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Kopftuch-Urteil : Eine Gefahr für die offene Gesellschaft

Natürlich diskutieren, heute wie beim Ludin-Urteil, Eltern darüber, was sie tun könnten, um ihre Kinder vor einer Auseinandersetzung zu bewahren, die sie kaum bestehen können. Es wird nicht nur im Internet heftig debattiert, ob und wie man die staatliche Garantie der weltanschaulich neutralen Schule einfordern könnte. Doch vielleicht gibt es die gar nicht mehr? Im Karlsruher Beschluss ist es nachzulesen: „Ein etwaiger Anspruch, die Schulkinder vom Einfluss solcher Lehrkräfte fernzuhalten, die einer verbreiteten religiösen Bedeckungsregel folgen, lässt sich hieraus nicht herleiten.“ Gemeint ist Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes.

Störung des Schulfriedens

„Privatschulen – wir kommen!“, twitterte am Samstag ein Vater. Wer diese Wahl aber nicht hat? Wer zum Beispiel seine alevitischen, barhäuptigen Töchter in eine Schule schicken muss, in der selbsternannte muslimische Sittenwächter, Jungen wie Mädchen, sie mobben, weil sie angeblich religiöse Regeln verletzen? Was tun, wenn Patriarchenväter in Schulen mit einem hohem Anteil muslimischer Schüler den kopftuchlosen Lehrerinnen nicht mehr nur den Handschlag und die Klassenfahrtzusage für die Töchter verweigern, sondern auf einer sichtbar frommen Lehrerin bestehen? Das könnte man vielleicht als Störung des Schulfriedens ansehen. Doch was unter diesem schwammigen Begriff zu verstehen ist, bleibt auch nach dieser Entscheidung der jeweiligen Perspektive überlassen.

Die Geschichte jener Berliner Schule, die sich lange weigerte, einem radikalislamischen Schüler das öffentliche Gebet auf dem Schulflur zu gestatten, und ihm schließlich einen (dann selten benutzten) Gebetsraum zuwies, ist heute fast vergessen. Bevor jedoch das Urteil damals gefällt wurde, bevor es überhaupt vor Gericht ging, war ein mühsam errungener Schulfriede empfindlich gestört. Eine egalitäre, tolerante Schulgemeinschaft, dafür geschätzt gerade von säkularen Muslimen und Familien mit Dutzenden anderen Weltanschauungen, drohte am religiösen Eifer einiger weniger zu zerbrechen, und es hat empörend lange gedauert, bis sie Gehör fand.

Die Segregation wird zunehmen

Lebensfremd sei das, was da in Karlsruhe beschlossen wurde, sagt eine Schulleiterin, die anonym bleiben will, weil ihr eine radikale Moscheegemeinde in der Nähe ohnehin schon schwer zusetzt. Aber lebensfremd ist das leider nicht, sondern nur Alltag, den viele irgendwie ertragen, aber nicht schätzen. Dieser Beschluss wird unser Leben verändern, er polarisiert und entsolidarisiert. Vor allem da, wo religiöse Gebote des Islam schon heute über allen Vereinbarungen einer säkularen Gesellschaft stehen. Eltern, die ihren Kindern die Freiheit der Wahl lassen wollen, mit oder ohne Kopftuch zu leben, geraten noch mehr unter Anpassungsdruck. Lehrer können davon ein trauriges Lied singen. Es ist ein sozialer Druck, der vor allem auf den Mädchen und Frauen in vielen muslimisch geprägten Vierteln lastet. Wer sich entziehen kann, wird das tun und weggehen. Wer bleiben muss, kann nur auf Solidarität hoffen, die aber hierzulande noch nie groß war. Und die Segregation wird noch einmal zunehmen – in die eine und die andere Gesellschaft.

Sie wünsche sich, dass die Freiheit, selbstbestimmt zu leben, irgendwann einmal kein harterkämpftes Privileg mehr sei, schrieb die Schauspielerin Sibel Kekilli vor einer Woche in der F.A.Z.. Sie sprach für die Frauen, die die Zwangsgemeinschaft der strengen muslimischen Regeln gern verlassen würden, es aber nicht schaffen, weil der Preis so hoch ist, weil sie fürchten, verstoßen zu werden. Wer den Kopftuchbeschluss für einen Meilenstein der Integration und ein Bekenntnis zur offenen Gesellschaft hält, wird das nie verstehen.

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