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Koran-Verteilung : Alle Spuren führen nach Ägypten

  • -Aktualisiert am

Nicht nur über den Koranübersetzer Rassoul führt die salafistische Spur nach Ägypten, sondern auch über in Deutschland wirkende ägyptisch-muslimische Missionare. Zumindest einer von ihnen unterstützt aktiv die aufsehenerregenden Koranschenkungen. Es handelt sich um den in Berlin lebenden Deutschägypter Reda Seyam, dem - nachdem er sich für die Gotteskrieger in Bosnien eingesetzt und sich kurz vor den verheerenden Anschlägen von 2002 auf Bali aufgehalten hatte - Kontakte zu Al Qaida nachgesagt werden. Nachweisen konnte man ihm diese bislang aber nicht.

Seyam, der schon in Bosnien als Dschihadisten-Filmer unterwegs war, hat sich in den letzten Jahren auf die Missionsarbeit verlegt und als Medienexperte und Verleger in der hiesigen arabischen Salafistenszene einen Namen gemacht. Die auf ihn registrierte Internetseite „Al-Risalah“ (Die Botschaft) begleitet ebenso intensiv die Koranverteilungen wie die von Ibrahim Abou Nagie unterhaltene Website „Die wahre Religion“. Im Übrigen leben beide, im Fall von Seyam war dies zuletzt 2007 dokumentiert, von Sozialhilfe.

Die Strategien der Missionare

Auf Seyams „Al-Risala“ finden sich Videos und Berichte, die die Koran-Aktion dokumentieren. Für die Videoclips zeichnet der „As-Sunna-Verlag“ verantwortlich, der ebenfalls über einen Internetauftritt verfügt und islamisch-missionarische Literatur in deutscher Sprache vertreibt. Eines der Bücher ist mit dem offensiven Titel versehen „Du‘a (Anrufung Gottes) - Die Waffe des Gläubigen“. Seyam, der 2007 nicht nur in Berlin Aufsehen erregte, als er allen Protesten zum Trotz seinen Sohn „Dschihad“ nannte, beherrscht die Kunst der Tarnung. Während er sich im arabischen Ausland als Inhaber des „As-Sunna-Verlags“ präsentiert, ist auf dessen Internetseite im Impressum ein Konvertit mit deutschem Namen angegeben.

Bei seinen Auftritten im Ausland - außer in arabischen Ländern neuerdings auch etwa in Spanien - begleitet Seyam häufig ein weiterer in Deutschland aktiver ägyptischer Salafist, der Berliner Imam Hossam El-Gabry. Im vergangenen Herbst war das Salafisten-Duo beim arabischen Satellitensender „Al-Khalijia“, den konservative saudische Kreise betreiben, zu Gast. Der ebenfalls aus Ägypten stammende Moderator interessierte sich für die Lage der islamischen Missionsbewegung in Deutschland. In vertrauter Gesprächsatmosphäre beklagten seine Gäste die negative Darstellung der Muslime in den deutschen Medien, die aus El-Gabrys Sicht wie generell im Westen „von den Juden beherrscht“ würden.

Erstarken der Islamisten in Ägypten

Seyam vertrat die Auffassung, man sollte deutsche Nichtmuslime weniger mit wissenschaftlichen Argumenten ansprechen, sondern sich vielmehr auf die Propagierung des islamischen Einheitsglaubens konzentrieren. Entschlossenheit sei gefragt, denn die Deutschen seien häufig infantil und ihre Charakterstruktur weise schwere Defizite auf: Schätzungen zufolge, so Seyam, litten einundvierzig Prozent der Deutschen an psychischen Störungen.

Beide Salafisten waren sich einig, dass sich die islamische Missionierung in Deutschland nach wie vor schwierig gestalte. Verleger Seyam klagte darüber, dass es noch immer an geeigneter islamischer Literatur auf Deutsch mangele, weshalb er nun mit Gesinnungsgenossen aus Ägypten zusammenarbeite; dort habe man mehr Erfahrung mit der Übertragung missionarischer Schriften in europäische Sprachen. Vor diesem Hintergrund darf die Verteilung von Gratisexemplaren des Korans, die kurz nach diesem Fernsehauftritt startete, als Versuch einer an sich überschaubaren Salafisten-Gruppe gewertet werden, sich im deutschsprachigen Raum mit einer spektakulären Aktion aus dem Schattendasein ins öffentliche Bewusstsein zu katapultieren.

Mit derartigen Unterfangen wird man in Zukunft wohl häufiger rechnen müssen, denn offenbar feuert das Erstarken der Islamisten in Ägypten den Eifer der deutsch-arabischen Missionare zusätzlich an. Wer nach einer Verbindung zwischen diesen beiden Gruppen sucht, wird schnell fündig. So ist der Ägypter Hossam El-Gabry Mitglied der Organisation „Europäisches Institut für islamische Angelegenheiten“, die ihren Sitz in Antwerpen hat. Auf ihrer offiziellen Facebook-Seite lächelt den Besucher ein mittlerweile weltweit bekannter bärtiger Mann freundlich an: Es ist der salafistische ägyptische Präsidentschaftskandidat Hazem Abu Ismail, für dessen Wahl hier geworben wird, auch wenn er seit kurzem nicht mehr kandidieren darf.

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