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Koran-Verteilung : Alle Spuren führen nach Ägypten

  • -Aktualisiert am

„Allahs Fluch über sie!“: Koran-Verteilung in deutscher Innenstadt Bild: dapd

Wer steckt hinter der Verteilung von Koran-Exemplaren? Nicht nur der Blick auf die Übersetzung und ihren Verfasser verweist auf Zusammenhänge mit dem Erstarken der ägyptischen Salafisten.

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          Für die Aufregung um die Aktion „Lies!“ ist es bezeichnend, dass bislang Einzelheiten über die verteilte Koran-Ausgabe und ihren Übersetzer kaum bekannt wurden. Die Fassung der von den Salafisten massenhaft verteilten Gratis-Korane trägt den Titel „Der edle Quran. Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache“. Vorgelegt hat sie bereits in den achtziger Jahren ein deutsch-ägyptischer Rechtsgelehrter aus Köln unter dem Namen Abu-r-Rida Muhammad ibn Ahmad ibn Rassoul. Wie mehrere andere hierzulande zirkulierende deutsche Koranausgaben - dazu gehört ebenso eine vom saudischen Staat autorisierte Übersetzung wie eine aus Kreisen der Ahmadiyya-Bewegung - dient auch sie missionarischen Zwecken. Wie die beiden erwähnten Versionen, verwendet auch Rassoul in Abgrenzung von zeitgenössischen deutschen Orientalisten, die den Begriff „Gott“ bevorzugen, konsequent den Terminus „Allah“.

          Das hat keineswegs nur stilistische Gründe. Mit dem Wort „Allah“ ist man bereits beim Arabischen, der Sprache der islamischen Offenbarung. Damit meint man wohl gerade bei spirituell suchenden Nichtmuslimen auf fruchtbaren Boden zu treffen. Auch Rassouls Bezeichnung des islamischen Gottes als der „Allwissende“, „Allhörende“, „Allsehende“ oder „Allweise“ soll den empfänglichen Leser näher an das Arabische heranführen: Gezielt wird damit auf die „99 Namen Allahs“, die fromme Muslime zu rezitieren pflegen. Im Arabischen beginnen sie allesamt mit dem bestimmenden Artikel „al-“, wodurch phonetisch eine Affinität zur deutschen Vorsilbe „all-“ erzeugt wird.

          Entschärft der Übersetzer den Koran?

          Nicht ohne Grund haben deutsche Koranübersetzer mit wissenschaftlichem Anspruch wie Rudi Paret oder neuerdings Hartmut Bobzin diese Termini ebenso gemieden wie eine weitere Praxis Rassouls. Um Authentizität zu suggerieren, werden von ihm nämlich etliche religiöse Leitbegriffe in der Originalsprache belassen und lediglich ins Deutsche transkribiert: etwa Dschahiliya (vorislamische Zeit der „Unwissenheit“), Aya (Koranvers) oder besonders gern auch Dschahanam (Hölle).

          Die Drohung mit dem „Dschahanam“ ist derzeit bei salafistischen Aktivisten denn auch eine besonders beliebte Taktik. Den Koran bei der Übersetzung zu verfälschen, ist indes kaum die Intention von islamischen Missionaren. Nichtsdestotrotz erweckt Rassoul als Übersetzer bisweilen den Eindruck, als versuche er manch militantem Koranspruch die Schärfe zu nehmen. Besonders auffällig in diesem Zusammenhang ist Rassouls Übersetzung von Vers 9:30, in dem es um die Konfrontation mit Juden und Christen geht und der von Islamkritikern als direkte Kriegserklärung ausgelegt wird. Rassouls Version lautet „Allahs Fluch über sie!“, während Orientalisten und sogar die saudische Version mit „Allah bekämpfe sie!“ eine deutlich schärfere, weil offensivere Variante vorziehen.

          Missionar unterstützt Koranschenkungen

          Über Rassoul ist nur so viel bekannt, dass er, zumindest als die erste Auflage seiner Koranübersetzung erschien, Imam einer Moschee in Köln war. Dort soll er damals auch den Verlag „IB Islamische Bibliothek“ gegründet haben, der bis heute aktiv ist. Aufgefallen war Rassoul, dessen Koranversion sich seit ihrem Erscheinen in hiesigen Konvertitenkreisen großer Beliebtheit erfreut, im Jahr 1993, als er unter dem etwas kompakteren Namen Muhammad Ahmad Rassoul im eigenen Verlag seine programmatische Schrift „Das deutsche Kalifat“ veröffentlichte. Rassoul (arabisch für Gesandter) zog darin gegen die Staatsform der Demokratie zu Feld, prophezeite ihren Untergang und propagierte die Errichtung eines deutschen Kalifats. Er plädierte dafür, die „Herzen der Deutschen für den Islam schlagen zu lassen und das Kalifat...auf dem deutschen Boden als leuchtendes Beispiel für Europa und die übrige Welt entstehen zu lassen“. Dass der Verfasser wegen des Pamphlets von staatlicher Seite sanktioniert wurde, ist nicht bekannt. Auch heute wird es hierzulande von mehreren islamischen Online-Shops angeboten. Auf Ebay ist es für 6,50 Euro verlagsfrisch zu haben.

