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Konzert von Little Simz : Manchmal introvertiert – nur nicht heute

Das Frankfurter Publikum reagiert mit Händen und Füßen auf die Grooves von Little Simz. Bild: Saskia Stöhr

Die britische Rapperin Little Simz stellt nach Corona-Pause endlich ihr Meisterwerk „Sometimes I Might Be Introvert“ in Deutschland vor. Mit ihren wütenden Gesellschaftsanalysen versetzt sie das U-30-Publkium in Verzückung.

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          Little Simz ist eine Musikerin, deren Auftritt man sich genauso im Abendkleid mit Streichorchester wie im Hoodie mit Soundsystem vorstellen kann. Ihre Musik schafft es mit leichter Hand, ihre sehr persönlichen, zwischen Wut und klarer Gesellschaftsanalyse vermittelnden Raps mit der orchestralen Opulenz des Südstaaten-Soul, der Kühle von Achtzigerjahre-Elektronik und vertrackten afrikanischen Rhythmen zu verbinden.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Am Sonntagabend hat sich die britische Künstlerin für die Hoodie-Variante mit Sonnenbrille und Baseball-Cap entschieden und damit dem frenetischen U-30-Publikum im Frankfurter Musikklub Zoom im wahrsten Sinne auf die Sprünge geholfen.

          „Energy“ war das meistgebrauchte Wort in ihren Ansagen. Und tatsächlich entsteht zwischen der 28 Jahre alten Londonerin mit nigerianischen Wurzeln und ihrem Publikum eine bemerkenswerte Verbindung.

          Little Simz fesselt ihr Publikum in Frankfurt 90 Minuten lang.
          Little Simz fesselt ihr Publikum in Frankfurt 90 Minuten lang. : Bild: Saskia Stöhr

          Die eleganten Songs ihres aktuellen Albums „Some­times I Might Be Introvert“ interpretiert sie sehr dynamisch, unter den Titeln der Vorgänger-Platte „Grey Area“ gibt es ohnehin einige schnelle und rhythmische, die ihre Fans von selbst in Bewegung versetzen.

          „Frankfurt, I need your energy“, ruft sie ihnen zu ihrem Hit „Selfish“ zu. „My best friend is I“, singt sie darin und liefert eine kleine Anleitung, wie man als Egozentrikerin leichter durchs Leben kommt. Das Publikum bringt sich textsicher ein.

          „Protect My Energy“ heißt einer ihrer Songs vom jüngsten Album, der ihren Leitbegriff aufgreift. Mit seinen Reminiszenzen an Prince markiert er das elektronische Extrem ihres Repertoires – „Point and Kill“ verweist am deutlichsten auf ihre afrikanischen Wurzeln.

          Die Britin mach Rassismus und Gewalt zum Gegenstand ihrer Songs.
          Die Britin mach Rassismus und Gewalt zum Gegenstand ihrer Songs. : Bild: Saskia Stöhr

          Immer wieder wirft Little Simz, die als Simbiatu Ajikawo in der britschen Hauptstadt auf die Welt gekommen ist, autobiographische Bröckchen in den Raum. „Als ich aufwuchs, glaubten die Leute nicht, dass ich etwas konnte“, gibt sie in einer Ansage preis. Doch das Multitalent spielte schon früh in englischen Fernsehserien mit, nahm als Jugendliche ihre ersten Rap-Titel auf, gründete ihr eigenes Plattenlabel Age 101 und wurde inzwischen mehrmals für wichtige Musik-Awards nominiert.

          Die Anfangsbuchstaben ihrer Platte „Sometimes I Might Be Introvert“ ergeben Simbi, neben ihrem Künstlernamen ein weiterer Kosename, den ihr Freunde gegeben haben. Schon seit ihrer Jugend ist sie mit dem Musiker Dean Josiah Cover befreundet, der mit dem Künstlernamen Inflo inzwischen zum meistbeachteten Musikproduzenten des Landes geworden ist.

          Von The Kooks über Michael Kiwanuka bis zu Adele reicht die Gilde der Musiker, die sich von ihm schon haben unterstützen lassen. Sein eigenes Projekt Sault hat in den vergangenen Jahren eine beispiellose Kreativität und Produktivität an den Tag gelegt. Inflo ist auf allen Titeln von Little Simz’ viertem Album Ko-Komponist.

          Nach etwa der Hälfte des Konzerts hüllt sich der Frankfurter Konzertsaal in rotes Licht. Little Simz zieht die Kapuze ihres roten Hoodies über das Cap. Der bombastische Streicher-Riff des Album-Titelsongs „Introvert“ füllt den gesamten Saal aus, übrigens den bestklingenden in Frankfurt. Von der Wirkung irgendetwas zwischen „Slave to the Rhythm“ von Grace Jones und „War of the Worlds“ von Jeff Wayne, aber viel wütender. Ein Klassiker für die Zwanzigerjahre.

          Die dynamischeren Songs ihres Albums „Grey Area“ funktionieren auf der Bühne genauso wie die facettenreichen neueren Stücke.
          Die dynamischeren Songs ihres Albums „Grey Area“ funktionieren auf der Bühne genauso wie die facettenreichen neueren Stücke. : Bild: Saskia Stöhr

          Hier stecken all ihre persönlichen Themen drin, die sie anprangert: Korruption und Rassismus – „Parts of the world still living in apartheid“ – und schließlich die Frage, wie sie sich persönlich dazu stellt: „Manchmal könnte ich introvertiert sein.“ Sie brauche eine Lizenz dafür, innere Wunden zu fühlen.

          Gespräche ließen offen, ob Simz, die Künstlerin, oder Simbi, die Freundin, gemeint war. Der Song ist ein Dokument der künstlerischen Reflexion in diesem Jahrzehnt. „One day I’m wordless, next day I’m a wordsmith“, singt sie und fährt fort, dass sie nur die Hoffnung habe, das Ziel ihres Vorbilds Amy Winehouse zu erreichen.

          Die besten Songs aus ihrem Repertoire erzeugen diese Eindringlichkeit aus gesellschaftlichen Umständen und persönlicher Betroffenheit. Im getragenen „Little Q“ mit seiner unwiderstehlichen Lalala-Melodie und einem passenden Chorarrangement rappt ihr lyrisches Ich über das Leben eines 14 Jahre alten Mädchens im Süden Londons, über eine lebensbedrohliche Verletzung, einen abwesenden Vater, einen Bruder im Gefängnis.

          Passende Lightshow für einen schwungvollen Auftritt
          Passende Lightshow für einen schwungvollen Auftritt : Bild: Saskia Stöhr

          Little Simz wirkt wie das weibliche Pendant zum Rap-Genie Kendrick Lamar aus Los Angeles. Sie ist ähnlich einfallsreich und offen für musikalische Einflüsse. Ihr Facettenreichtum ist herausfordernd, doch es gelingt ihr, ihre Genre-Vorbilder konsistent zu einem eigenen Stil zu verweben. Ihr Charisma ist wie das von Lamar außergewöhnlich, ihre Qualitäten als Rapperin sind beachtlich.

          Doch das bemerkenswerteste ist ihr Songwriting, diese Freude daran, Melodien zu erschaffen, die man so schnell nicht mehr vergisst, sie durch Arrangements unverwechselbar zu machen und von sozialen Umständen zu singen, die sie schonungslos sichtbar macht.

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