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Kopftuchstreit : Die Falle des Laizismus

Weshalb die Öffentlichkeit religiöser Symbole demokratisch ist.

          Im Kopftuchstreit wird die Forderung nach einem laizistischen Staat laut, der alle religiösen Symbole gleich weit aus der Öffentlichkeit verbannt. Als Vorbild nennt man vermehrt - eine hübsche Pointe zur parallel geführten EU-Debatte - auch die Türkei. Deren Laizismus solle zur "globalen Politik" werden, empfahl der Filmregisseur und Berlinale-Gewinner Fatih Akin kürzlich in einem Interview: "Religion hat in der Politik nichts zu suchen." Auch der Schriftsteller Thorsten Becker, der zuletzt mit der türkischen Geschichts- und Gastarbeiter-Saga "Sieger nach Punkten" hervorgetreten ist, plädierte in einem Zeitungsbeitrag emphatisch dafür, die "rückständige Verfassung" der Bundesrepublik "den fortgeschrittenen" Konstitutionen Frankreichs und der Türkei in diesem Punkt anzugleichen: "Was ich in religiösen Dingen denke, das ist Privatsache, und als Bürger verlange ich von meinem Staat Garantien dafür, sonst brauche ich ihn nicht."

          Solche Auffassungen stoßen in Deutschland auf instinktive Vorbehalte - nicht bloß bei den Verteidigern kirchlicher Interessen, sondern auch bei vielen anderen, die in einer Phase des Umbruchs weniger aus religiösen als aus kulturellen Gründen wenigstens noch einige vertraute Rahmenbedingungen bewahren wollen. Doch das Zusammenleben verschiedener Traditionen verlangt dem Status quo heute weiter gehende Begründungspflichten ab, als sie bisher üblich waren. Das ist eine irritierende Situation: So lange auch schon von Globalisierung und multikultureller Gesellschaft gesprochen wird, so wenig ist die Konsequenz aus der Tatsache, daß man sich auf ein unausgesprochenes Einverständnis aufgrund gemeinsamer Sprache, Geschichte und Gebräuche nicht mehr ohne weiteres verlassen kann, bisher gezogen. Häufig behilft man sich mit Abwehrreflexen, etwa indem man unter "Globalisierung" nur eine westlich dominierte Massenkultur oder abstrakte Finanzströme verstehen will, die die europäischen Identitäten nicht besonders zu berühren brauchen. Oder indem man "Multikulturalismus" bloß als eine etwas naive ästhetisch-politische Wahlmöglichkeit auffaßt, so als könne man sich auch dafür entscheiden, mit Angehörigen anderer Kulturen nicht zusammenzuleben.

          Selbst die kluge, wohlabgewogene Rede von Bundespräsident Rau zum Lessing-Geburtstag hatte ihre Leitidee - "Unsere Gesellschaft ist kein religionsfreier Raum, und Religion ist nicht bloß Privatsache" - ja aus dem bisherigen Status quo in Deutschland abgeleitet und weitgehend darauf verzichtet, sie grundsätzlich zu begründen. Die Frage aber ist, ob die Duldung der Religion im öffentlichen, auch staatlichen Raum tatsächlich nicht bloß für einzelne Religionsgemeinschaften gut ist, sondern für das gesamte Gemeinwesen, also auch für Angehörige von Minderheiten-Religionen und nicht religiös Gebundene. Bliebe eine Antwort aus, so müßte man annehmen, die bisherige deutsche Praxis könne einer rationalen und demokratischen Überprüfung auf Dauer nicht standhalten.

          Auf den ersten Blick scheint die These, Religion sei Privatsache, alle Plausibilität für sich zu haben: Kann es etwas Persönlicheres, Intimeres geben als Intuitionen und Überzeugungen in diesem Bereich, und sind nicht tatsächlich alle Versuche, diese Intimität auf einen außerreligiösen kollektiven Nenner zu bringen, sei er kultureller oder politischer Art, als ideologische Anmaßungen entlarvt worden? Doch bekanntlich ist die Religion nicht das einzige Rückzugsgebiet der Intimität: Auch Liebe und Kunst, um nur einmal diese zu nennen, vertragen äußerliche Vereinnahmung schlecht - und doch würde man das Verbot, den einschlägigen Erfahrungen einen öffentlichen Ausdruck zu geben, zu Recht als barbarisch empfinden.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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