eines der vielen bemerkenswerten Details des Berichts der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ der Universität Bayreuth „aus Anlass der Untersuchung des Verdachts wissenschaftlichen Fehlverhaltens von Herrn Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg“ ist die etwas ungewöhnliche Titulatur des fränkischen Freiherrn. Dieser wird im Bericht mit beachtenswerter Konsequenz als „Herr Freiherr zu Guttenberg“ bezeichnet. Mit Guttenbergs Rechtsanwalt, Leopold Graf von Kalckreuth, wird analog verfahren.

          Man muss kein Leser des äthiopischen Prinzen und ehrlichen Doktors Asfa-Wossen Asserate sein, um über die Anrede „Herr Freiherr“ zu stolpern. Damit genau diese Formel vermieden werden konnte, hatte sich im deutschen Sprachraum die Anrede „Herr Baron“ eingebürgert, obwohl dieser Adelstitel in Deutschland eigentlich nicht bekannt ist. Guttenberg ist, als er eine politische Zukunft noch vor sich zu haben schien, einmal als „Baron aus Oberfranken“ bezeichnet worden. Nach dem klassischen Adelsrecht und dem bis heute ín Guttenbergs Kreisen praktizierten Brauchtum wurde die Anrede „Herr Baron“ allerdings nur vom Hauspersonal, also in einem eher familiären Rahmen, benutzt. Offiziell wurden die Adeligen mit ihrem Titel, ohne die Voranstellung des ursprünglich auch adeligen, später aber in das Bürgerliche gewanderten „Herr“ angeredet. Das war die Rechtslage bis 1918.

          Mit Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung am 11. August 1919 wurde ein neues Kapitel im deutschen Namensrecht aufgeschlagen; ihr Artikel 109 erklärte die Adelstitel zu bloßen Namensbestandteilen. Im benachbarten Österreich hatte man einen radikaleren Weg gewählt und mit dem Gesetz über die Aufhebung des Adels 1919 das Führen aller Adelsbezeichnungen verboten. Die deutsche Rücksicht auf die Tradition machte die Rechtslage keineswegs einfacher. Schwierig war sie freilich schon vor 1918; so hatte 1898 der deutsche Juristentag in Posen über die Frage debattiert, ob das Adelsprädikat „von“ ein Namensbestandteil sei, was für den Erwerb eines Adelsnamens durch Adoption oder uneheliche Geburt durchaus relevant war.

          Seltene Konsequenz

          Diese Probleme multiplizierten sich in der Republik, da die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs, wie bereits der Name erkennen lässt, nicht völlig auf die Adelsnamen passten. 1925 wurde in München die Ehefrau eines Freiherrn von Werthern als „Johanna Freiherr von Werthern“, in Breslau 1924 eine Gräfin Matuschka als „Thekla Graf von Matuschka“ in das amtliche Familienbuch eingetragen. Besonders republikanisch gesinnte Standesbeamte hielten das BGB für buchstabengetreu anwendbar: Gemäß dem damals geltenden Paragraphen 1355 habe nun einmal die Ehefrau den Familiennamen des Mannes zu führen. Diese etwas eigenwillige Praxis fand erst mit einem Urteil des Reichsgerichts 1926 ein Ende. Es sah keinen rechtlichen Grund, in der Namensführung ehemals adeliger Familien vom bisherigen Sprachgebrauch, der zwischen Graf und Gräfin unterscheidet, abzuweichen.

          An der republikanischen Neuerung, dass die Adelstitel nur noch Bestandteile des Familiennamens sind, hielt das Gericht jedoch fest, und an dieser Rechtslage hat sich bis heute nichts geändert. Zwar kommt es immer wieder vor, dass einzelne Adelige, nicht nur die Freiherren zu Guttenberg, mit ihrem Titel, also der alten Standesbezeichnung, angeredet werden. Dem deutschen Namensrecht, das seit 1918 zwischen bürgerlichen und adeligen Familiennamen nicht mehr unterscheidet, entspricht dies jedoch keineswegs; es ist allein eine besondere Form der Höflichkeit gegenüber den adeligen Familien, manchmal auch Ausdruck einer diffusen Sehnsucht nach monarchischem Glanz. Der Aufstieg eines Politikers wie Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg mag in dieser unbestimmten Sehnsucht eine Erklärung finden.

          Gesprächsweise bemerkte der Präsident einer Berliner Universität, ihn bestätige die Affäre in seiner Ansicht, dass Adlige zu ihrer alten Sitte zurückkehren sollten, von der Promotion abzusehen, um die durch die Kombination von Adelstitel und akademischem Grad erzeugten protokollarischen Verlegenheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. In dem Gutachten der Bayreuther Kommission wurde aus dem altadeligen Freiherrn nicht nur ein bürgerlicher Herr, in dessen Familienname zufällig das Wort Freiherr auftaucht; überwiegend findet der frühere Bundesminister und Doktor seinen nunmehr mediatisierten Familiennamen zu „Herr Frhr. zu Guttenberg“ abgekürzt. Selten wohl hat eine deutsche Behörde nach 1945 das republikanische Prinzip mit solcher Konsequenz angewendet wie nunmehr die Universität Bayreuth.

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