          Nicht nur über den Koranübersetzer Rassoul führt die salafistische Spur nach Ägypten, sondern auch über in Deutschland wirkende ägyptisch-muslimische Missionare. Zumindest einer von ihnen unterstützt aktiv die aufsehenerregenden Koranschenkungen. Es handelt sich um den in Berlin lebenden Deutschägypter Reda Seyam, dem - nachdem er sich für die Gotteskrieger in Bosnien eingesetzt und sich kurz vor den verheerenden Anschlägen von 2002 auf Bali aufgehalten hatte - Kontakte zu Al Qaida nachgesagt werden. Nachweisen konnte man ihm diese bislang aber nicht.

          Seyam, der schon in Bosnien als Dschihadisten-Filmer unterwegs war, hat sich in den letzten Jahren auf die Missionsarbeit verlegt und als Medienexperte und Verleger in der hiesigen arabischen Salafistenszene einen Namen gemacht. Die auf ihn registrierte Internetseite „Al-Risalah“ (Die Botschaft) begleitet ebenso intensiv die Koranverteilungen wie die von Ibrahim Abou Nagie unterhaltene Website „Die wahre Religion“. Im Übrigen leben beide, im Fall von Seyam war dies zuletzt 2007 dokumentiert, von Sozialhilfe.

          Die Strategien der Missionare

          Auf Seyams „Al-Risala“ finden sich Videos und Berichte, die die Koran-Aktion dokumentieren. Für die Videoclips zeichnet der „As-Sunna-Verlag“ verantwortlich, der ebenfalls über einen Internetauftritt verfügt und islamisch-missionarische Literatur in deutscher Sprache vertreibt. Eines der Bücher ist mit dem offensiven Titel versehen „Du‘a (Anrufung Gottes) - Die Waffe des Gläubigen“. Seyam, der 2007 nicht nur in Berlin Aufsehen erregte, als er allen Protesten zum Trotz seinen Sohn „Dschihad“ nannte, beherrscht die Kunst der Tarnung. Während er sich im arabischen Ausland als Inhaber des „As-Sunna-Verlags“ präsentiert, ist auf dessen Internetseite im Impressum ein Konvertit mit deutschem Namen angegeben.

          Bei seinen Auftritten im Ausland - außer in arabischen Ländern neuerdings auch etwa in Spanien - begleitet Seyam häufig ein weiterer in Deutschland aktiver ägyptischer Salafist, der Berliner Imam Hossam El-Gabry. Im vergangenen Herbst war das Salafisten-Duo beim arabischen Satellitensender „Al-Khalijia“, den konservative saudische Kreise betreiben, zu Gast. Der ebenfalls aus Ägypten stammende Moderator interessierte sich für die Lage der islamischen Missionsbewegung in Deutschland. In vertrauter Gesprächsatmosphäre beklagten seine Gäste die negative Darstellung der Muslime in den deutschen Medien, die aus El-Gabrys Sicht wie generell im Westen „von den Juden beherrscht“ würden.

          Erstarken der Islamisten in Ägypten

          Seyam vertrat die Auffassung, man sollte deutsche Nichtmuslime weniger mit wissenschaftlichen Argumenten ansprechen, sondern sich vielmehr auf die Propagierung des islamischen Einheitsglaubens konzentrieren. Entschlossenheit sei gefragt, denn die Deutschen seien häufig infantil und ihre Charakterstruktur weise schwere Defizite auf: Schätzungen zufolge, so Seyam, litten einundvierzig Prozent der Deutschen an psychischen Störungen.

          Beide Salafisten waren sich einig, dass sich die islamische Missionierung in Deutschland nach wie vor schwierig gestalte. Verleger Seyam klagte darüber, dass es noch immer an geeigneter islamischer Literatur auf Deutsch mangele, weshalb er nun mit Gesinnungsgenossen aus Ägypten zusammenarbeite; dort habe man mehr Erfahrung mit der Übertragung missionarischer Schriften in europäische Sprachen. Vor diesem Hintergrund darf die Verteilung von Gratisexemplaren des Korans, die kurz nach diesem Fernsehauftritt startete, als Versuch einer an sich überschaubaren Salafisten-Gruppe gewertet werden, sich im deutschsprachigen Raum mit einer spektakulären Aktion aus dem Schattendasein ins öffentliche Bewusstsein zu katapultieren.

          Mit derartigen Unterfangen wird man in Zukunft wohl häufiger rechnen müssen, denn offenbar feuert das Erstarken der Islamisten in Ägypten den Eifer der deutsch-arabischen Missionare zusätzlich an. Wer nach einer Verbindung zwischen diesen beiden Gruppen sucht, wird schnell fündig. So ist der Ägypter Hossam El-Gabry Mitglied der Organisation „Europäisches Institut für islamische Angelegenheiten“, die ihren Sitz in Antwerpen hat. Auf ihrer offiziellen Facebook-Seite lächelt den Besucher ein mittlerweile weltweit bekannter bärtiger Mann freundlich an: Es ist der salafistische ägyptische Präsidentschaftskandidat Hazem Abu Ismail, für dessen Wahl hier geworben wird, auch wenn er seit kurzem nicht mehr kandidieren darf.

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